Literaturstreit: Homer war kein Tiroler

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Der Innsbrucker Komparatist Schrott beantwortet die Frage „Wer war Homer?“ ziemlich fantastisch.

Vor zirka 2700 Jahren entstanden zwei griechische Epen, die noch in mündlicher Tradition standen, zugleich aber so raffiniert konstruiert sind, dass man sie einem genialen Autor zuschreibt, der nach klassischer Deutung wie aus dem Nichts die europäische Kulturgeschichte begründete. Aus dem Semitischen hatten die Griechen um 800 vor Christus das Alphabet übernommen. Bald danach schrieben sie zwei Weltbestseller.

An dieser Schnittstelle zwischen Sänger- und Textdichtung siedelt man die „Ilias“ an. Sie handelt vom „Zorn des Achilles“. Die Geschichte spielt vielleicht, wenn man sie denn historisch betrachten will, im dunklen 12.Jahrhundert. Vom Autor weiß man nur, dass er später Homer genannt wurde. Vielleicht hat er ein paar Jahrzehnte nach der „Ilias“ die „Odyssee“ geschrieben. Beide Werke weisen sprachlich auf das griechische Kleinasien hin. Die „Ilias“, die wir kennen, wurde in hellenistischer Zeit von Aristarch von Samothrake ediert, da war Homers Troja bereits ein Jahrtausend ruiniert.

Nun aber wissen wir angeblich alles ganz genau. Der Innsbrucker Komparatist und Schriftsteller Raoul Schrott hat die „Ilias“ ins Schrottsche übertragen und sich, noch ehe die Dichtung erscheint, auf gut 400 Seiten Gedanken über Homer gemacht: Der war um 660 kastrierter Schreiber im Dienst der Assyrer, der Kampf um Troja fand in Kilikien statt (Südküste der heutigen Türkei), als lokaler Aufstand unter griechischer Beteiligung. Ein Tagesausflug nach Troja im Nordwesten der Türkei beweist Schrott: Dort kann der Kampf nicht stattgefunden haben!

Wie kommt er zu dieser Behauptung? Nun, er vergleicht; die „Ilias“ mit dem von ihm ebenfalls locker übertragenen „Gilgamesch“-Epos, die Landschaften Homers mit denen bei Tarsus und Karatepe, er setzt die Namen von Hethitern oder Assyrern mit griechischen Helden gleich. Da wird frei assoziiert. Und „Homeros“ ist ganz einfach „Omar“, das bedeutet in westsemitischen Sprachen „Erzähler“. Wenn ein Baustein fehlt, so wie das „h“ in Homer, dann wurde in Kilikien eben zu wenig gegraben. Oder gar am Omo in Äthiopien? Auch diese Gegend kommt schließlich in der Odyssee vor.

Die Methode ist simpel: Man verbeiße sich in Analogie-Beweise. Eine Fülle von Sekundärliteratur wird eklektisch zur Untermauerung der Schrott-Thesen missbraucht. Widerspruch ist zwecklos. So heißt es in dem (mangelhaft lektorierten) Buch: „Ganz auszuschließen ist etwa, dass sich die Truppen aus allen griechischen Ländern zu einem großen Belagerungsheer unter einem Feldherrn verbunden hätten...“ Woher, bei allen Göttern, weiß er das?

Wild spekuliert, Altbekanntes reproduziert

Abgesehen von Gefälligkeitsdiensten in der „FAZ“, die das Buch seit Dezember kampagnisiert, herrscht im Feuilleton Skepsis, etwa bei Altertumsforschern wie Joachim Latacz, Christian Meier. Als „ziemlich phantastisch“ bezeichnet der Oxforder Philologe Martin L. West in der „Süddeutschen Zeitung“ (11.3.) die Verlegung der „Ilias“. Der Autor lasse sich zu wilden Spekulationen hinreißen, reproduziere altbekannte Tatsachen, schreibt der Berner Historiker Stefan Rebenich in der „Neuen Zürcher Zeitung“ (15.3.). Vor allem aber bleibt Schrott eine Erklärung dafür schuldig, warum sich ein assyrischer Schreiber ausgerechnet bei den Ionischen Inseln so gut auskennen sollte, das 800 km von Troja entfernte Kilikien hingegen nur in der Andeutung eines Namens streift.

Schrotts Erkenntnis, dass die griechische Literatur vom Orient beeinflusst sei, ist banal. Die Griechen sind ab dem 2.Jahrtausend viel herumgekommen in der Mittelmeerwelt. In einem aber bleibt der Komparatist konventionell: Es kann für ihn nur einen Homer gegeben haben. Damit steht er in der Tradition neuerer deutscher Homer-Forscher. Die angelsächsische Literatur bevorzugt zumindest zwei Dichter, wenn nicht eine ganze Reihe anonymer Sänger.

Was also gibt es Neues über Homer zu berichten? Er war mit Sicherheit kein Tiroler Dichter. Das Lügenmärchen, dass in der Ilias die Bergisel-Schlachten dargestellt sind, dürfte selbst der völkerverbindende, fantasiebegabte Barde Schrott ausschließen.

MYTHOS: Homer

Die griechischen Epen „Ilias“ und „Odyssee“ werden dem Dichter Homer zugeschrieben. Er soll in Kleinasien gelebt haben, vielleicht um 700 v. Chr.

Raoul Schrott, Dozent für Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck, vermutet in seinem neuen Buch, dass die „Ilias“ in Kilikien spielt: „Homers Heimat. Der Kampf um Troja und seine realen Hintergründe.“ München: Hanser 2008, 432 S., 25,60 €.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2008)

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