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Gedanken zum Gründonnerstag

Dialog gelingt wohl am besten bei Brot und Wein.

Gründonnerstag ist einer der schönsten und sinnreichsten Feiertage der christlichen Religion. Er erinnert nicht nur daran, dass das Christentum fundamental auf dem Judentum gründet: Das Letzte Abendmahl war ein Seder, gefeiert in Erinnerung an die Befreiung des Volkes Israel aus der Knechtschaft Ägyptens. Er macht bewusst, dass dem gemeinsamen Essen und Trinken, dem Teilen von Brot und Wein, mehr innewohnt als die Befriedigung von Hunger und Durst, dass vielmehr das Hinauswachsen über schnöde irdische Bedürfnisse am besten bei einem Symposion gelingt.

Es wäre ein bitterer Verlust, würde dies im Zuge der sich ausbreitenden Säkularisierung vergessen werden.

Doch anscheinend – und das ist gut so – stellte die Bewegung der sich eitel „Brights“ nennenden fundamentalistischen Renegaten der Religion vom Stile eines Richard Dawkins zumindest in unseren Breiten ein kurz aufflammendes Strohfeuer dar. Ihre kämpferisch klingenden Parolen entpuppten sich als im Grunde infantile Äußerungen, verbrämt mit dem Anspruch, naturwissenschaftliche Indizien für die schädliche und gegen die Aufklärung gerichtete Intention von Religionen ins Spiel zu bringen. Allein: Die Naturwissenschaft verstummt vor der religiösen Frage. Schon das Staunen über die dem Universum zu Grunde liegenden Gesetze und Naturkonstanten, welche so fein aufeinander abgestimmt zu sein scheinen, dass wir darin leben können, veranlasst zu spannenden Spekulationen. Die Bücher „Der kosmische Volltreffer. Warum wir hier sind und das Universum wie für uns geschaffen ist“ des amerikanischen Kosmologen Paul Davies und „Kann das alles Zufall sein?“ des österreichischen Astrophysikers Heinz Oberhummer belegen es. Doch vom „Unerforschlichen“ selbst, wie ihn der Mathematiker Gauß angesichts der ihn schwer bedrückenden Schicksalsschläge nannte, können solche den Rahmen strenger Wissenschaft fast sprengenden Überlegungen gerade nur den Saum berühren.

Egal wie man es aus rein naturwissenschaftlicher Sicht betrachtet: Kein „Urknall“ und kein „Multiversum“ (lauter contradictiones in se) können dem Rätsel des Daseins beikommen. Es bleibt unerklärt und ist, streng genommen, absurd, dass wir so existieren, wie wir existieren. Camus hat diesen Schluss gezogen und zur individuellen Revolte gegen das Absurde aufgerufen. Religionen hingegen beanspruchen, in der Gemeinschaft ihrer Gläubigen das Absurde zu überwinden. Es steht einem seriösen Zweifler zu, diesem Anspruch mit Respekt und zugleich mit Skepsis zu begegnen. So folgt auf den hellen Gründonnerstag der düstere Karfreitag, der um das eigenartige Konzept einer „Erbsünde“ kreist, die selbst Neugeborenen anhaften soll und allein durch das Opfer eines Gottessohnes gesühnt werden könne. Bei aller Wertschätzung dem Christentum gegenüber hegt der Skeptiker hier zu Recht Zweifel. Eine solche Haltung lässt sich mit dem lächerlichen Gehabe der „Brights“ nicht vergleichen. Sie eröffnet aber das Angebot und die Einladung zum für beide Seiten gewinnbringenden Dialog – einem Dialog, der sich am besten am gemeinsamen Tisch, beim Teilen von Brot und Wein führen lässt.

Rudolf Taschner ist Mathematiker und Betreiber des math.space im Wiener Museumsquartier.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2008)