Kein Kaugummi in Ägypten

Die Tutanchamun-Schau setzt auf drei Konsensattraktionen: 1)alt, 2)tot, 3)Gold.

Können Sie sich noch an den Tag erinnern, als Sie erstmals von einem Menschen, der nachweislich weder Heiratsschwindler(in) noch Erbschleicher(in) noch PR-Agent(in) war, mit „Alles Liebe!“ verabschiedet wurden? Das muss in den Neunzigerjahren gewesen sein, irgendwann zwischen der Trauer um Kurt Cobain und dem Warten auf Y2K, es hat die trübe Zeit nicht erhellt, eher im Gegenteil. Heute hat man sich daran fast schon gewöhnt.

An den hypertrophen Willkommensgruß „Einen wunderschönen guten Tag“ will ich mich ganz sicher nicht gewöhnen! Jetzt erst recht nicht, nachdem ich in der Wiener Tutanchamun-Ausstellung so begrüßt wurde, die gar nicht gut und nicht einmal wunderschön ist, aber satte 18Euro Eintritt kostet. Dafür wird man dort eingangs auf die „letzte Möglichkeit“ hingewiesen, Kaugummis „abzugeben“, leider kaue ich nicht, sonst hätte ich den Gummi wohl einem der geschätzten hundert grimmigen Wärter in die Hand gedrückt.

Die natürlich nichts dafür können, sondern u.a. dafür zu bedauern sind, dass sie den ganzen Tag akustisch berieselt werden – nein, nicht mit „Walk Like An Egyptian“ von den Bangles oder dem „Egyptian Reggae“ von Jonathan Richman oder dem Priesterchor aus Mozarts „Zauberflöte“, sondern mit schummriger New-Age-Musik à la Wunderheiler-Wartezimmer, bei der selbst der fidelsten Mumie die Füße einschlafen.

Das gehört wohl zum Erfolgskonzept der von der amerikanischen Gesellschaft „National Geographic“ mitorganisierten Schau, die ansonsten primär auf drei Konsensattraktionen setzt: 1)alt, 2)tot, 3)Gold. Was gerade die 18.Dynastie so aufregend macht, das bekommt man bestenfalls am Rande mit. Man schmeichelt dem KHM-Direktor und Ägyptologen Wilfried Seipel nicht übertrieben, wenn man ihm versichert, dass er in kürzester Zeit nur aus den Beständen seines Museums eine spannendere Ausstellung kompilieren könnte.


So. Und weil ich gerade beim Schimpfen bin und der für diese Kolumne (hoffentlich) typische Tonfall heiterer bis weltfremder Gelassenheit eh schon perdu ist, setzt es noch Schelte für die eigene Zunft bzw. alle (sonst sehr geschätzten) Kollegen, die sich letzte Woche von einer Nasa-Aussendung dazu inspirieren ließen, aus der Sichtung von Methan bei einem fernen Planeten zu schließen, dass dieser Leben tragen könnte. Methan! CH4!! Erdgas!!! Okay, man nennt Kohlenwasserstoffe wie CH4 ff. „organisch“, aber nur, weil die Chemie der Kohlenstoffverbindungen aus historischen Gründen unter „organische Chemie“ läuft. Der Weltraumagentur freilich, die ihre teure Forschung rechtfertigen muss, sind solche Missverständnisse recht, sie bezeichnet ja auch simples Glyzin vollmundig als „Baustein des Lebens“ und lässt den Mars beim geringsten Verdacht auf Wasservorkommen leben...

Meine extraterrestrischen Leser versichern mir indessen, dass sie 1) mit Methan nicht einmal heizen wollen und 2) geloben, bei Wiener Photonen-Experimenten (Agentur-Schlagzeile: „Quanten-Physiker Zeilingers neues Labor: Das All“) nicht destruktiv zu interferieren. Wie ich sie erreiche? Nun ja, ein kleines, exklusives Handy-Upgrading... – aber, psst!, sagen Sie es nicht dem Bundeskanzler, er könnte neidig werden.


thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2008)

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