Wie gefährlich ist es in der Schule?

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
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Ein Verein macht eine Umfrage, in der Eltern, Lehrer und Schüler über Gewalt an der Schule klagen – und bietet gleich seine eigenen Sozialarbeiter als Lösung des Problems an.

WIEN. Kein spektakulärer Vorfall an einer Schule hat diesmal dafür gesorgt, dass das Thema Gewalt an Schulen wieder zum Tagesgespräch wird, sondern eine Umfrage, deren Ergebnis gestern, Mittwoch, veröffentlicht wurde. Das Ergebnis: Gewalt an Schulen ist ein „sehr großes Problem“. Was steckt tatsächlich dahinter?

1. Nehmen die Gewalttaten an Schulen zu?

Man weiß es nicht. In Österreich existieren nach wie vor keine repräsentativen Studien über einen längeren Zeitraum, die einen Vergleich ermöglichen würden. Die Ergebnisse unterschiedlicher Studien sind häufig nicht vergleichbar, weil Gewalt häufig unterschiedlich definiert wird. In einer parlamentarischen Anfragebeantwortung des Unterrichtsministeriums vom 12. März heißt es daher auch, es sei unmöglich, genaue Angaben dazu von Schulen und Schulbehörden zu erhalten und diese in einen seriösen Zusammenhang zu bringen.

2. Wie sehr wird Gewalt an Schulen als Problem gesehen?

Unabhängig davon, ob die Gewalt oder die Gewaltbereitschaft in Schulen steigt oder nicht, wird sie von vielen als Problem gesehen. Die jüngste Umfrage des Vereins „Neustart“ kommt zu dem Ergebnis, dass 30 Prozent der Befragten an Schulen wöchentlich damit konfrontiert sind. 80 Prozent der Lehrer, 75 Prozent der Eltern und 78 Prozent der Schülervertreter gaben an, große Probleme mit Gewalt zu haben.

Vor allem in Sonder- und polytechnischen Schulen gebe es besonders viele Schwierigkeiten – 90 Prozent der Lehrer sprechen dort von Schwierigkeiten. Postwendend folgten mediale Schuldzuweisungen und Lösungsvorschläge aus allen politischen Lagern.

3. Wie kam die aktuelle Umfrage zustande?

Der Verein „Neustart“ hat im Februar alle österreichischen Schulen – ausgenommen Volksschulen – kontaktiert. Von Lehrern, Eltern und Schülervertretern konnte online ein Fragebogen zu Gewalt an Schulen beantwortet werden, rund 11.000 Antworten wurden registriert – laut Neustart eine Rücklaufquote von rund fünf Prozent.

Unter anderem ergab die Umfrage, dass sich die Befragten gegen härtere Strafen aussprechen. Die Mehrheit ist für vorbeugende Gewalt- und Kriminalitätsprävention und wünscht sich die dauernde Anwesenheit eines Sozialarbeiters an Schulen – ein Projekt, das der Verein für Herbst 2008 anvisiert hat. 43 Sozialarbeiter sollen bei Bedarf in Klassen das Thema Gewalt thematisieren, Konflikte zwischen Schülern regeln und überforderte Lehrer und Eltern einzeln beraten. Auf der „Neustart“-Homepage werden schon Anmeldungen entgegengenommen. Ein neues Standbein für den Verein, der auf „Starthilfe“ für entlassene Straftäter spezialisiert ist. Und der vergangenen Sommer die Opferhilfe (Betreuung von Verbrechensopfern) an die Konkurrenz vom „Weißen Ring“ verloren hat.

4. Wie ernst muss man die Ergebnisse der Umfrage nehmen?

„All diese Umfragen geben einen selektiven Ausschnitt“, sagt Mathilde Zeman, Leiterin der Abteilung Schulpsychologie-Bildungsberatung im Wiener Stadtschulrat, „es handelt sich um keine Absoluterhebung.“ Je nach Zugang und Fragestellung komme es zu unterschiedlichen Ergebnissen. Noch dazu sei der Gewaltbegriff in der Umfrage nicht näher definiert – handelt es sich um sprachliche Verrohung, psychische oder körperliche Gewalt? Dennoch sei das Problem nicht kleinzureden, so Zeman, sondern ernst zu nehmen.

„Die Ergebnisse sind nicht essenziel neu“, meint auch Nikolaus Pelinka, Sprecher von Unterrichtsministerin Claudia Schmied. Doch wiesen die Ergebnisse in die gleiche Richtung wie eigene interne Umfragen aus dem Ministerium. „Die Grundtendenz ist: Es wird von allen Seiten Handlungsbedarf gesehen“, so Pelinka.

5. Welche Konsequenzen haben die Ergebnisse der Umfrage?

Das Thema Gewalt an Schulen wird wieder diskutiert. Am Maßnahmenpaket, das das Unterrichtsministerium bereits im November 2007 vorgestellt hat, ändert sich freilich wenig. Angedacht sind Verhaltensvereinbarungen zwischen Lehrern, Schülern und Eltern, verstärkte Weiterbildung für Lehrer im Bereich Gewaltprävention und die Erhöhung der Anzahl von Schulpsychologen von 150 auf 180. Dafür will man heuer rund 3,5 Millionen Euro investieren. Obwohl, eine unmittelbare Konsequenz gibt es dennoch: Das Ministerium lädt den Verein Neustart zu einem Gesprächstermin über mögliche Kooperationen ein.

www.neustart.at("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2008)

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