Warum die Finanzkrise immer stärker auf die Realwirtschaft übergreift, die Inflationsgefahr dramatisch zunimmt, die Weltwirtschaftskrise aber trotzdem ausbleibt. Und warum das Sparbuch weiter relativ sicher ist, aber Aktien keine gute Idee sind.
Wien.Eine Woche wie die abgelaufene hat die Finanzwelt noch selten gesehen: Am Montag der Beinahe-Zusammenbruch einer großen US-Bank mit anschließender Rettungsaktion durch die US-Notenbank Fed und, dadurch ausgelöst, einem dramatischen Börsen-Einbruch. Am Dienstag eine Riesen-Leitzinssenkung durch die Fed mit anschließender Hochstimmung an der Wall Street. Im Rest der Woche ein Wechselbad der Gefühle mit neuen Banken-Katastrophenmeldungen aus Europa und einem Absturz der Rohstoffpreise einschließlich des als „Krisenmetall“ gehandelten Goldes.
Es sieht ganz so aus, als hätte die Finanzwirtschaft die Orientierung völlig verloren und würde manisch depressiv in eine ungewisse Zukunft taumeln. Selbst Experten trauen sich nicht mehr zu sagen, ob das Schlimmste der größten Finanzkrise seit den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts schon überstanden ist oder ob der wirkliche Krach noch vor uns liegt.
Fest steht jedenfalls, dass sich die Krise immer tiefer in die Realwirtschaft frisst und auch Europa, das sich bis zum Ende des Vorjahres noch als ziemlich krisenresistent gesehen hatte, erfasst. Unterdessen wurden die Wachstumsaussichten jedenfalls schon ein paar mal nach unten revidiert. Das letzte Mal in dieser Woche. Wir können also froh sein, wenn unterm Strich eine starke Wachstumsabschwächung in Europa und eine milde Rezession in den USA übrig bleibt und die wachsende Inflationsgefahr durch die Überschwemmung der Märkte mit Geld halbwegs in den Griff zu bekommen ist.
Viele fragen sich jetzt: „Was bedeutet das alles für mich und mein Erspartes?“ „Die Presse“ hat im Folgenden die wichtigsten Antworten auf die drängendsten Fragen zusammengetragen.
1 Stecken wir schon in einer echten Weltwirtschaftskrise?Noch nicht, und es wird hoffentlich auch nicht so weit kommen. Aber vor dem beherzten Eingreifen der großen Notenbanken hat die Lage schon stark nach 1929 ausgesehen. Immerhin mussten große Banken in Deutschland und den USA vor dem Zusammenbruch gerettet werden. Fast-Zusammenbrüche, die mit Sicherheit verheerende wirtschaftliche Kettenreaktionen ausgelöst hätten.
2 Ist das Schlimmste überstanden, oder dauert die Krise noch?Kern der Krise ist ein ungeheurer Vertrauensverlust im Bankensystem. Derzeit weiß noch niemand, welche Subprime-Leichen noch in welchen Bank-Kellern liegen – und die betroffenen Institute mauern nach wie vor, wo es geht. Solange das nicht geklärt ist, wird sich die Krise verschlimmern. Internationale Beobachter gehen jedenfalls davon aus, dass es zumindest in den kommenden Monaten noch einige böse Überraschungen geben wird. Nur Optimisten glauben, dass es ab dem Herbst wieder aufwärts gehen könnte.
3 Wie viel Geld können die Notenbanken in den Markt pumpen?Theoretisch unbegrenzt, denn sie besitzen ja sozusagen das „Gelddruckmonopol“. Die US-Notenbank Fed hat bereits angekündigt, „faule“ Finanzprodukte, die den Bestand von Banken bedrohen, ohne Limit aufzukaufen. Das Problem dabei: Mit dem massiven „Gelddrucken“ wird die umlaufende Geldmenge enorm aufgeblasen. Und das ist Gift für die Geldwertstabilität.
4 Führt die Öffnung der Geldschleusen bald zu hoher Inflation?Ja. Die Geldmengenerhöhung von heute ist in hohem Ausmaß die Inflation von morgen. In den USA steigt die Geldmenge enorm an (das genaue Maß wird aus gutem Grund gar nicht mehr veröffentlicht). Aber auch in Europa, wo sich die EZB der Geldwertstabilität verpflichtet hat, steigt die Geldmenge in zweistelligen Prozentsätzen. Weil die US-Notenbank mit ihrem Ansatz, das Wachstum ohne Rücksicht auf Verluste wieder in Gang zu bringen praktisch vor der Inflation kapituliert hat, müssen die Amerikaner bald mit noch stärkerer Teuerung rechnen (wobei die beginnende Rezession freilich etwas Druck von den Preisen nimmt). Hohe Dollar-Inflation wirkt sich unweigerlich auf die gesamte Weltwirtschaft aus. Denn der Dollar ist immer noch Leit- und Reservewährung. Und ein großer Teil des Welthandels – unter anderem der mit Öl und anderen Rohstoffen – wird auf Dollarbasis abgewickelt.
5 Warum leidet Europa, wenn sich US-Banken verspekulieren?Die Finanzwirtschaft, auf die die schwere Krise noch begrenzt ist (ein Überschwappen auf die Realwirtschaft ist aber nicht mehr zu übersehen) ist globalisiert wie kaum eine zweite Branche. Ihren Ausgang hatte die Krise durch die Implosion des US-Immobilienmarktes genommen, der viele Hypothekarkredite „faul“ werden hat lassen. Die US-Banken hatten diese Kredite aber „verbrieft“ und an andere Banken weiterverkauft. Darunter waren viele europäische Institute. Es haben sich also nicht nur die Amerikaner verspekuliert, sondern, wie die Probleme von UBS & Co zeigen, in hohem Ausmaß auch die Europäer, denen so US-Risken umgehängt worden waren.
6 Wie beeinträchtigt die Finanzkrise die Realwirtschaft?Die Finanzkrise äußert sich auch darin, dass Banken ihre Schwellen bei Kreditvergaben viel höher gesetzt haben. Kreditfinanzierungen werden also knapp. Weil Kredite sozusagen das Schmiermittel für den Produktionsapparat sind, bleibt die Produktionsmaschinerie sehr schnell stehen, wenn geborgte Liquidität nicht mehr zu bekommen ist.
7 Muss ich mir jetzt Sorgen um mein Sparbuch machen?Nein. Österreichische Banken sind von der Krise, wenn man den bisherigen Aussagen trauen darf, auch relativ wenig betroffen. Allerdings: Die drohende Inflationsgefahr könnte in ein paar Jahren die mickrigen Zinsen, die auf Sparbücher zu bekommen sind, mehr als auffressen. Außerdem: Sollte die Krise anhalten, wird auch die EZB zu einer oder mehreren Zinssenkungen gezwungen sein. Und dann gehen die Sparzinsen hierzulande noch weiter zurück.
8 Kann man nach dem Kurssturz schon wieder Aktien kaufen?In Märkten mit hohen Kursschwankungen können hart gesottene „Swingtrader“ viel Geld machen. Anleger, die einen eher ruhigeren Zugang zu Aktien haben, in Zeiträumen von mehreren Monaten oder gar Jahren denken und nicht alle paar Minuten einen Seitenblick auf den Kursmonitor riskieren wollen, sollten jetzt aber die Finger davon lassen.
Wenn Ihnen jetzt ein Berater mit der Floskel „Mutige könnten wieder an einen Einstieg denken“ kommt – jagen Sie ihn zum Teufel. Für längerfristig orientierte Privatanleger gibt es nichts Dümmeres, als in einen fallenden Markt ohne sichtbare Bodenbildung hineinzukaufen. Das oft empfohlene „Bottom Fishing“ (also der Einstieg in der letzten Abschwungphase, um beim Aufschwung vom Anfang an dabei zu sein) ist für Privatanleger eine sehr riskante Sache. Denn Kurse fallen in einem Abschwung, wie Profis wissen, immer viel weiter als man glaubt.
9 Wieso kollabiert jetzt auch die Krisen-Anlage Gold?Das hat mehrere Gründe: Der Goldpreis ist sehr stark gestiegen und seinen „Fundamentals“ zweifellos davongelaufen, was nach einer Korrektur schreit. Der bis vor kurzem sehr hohe Preis hat Anleger außerdem veranlasst, Kasse zu machen und damit Verluste in anderen Anlagekategorien zu kompensieren. Und die Nachfrage ist stark gesunken, weil Gold für die Schmuckproduktion zu teuer geworden ist und die beginnende Rezession die Nachfrage nach Rohstoffen generell senkt.
Zudem nutzen die Notenbank die hohe Notierung, um tonnenweise Goldbestände auf den Markt zu werfen. Die Regel, dass Gold steigt, wenn Aktien sinken und umgekehrt (und deshalb eine gute Diversifizierung fürs Portfolio ist) gilt also nur noch eingeschränkt.
10 Was mache ich also jetzt mit meinem Geld?Wie ein Meinl-Manager mit Finanzminister-Hintergrund (nach dem Kursverfall seines Unternehmens um fast die Hälfte binnen kurzer Zeit) so schön gesagt hat: „Cash is king“. Abwarten, Tee trinken und (wenn man nicht das Zeug zum swingtradenden Spekulanten hat) das Geld in langweiligen, aber sicheren Anlagen parken, bis es wieder los geht. Das kann allerdings dauern: Es gibt immer mehr Experten, die meinen, dass die Börse in nächster Zeit eher „seitwärts“ gehen wird.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2008)