Nachruf: Wir sind nicht allein

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Bei Arthur C. Clarke flog der Mensch bereits vor sechzig Jahren auf den Mond – und noch viel weiter. Der am Mittwoch auf Sri Lanka verstorbene Engländer gehörte zu den stilbildenden Größen der Science-Fiction.

Er war seiner Zeit voraus. In den Vierzigerjahren behauptete der Brite Arthur C. Clarke, dass der Mensch bis zur Jahrtausendwende auf dem Mond landen werde. Da arbeitete Wernher von Braun für seine neuen Dienstherren in den USA gerade einmal an atomaren Kurzstreckenraketen. Niemand hat damals dem fantasievollen jungen Mann aus Somerset geglaubt, auch nicht seine Prophezeiung von 1945, dass künftig die Kommunikation per Satellit erfolgen werde. Die Royal Airforce hat das erst viel später ernst genommen.

Clarke begann seine Karriere als Rechnungsprüfer. Im Zweiten Weltkrieg war er als Radar-Ausbildner und technischer Offizier tätig, dann studierte er von 1946 bis 1948 in London Mathematik und Physik, ehe er schließlich sein ideales Metier fand: Schriftsteller. Schon als Knabe hatte er die fantastischen Geschichten von H. G. Wells verschlungen, die sich mit künftigen Welten beschäftigen. Sir Clarke blieb an diesem Thema dran und wurde zu einem stilbildenden Autor von Science-Fiction, zu einem der produktivsten neben anerkannten Größen wie Stanislaw Lem, Isaac Asimov und Robert A. Heinlein. Clarkes Bücher sind kundig im technischen Detail, seine Visionen sind oft näher dran an der Wirklichkeit, als man glauben möchte.

Mehr als 100 Bücher hat der am Mittwoch in seiner Wahlheimat Sri Lanka im Alter von 90 Jahren verstorbene, seit 20 Jahren an Kinderlähmung leidende Schriftsteller veröffentlicht. Sein letztes Werk, „The Last Theorem“, das er gemeinsam mit Frederik Pohl verfasste, soll in diesem Jahr erscheinen. Clarke hinterließ einen Brief, in dem er sich ein durch und durch weltliches Begräbnis wünscht, ohne religiöse Riten. Er hat jedoch vor langer Zeit veranlasst, dass eine DNA-Probe von ihm, ein Haar, ins All geschickt werde, in der Hoffnung, dass eines Tages eine Superzivilisation dieses Relikt entdecke und wieder zum Leben erwecke.

Weltberühmt wurde Clarke schließlich durch Stanley Kubricks Verfilmung seiner Kurzgeschichte „The Sentinel“ (siehe den unten stehenden Text). In dieser Short Story, die Clarke später zu einem Roman mit mehreren Fortsetzungen ausweitete, wird von Forschern auf dem Mond ein dunkles Geheimnis entdeckt, das die Menschen dazu bringt, mit einer Mission weit ins Sonnensystem vorzudringen. Dort erwarten sie ihr kosmisches Schicksal, von irgendwoher aus der Milchstraße, aus ganz, ganz universaler Sicht also irgendwie auch gleich ums Eck: „Ich glaube nicht, dass wir noch sehr lange warten müssen“, steht am Schluss von „The Sentinel“. Das klingt entfernt wie Samuel Beckett, der sich in Pulp Fiction versucht.

Wir sind nicht allein, es gibt noch Welten jenseits unserer Wahrnehmung, lautet ein Leitmotiv bei Clarke. Und die da draußen sind uns auf unserem kleinen Planeten wahrscheinlich auch überlegen.

Die furchtbar logischen Overlords

Neben der Odyssee-Serie und dem Mondfahrer-Epos „Prelude to Space“ (1951) zählt wohl „Childhood's End“ (1953) zu seinen besten Werken: Eines fernen Tages erscheinen riesige Raumschiffe über den Städten der Erde. Die im Vergleich zu den Menschen technisch wie auch intellektuell weit fortgeschrittenen Außerirdischen, die Overlords, haben eine Mission: Sie sollen die Erdlinge in ein Goldenes Zeitalter führen. Warum aber fürchten sich die Menschen so sehr vor diesen hohen Herren? Und was bedeutet das Ziel jener Wesen, die Vergangenheit und Zukunft überwinden können, für uns Sterbliche? „Die Sterne sind nicht für den Menschen“, erkennt schließlich Jan, der letzte Überlebende. Da sind die Overlords bereits auf dem Heimflug, sechs Milliarden Kilometer jenseits der Bahn des Pluto.

Neben der Schriftstellerei beschäftigte sich Clarke mit Unterwasserexpeditionen vor Australien und Sri Lanka. Einige seiner Romane handeln vom Meer. Er arbeitete auch für die BBC und US-Sender, berichtete über das Apollo-Projekt der Nasa. Im Jahr 2000 wurde Clarke zum Ritter geschlagen. Das hatte sich um zwei Jahre verzögert, weil gegen ihn von einem Boulevardblatt Gerüchte über Pädophilie verbreitet wurden, die entkräftet werden konnten.

Die beklemmende Serie von Weltraumfahrten hat Clarke 1997 mit dem Roman „3001: The Final Odyssee“ beendet. Hoffentlich behält er wenigstens damit nicht recht. In tausend Jahren wird es laut Clarke keine Menschen mehr auf dieser Welt geben, sondern nur noch in den unendlichen Weiten des Weltraums. Die Erde ist inzwischen bereits durch Klimakatastrophen zerstört. Im Sucher: Der Computer HAL Seite 37

ZUR PERSON

Sir Arthur Charles Clarke (16.12.1917– 18.3.2008) kam in Minehead, Somerset zur Welt. Science-Fiction faszinierte ihn früh, er schrieb schon als Junge über Raumfahrt. Im Krieg war er Radarspezialist, studierte dann Physik und Mathematik.

1951 wurde er Schriftsteller, publizierte den ersten Bestseller „Aufbruch zu den Sternen“. Von 1956 bis zum Tod lebte er als Ehrenbürger in der Wahlheimat Sri Lanka (Bild: 2007 in seiner Wohnung), er war zuletzt an den Rollstuhl gefesselt (Kinderlähmung).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2008)

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