In der Osterwoche malt mein kleiner Sohn aus Vorfreude bevorzugt Hasen.
Das heißt, er malt sie nicht
wirklich, sondern lässt aus bukolischer Landschaft Hasenfragmente ragen; hier zwei braune Löffel, die hinter einem Baumstamm vorstehen, dort eine weiße Blume am Brunnenrand, und aus dem Gebüsch leuchten
knallrote Kaninchenaugen. „Den Osterhasen", erklärt Alexander, „sieht man niemals ganz. Sonst wäre er nicht der Osterhase, sondern ein ganz normales Tier."
Da hat er wahrscheinlich Recht. Aber selbst der gemeine Feldhase in der Literatur ist ein Meister des Versteckspiels. Auf der Suche nach einem bestimmten, blau gewandeten Hasen in dem entzückenden Kinderbuch Der Wind in den Weiden" von Kenneth Grahame, an den ich mich haargenau zu erinnern glaubte, kam ich neulich drauf, dass es den genauso wenig gibt wie den ganzen Osterhasen. Maulwurf, Wasserratte, Kröterich, Dachs - alle waren sie wieder
versammelt wie vor 45 Jahren, nur der Hase, den ich mir so hübsch eingebildet hatte, wollte nicht auftauchen, nicht einmal ein rosa Kaninchen in
seinem Bau war zu entdecken.
Der falsche Hase hat sich inzwischen wohl in die Büchlein von Beatrix Potter abgesetzt, als frecher Peter Rabbit, der verbotenerweise in Mister
McGregors Garten vom Gemüse nascht, bis er roh vertrieben wird.
Hasen auf der Flucht - das ist ein bestimmendes Thema der Lektüre meiner Kindheit. Zwar gibt es Ausnahmen, wie den Angeber aus der Fabel „Hase und Igel", der über dem Spruch „Bin schon hier" zum Frusthasen wird, und neuerdings treibt im
Kinderfernsehen der Hamas sogar der palästinensische Hetzhase Assud sein Unwesen, der von der Zerstörung
Israels träumt. Aber im Regelfall handelt es sich um ein tapferes, kluge Haken schlagendes Tier.
Der Hase hat ein Vertriebenenschicksal. Demnach befinden wir Menschen uns mitten im Jahrhundert des Hasen. „Unten am Fluss", diese umweltbewusste Kaninchenodyssee von Richard Adams, wird zum Spiegel unserer Zeit. Sicher scheint nur der Aufbruch.
Auch „Alice im Wunderland", eine fantastische Reise durchs Unbewusste, beginnt damit, dass die Heldin ein
weißes Kaninchen im Gehrock erblickt, das Terminstress hat: „Oh dear! Oh dear! I shall be too late!" Und schon geht es ab durch seine Höhle, im freien Fall. Souverän wirkt im Vergleich dazu der Märzhase, der unlösbare
Rätsel liebt. Doch selbst der kann sich nicht mit dem geheimnisvollen Eierlieferanten messen. Dazu fehlt ihm die Transzendenz.
Mysteriös wie der unsichtbare Osterhase erscheint im Wunderland nur die Cheshire-Katze. Sie verschwindet
schneller als ihr Grinsen, und auch das ist bald weg. Grinsekatzen sind sehr, sehr schwer festzuhalten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2008)