Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Kino: Hüpfend aufs Dach der Welt

(c) AP
  • Drucken

„Jumper“, zeitgemäße Erzählweise, dennoch enttäuschend. Ab Donnerstag.

Was hat Godard mit zeitgenössischem Spektakelkino zu tun? Nichts, denkt man die Filmgeschichte chronologisch durch. Wenn man aber von seinem Debütfilm Außer Atem (1960) zu Doug Limans Jumper springt, einiges. Atemlosigkeit ist nicht nur eine passende Zustandsbeschreibung für dessen Hauptfigur David (Hayden Christensen in seiner ersten Hauptrolle nach Star Wars), sondern auch eine häufige Zuschauerreaktion auf den „Jump Cut“ (Hüpfschnitt), der für Jumper, Nomen est omen, inhaltliches, formales Zentrum ist.

Godard schreibt man dessen erstmalige bewusste Verwendung als Stilmittel zu: eine fortlaufende Bewegung wird zerrissen, soll heißen eine Person (etwa Belmondo in Außer Atem) fängt beim Punkt A an zu gehen und „springt“ durch den Schnitt direkt auf Punkt B. Die Montage-Mirakel der Nouvelle Vague sind freilich längst zum Standardkniff diverser Kunstgattungen – Stichworte: Videoclip, Videospiel – geworden und als Filmrealität wie auch im TV akzeptiert.

Der Science Fiction-Actioner Jumper ist auf den ersten Blick ein glatter Popcornfilm: David lebt mit seinem saufenden Vater (in einer feinen Nebenrolle: Michael Rooker) in Ann Arbor und entdeckt nach einem Unfall sein einzigartiges Talent. Er kann sich mit Gedankenkraft an jeden Ort teleportieren, den er schon einmal besucht oder auf einer Abbildung gesehen hat. David bricht aus seinem Familienleben aus und erfüllt sich seine Bubenträume. Ein paar Jahre und etliche Raubzüge später residiert er in einem New Yorker Penthouse zwischen Surfbrettern und Motorrädern und weiß: „Ich stehe auf dem Dach der Welt!“


Von der Sphinx nach Tokio

Der Hüpfschnitt ist in „Jumper“ keine optische Irritation, auch keine filmgrammatikalische Erweiterung, sondern Bestandteil der Erzählung. Wenn David vom Sonnenbaden auf dem Kopf der Sphinx in die überfüllten Straßen Tokios (durch die räumliche Dimension) springt, hat das viel mit einer zeitgenössischen, von den Medien beeinflussten Wahrnehmung zu tun.

Denn das „Erlebnis“ Internet und die dramaturgischen Gerüste von Videospielen haben – nebst vielem anderem – den „Jump Cut“ längst im Alltag installiert. Die Romanvorlage zu Jumper hat Autor Stephen Gould 1992 veröffentlicht: zu einer Zeit, als die Begriffe „digital“ und „Weltvernetzung“ noch nicht in der Schule unterrichtet wurden. Obwohl die Hüpfereien von David durch einen durchlässig gewordenen Raum oberflächlich viel gemeinsam haben mit den „virtuellen Realitäten“, wollen weder Buch noch Film eine Utopie sein: in beiden heißt es, dass es „Jumper“ schon seit Jahrhunderten gibt und sich die Fähigkeit durch eine genetische Anomalie entwickelt hat.

Als Mutant wird David von so genannten Paladins quer über den Erdball gejagt – was hier eine Abfolge von bekannten Orten wie die Pyramiden von Gizeh oder das Empire State Building meint. Für deren Anführer Roland Cox (ein verlässlicher Samuel L. Jackson mit weißem Haupthaar) sind „Jumper“ „eine Abscheulichkeit“, denn „nur Gott sollte die Macht haben, an allen Orten gleichzeitig zu sein.“ Aber der Raum (immerhin eine Grundfeste des Kinos) ist hier ohnehin nur mehr Modul: Alles ist (digital) veränderbar, jeder Ort ist eine Lüge.

Es ist charmant, wie Liman sich nach Die Bourne Identität erneut an einer zeitgemäßen Gangart des Erzählens versucht, die mehr mit der Videospiel- als der Filmgeschichte gemein hat. Letztlich frustriert sein „Spiel“-Film: weil man in ihm neue Möglichkeiten fürs Erzählkino heraufdämmern und gleich wieder abstürzen sieht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2008)