Bert Nussbaumers Mutter und sein Bruder treffen in den USA andere Geisel-Familien. Seine Leiche könnte bereits gefunden worden sein - in einem Grab im Großraum Basra.
Washington/Wien. Das Treffen war schon seit längerem geplant: ein „International Summit on Kidnapping in Iraq“. Die Angehörigen der im Irak entführten Geiseln kommen dieses Wochenende in Minneapolis zusammen, um sich auszutauschen und einander zu stützen. Maria und Franz Nussbaumer, die Mutter und der Bruder des entführten Oberösterreichers, sind extra in die USA gereist.
Wer hatte ahnen können, dass für einige zu diesem Zeitpunkt der Tod ihrer Angehörigen bereits traurige Gewissheit sein würde? Die Familien von Bert Nussbaumer und Jonathon Cote warteten unterdessen noch bange auf die Identifizierung des fünften Leichnams, die im Lauf des Freitag erwartet wurde. Am Nachmittag kursierten auch – vorläufig unbestätigte – Gerüchte, denen zufolge mittlerweile auch die letzte noch vermisste Leiche geborgen sei.
Nussbaumer war im November 2006 gemeinsam mit vier Amerikanern im Südirak entführt worden. Sie arbeiteten dort für die US-Sicherheitsgruppe Crescent Security Group. Drei Männer aus der Gruppe und ein weiterer Amerikaner, der mit ihnen festgehalten worden sein dürfte, sind bereits identifiziert.
Die sterblichen Überreste der Geiseln waren im Großraum Basra in Gräbern gefunden worden. Amerikaner und Briten hatten das Gebiet durchkämmt und sich dabei auf Angaben einer lokalen Quelle gestützt. Offensichtlich waren die Leichen bereits stark verwest. Der Zeitpunkt des Todes ist vorläufig unklar; noch hat Wien dazu keine Informationen aus den USA erhalten. Man weiß auch nicht, ob die Finger der Geiseln, die den US-Behörden kürzlich zugeschickt wurden, diesen noch zu Lebzeiten abgetrennt worden waren.
Kein Tag ohne neue Hinweise
Seit 16 Monaten steht das Außenministerium in Wien in engem Kontakt mit den zuständigen Stellen in den USA, mit den Briten, die im Südirak im Einsatz sind, mit der irakischen Regierung sowie dem „Office for Hostage Affairs“ in Bagdad, wo alle Fäden zusammenlaufen, und der Firma Crescent Security Group. Bei der Suche nach den Geiseln wurde mit zahllosen Organisationen zusammengearbeitet, etwa kirchlichen Institutionen, dem Roten Halbmond, Spitälern, dem Sender Al-Jazeera. Es liefen Flugblatt- und Posteraktionen sowie Radioaufrufe. Kaum ein Tag, an dem es nicht neue Hinweise, Angebote von Hilfsleistungen oder auch Gerüchte gab, denen nachgegangen werden musste.
Mehr als 80 Mal tagte der Krisenstab in großer Runde, unzählige Male in kleiner Besetzung. Täglich wurde an dem Bericht weitergeschrieben, einmal pro Woche fuhren zwei Psychologen aus Linz zu Frau Nussbaumer, gelegentlich auch Vertreter des Außenministeriums.
Was ausblieb, war eine Kontaktaufnahme durch die Entführer, mit konkreten Forderungen – abgesehen vom vagen Appell zur Freilassung irakischer Gefangener in der ersten Videobotschaft. Falls sich die Entführer direkt an Wien gewandt hätten, wäre man sicher die „Österreich-Schiene“ gefahren, heißt es im Außenamt, hätte also versucht, Nussbaumer vom Rest der Truppe getrennt frei zu bekommen. Aber auch das passierte nicht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2008)