Wall Street: Kampf gegen "Ethik der Geldgier"

(c) AP (Richard Drew)
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Der demokratische Präsidentschafts-Bewerber Barack Obama prangert "die Praktiken der Investmentbanken und skrupellosen Kreditgeber" an. Auch die US-Notenbank Fed gerät immer stärker unter Beschuss.

Der demokratische Präsidentschaftsbewerber Barack Obama will das Finanz- und Börsengeschäft an der Wall Street strenger regulieren. Obama kündigte am Donnerstag in New York den Kampf gegen eine "Ethik der Geldgier" an. Sie sei mitverantwortlich für die Verwerfungen im Banken- und Kreditgeschäft und die aktuelle Finanzkrise in den USA.

"Nicht gelungen, Praktiken skrupelloser Kreditgeber zu kontrollieren"

"Die Immobilien- und Finanzkrise, die die US-Wirtschaft wahrscheinlich jetzt schon in eine Rezession geführt hat, war eine absehbare Konsequenz, da es uns bisher nicht gelungen ist, die Praktiken der Investmentbanken und skrupellosen Kreditgeber zu kontrollieren", sagte Obama.

Der Senator aus Illinois kritisierte die wirtschaftlichen Pläne des republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain. Mit dem Argument der freien Marktwirtschaft wolle McCain es beim bloßen Zuschauen belassen, während die Konjunktur in die Krise schliddere, meinte Obama. Er warb für einen Krisen-Fond in Höhe von 10 Mrd. Dollar (6,3 Milliarden Euro), um zahlungsunfähig gewordenen Eigenheim-Besitzern rasch helfen zu können.

"Morgen wird es sonnig - zumindest irgendwo"

Indes haben die täglichen Ausschläge an der Börse ein historisches Niveau erreicht. Laut Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) waren diese zuletzt 1938 so hoch wie seit Jahresbeginn, schreibt die "Financial Times Deutschland". Die Frage, die nun alle an der Wall Street beschäftigt, lautet: Wann ist der Boden erreicht?

Unter den Analysten überwiegt Pessimismus. Indexanalyst Howard Silberblatt von S&P will eher das Wetter vorhersagen als die mögliche Entwicklung der Kurse kommentieren. Das sei besser, frei nach dem Motto "Morgen wird es sonnig - zumindest irgendwo". Doch nicht alle malen schwarz. S&P-Chefökonom David Wyss erwartet, dass die US-Wirtschaft im Sommer den Tiefpunkt erreichen wird. Da die Wall Street normalerweise drei Monate schneller ist als die Konjunktur, müsste das Schlimmste demnach bereits ab nächster Woche überstanden sein, zitiert die "Financial Times Deutschland" Wyss.

US-Notenbank Fed weiter in der Kritik

In Washington hat aber auch eine heftige Debatte um die Rolle einer der Hauptakteure in der Bekämpfung der Finanzkrise eingesetzt: der US-Notenbank Fed. Die Fed hatte die Übernahme der angeschlagenen US-Investmentbank Bear Stearns vorangetrieben, um einen Domino-Effekt an den verunsicherten Finanzmärkten zu verhindern. Um den Verkauf der Bank zu erleichtern, hatte die Fed einen Kredit von 29 Mrd. Dollar bereitgestellt.

"Obgleich es zwingend erforderlich ist, eine geregelte Struktur unserer Märkte zu bewahren, wirft der Verkaufsvertrag zwischen Bear Stearns und J.P. Morgan Chase ernste politische Fragen auf", sagte Christopher Dodd, Vorsitzender des Bankenausschusses im US-Senat der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zufolge. Dodd fürchtet Auswirkungen auf die Anleger und die Finanzmärkte, aber auch die Steuerzahler, die mögliche Verluste zu trägen hätten. Auch Bruce Marks, Vorsitzender der "Neighborhood Assistance Corp. of America", die sich für in Probleme geratene Hausbesitzer einsetzt, kritisiert den Bear Stearns-Verkauf als eine vom Steuerzahler bezahlte Rettungsaktion.

Investmentbanken leihen sich Mrd. von der Fed

Kritik wird auch daran laut, dass die Fed entgegen ihrer üblichen Praxis Investmentbanken Kredite einräumt. Und tatsächlich nutzen die großen Investmentfirmen der Wall Street die neu eingerichteten kurzfristigen Kredite der US-Notenbank ausgiebig. Die Investmenthäuser haben sich in der vergangenen Woche täglich durchschnittlich 32,9 Mrd. Dollar (20,8 Milliarden Euro) bei der Fed geliehen. Das Kreditprogramm ist Teil der Bemühungen der US-Notenbank, das Finanzsystem zu stabilisieren.

Zwei US-Pensionsfonds ziehen wegen der Fed-Rettungsaktion sogar vor Gericht. Sie kritisieren die Übernahme von Bear Stearns durch J.P. Morgan. Die Fonds argumentieren laut "Frankfurter Allgemeiner Zeitung", dass durch das staatliche Eingreifen Konkurrenzangebote "praktisch verhindert" worden seien. (Ag./phu)

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