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Chuck Berry: Wer braucht denn gestimmte Gitarren?

(c) AP (PETER KLAUNZER)
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Rock'n'Roll: Chuck Berry, 81, im Wiener Gasometer: Coole Schlamperei. Wer nicht begreifen kann oder will, dass es im Blues keine falschen Noten gibt, war wohl enttäuscht.

„It's good to be here... – well, it's good to be anywhere“, pflegt Keith Richards, 64, einer der gelehrigsten Schüler Chuck Berrys, bei Konzerten zu sagen, und Rührung ist ihm gewiss. Berry war am Mittwoch u.a. im Wiener Gasometer, und da er doch noch um 17 Jahre älter ist als Richards (obwohl er ca. um 17 Jahre jünger aussieht), kann man mit noch mehr Recht sagen: Gut, dass er überhaupt da war.

Gibt es sonst Positives zu berichten über den Auftritt? Das kommt darauf an. Wer auf akkuraten Ablauf, präzise Rhythmen, gestimmte Gitarren etc. gesteigerten Wert legt, wer nicht begreifen kann oder will, dass es im Blues keine falschen Noten gibt, war wohl enttäuscht bis empört. Denn Chuck Berry, adjustiert mit Matrosenmütze und Glitzerhemd, ließ von Beginn an keinen Zweifel daran, dass ihm derartige Strebertugenden aber so etwas von egal sind.

„Carol“? „Little Queenie“? Egal!

Recht hat er. Es gibt Myriaden von gut gestimmten und gut gelaunten Combos, die für geringes Entgelt bereit sind, Chuck Berrys Klassiker originalgetreu ad libitum zu spielen, bis der Mond untergeht und alle heimgehen, da muss es der Meister selbst nicht tun. Der braucht seine „Carol“ nicht mehr zu umschmeicheln (was er eigentlich ohnehin nie tat), er bellt ihr lieber nach, so rüde, dass sie sich ohne große Abschiedsszene gleich in die „Little Queenie“ verwandelt. Und bevor er seine Band in ein rhythmisches Chaos stürzt, das jeden g'schupften Ferdl – Perfektion hin, Perfektion her – stolpern lassen hätte, singt er schalkhaft vom „backbeat“, den man nicht verlieren kann...

So fehlte die Grammofon-im-Schrebergarten-Seligkeit, die bei Rock'n'Roll-Abenden gern aufkommt, sogar das „Hail! Hail! Rock'n'Roll!“ in „School Days“ klang nicht nach Nostalgie, sondern ungestüm; „Around And Around“ krachte, als ob sich eine Punkband der ersten Stunde daran vergriffe; bei „Johnny B.Goode“ spielte er die Gitarre vielleicht nicht, wie man eine Glocke läutet, aber höchst listig und lässig, listiger und lässiger als sein Sohn, der in jeder Hinsicht die zweite Gitarre spielt und unter den Launen seines Vaters gewiss einiges zu leiden hat. Beim „You Never Can Tell“ hatte man den Eindruck, dass Chuck Berry heute noch über seine eigenen, höchst pfiffigen Zeilen schmunzeln kann, immerhin hat er die Stelle mit den „700 little records“ inzwischen auf „CD's“ geändert, man geht ja mit der Zeit.

So verging die Zeit rasch, nach 45Minuten erklärte Berry, nun sei alles gestimmt, das Konzert könne beginnen, es kam noch ein staubtrockenes „Johnny B.Goode“, ein verlängertes „Reelin' and Rockin'“, und dann war dem Meister auch schon nach Feierabend zumute. Schade, aber egal; gut, dass er da war.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2008)

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