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Ohne Stock und Stecken

Aus einer Kommode zieht Magda Brunner einige großformatige Fotoalben hervor. Auf dem schwarzen Papier sind alte Schwarz-Weiß-Bilder aufgeklebt. Erinnerungen an die Emigration und an den Tanz. Erinnerungen eines „Bodenwieser-Mädchens“.

Wien, vierter Bezirk. Magda Brunner öffnet die Tür ihrer Altbauwohnung und führt langsam über den knarrenden Parkettboden ins Wohnzimmer. Die alte Dame geht gebückt, doch sie ist groß. 1,80 Meter. Eigentlich zu groß für eine Tänzerin. Und dennoch war ihr erster Beruf das Tanzen. Vor bald neun Jahrzehnten, am 26.Dezember 1920, wurde Magda Brunner in der Wohnung im vierten Bezirk geboren. 1938 hat sie Wien verlassen und ist nach Kolumbien emigriert, gemeinsam mit einer Pionierin der österreichischen Tanzgeschichte, der Ausdruckstänzerin, Tanzlehrerin und Choreografin Gertrud Bodenwieser.

Aus einer glänzend lackierten Kommode zieht Magda Brunner einige großformatige Fotoalben hervor. Auf dem schwarzen Papier sind alte Schwarz-Weiß-Bilder aufgeklebt, sorgsam beschriftet und von feinem weißem Seidenpapier geschützt. Erinnerungen an die Emigration und an den Tanz.

Bild eins. Wien 1937. Auf der Treppe vor dem Palmenhaus im Wiener Burggarten ist eine temporäre Tanzbühne aufgebaut, Elevinnen wiegen ihre Körper.

Magda Brunner zeigt ihre Fotoalben und berichtet von den Tanzbühnen, die in ihrer Kindheit, in den 1920er- und 1930er-Jahren, in Wien auf vielen öffentlichen Plätzen aufgestellt waren. Ein vergilbter Zeitungsartikel in ihrem Album lobt am 7. April 1937 jenen Solotanz, „den Fräulein Brunner nach eigener Idee zu einer Musik Schuberts vorgeführt hat. Technisches Können, eigene Gestaltungskunst und ein blendendes Aussehen berechtigen diese junge Tänzerin zu den schönsten Hoffnungen.“

Wien war zwischen den Weltkriegen eine Stadt, in der das klassische Ballett und der moderne Ausdruckstanz eine wichtige Position innehatten. Die Nazi-Diktatur bereitete der Wiener Tanzkultur ein jähes Ende. Die Tanzhistorikerin Andrea Amort hat sich mit den verlorenen Jahren des österreichischen Tanzes auseinandergesetzt: „Magda Brunner war eine von vielen begabten jungen Tänzerinnen der Zwischenkriegszeit, vielen von ihnen stand ein schreckliches Schicksal bevor, und Magda Brunner hat gewiss das Beste aus ihrer Situation gemacht.“

Magda Brunner wurde das Tanzen in die Wiege gelegt. Ihre Mutter nahm selbst Tanzunterricht und ging zu allen Aufführungen der berühmten Grete Wiesenthal. Die junge Magda inskribierte an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst. Zehn Jahre täglicher Tanzunterricht folgten.

Bild zwei. Gertrud Bodenwieser: pechschwarzes Haar, straff aus dem Gesicht frisiert, markante Züge. Könnte in einem Pedro-Almodóvar-Film mitwirken.

„Wir haben sie verehrt. Sie unterrichtete uns nicht mit Stock und Stecken, sondern sie hat uns unser Eigenleben gelassen, hat uns zur Improvisation ermutigt.“ Magda Brunner über Gertrud Bodenwieser.


„Dämon Maschine“

„Die Bodenwieser“, die eigentlich Bondi hieß und als Tochter eines wohlhabenden jüdischen Ehepaares 1890 in Wien geboren wurde, feierte ab 1919 aufsehenerregende Erfolge mit ihren expressionistischen Tänzen. Aufbauend auf der Technik des klassischen Balletts, fand Gertrud Bodenwieser zu einem neuen Tanzstil, der bei Publikum, Kritik und Schülerinnen auf Begeisterung stieß. Die schickte sie als „Bodenwieser-Balletttruppe“ mit ihren Choreografien auf Tournee durch ganz Europa und sogar bis nach Tokio. Magda Brunner: „Ihre Lebensauffassung war von einer unglaublichen Menschlichkeit, sie suchte nicht das Spektakuläre.“ Und doch war die Bodenwieser spektakulär erfolgreich. Einer ihrer größten Erfolge war die Tanzperformance „Dämon Maschine“, in der sich eine Gruppe von Tänzerinnen in Maschinen verwandelte, eine Kritik am Verlust der Menschlichkeit im Ständestaat.

Magda Brunner schloss ihr Studium 1937 ab und ging mit ihrem Diplom nach Paris, um bei der russischen Lehrerin Ellen Tels weiterzutanzen.

Bild drei. Mitten im Atlantik, Juni 1938. Die Bodenwieser-Mädchen trainieren an Deck des Ozean-Liners „Costa Rica“ für die Aufführung an Bord.

Nach dem „Anschluss“ kehrte Magda Brunner aus Paris nach Wien zurück, wo sie wieder auf ihre alte Lehrerin traf: „Gertrud Bodenwieser warf sich meiner Mutter zu Füßen und flehte sie an, sich einzusetzen, damit sie mit einer Tanztruppe bei den 400-Jahr-Feiern von Bogotà ein Gastspiel geben dürfe und die Bodenwieser auf diese Weise Österreich verlassen könne“, erinnert sich Magda Brunner. Ihr Vater, der Architekt Karl Heinrich Brunner-Lehenstein, arbeitete seit 1929 in Südamerika als Stadtplaner. Tatsächlich gelang es ihm zu erwirken, dass die kolumbianische Regierung eine Gruppe von Bodenwieser-Mädchen gemeinsam mit ihrer Lehrerin nach Bogotà engagierte.

Der Treffpunkt für die bunt zusammengewürfelte Tänzerinnentruppe war Amsterdam. Die beiden Bodenwieserinnen Hilary Napier und Shona Dunlop teilten sich mit dem Kabarettisten Hugo Wiener und dem Sänger und Regisseur Eugen Strehn ein Coupé im Zug. In Aachen, bei der Ausreise aus Deutschland, brüllte sie ein SS-Mann an: „Was tun die zwei Saujuden da?“ Hilary Napier, die schon in China der Revolution entkommen war, fuchtelte mit ihrem britischen Pass vor der Nase des Mannes herum, der, solchermaßen eingeschüchtert, die Emigranten passieren ließ. Gertrud Bodenwieser stieß erst kurz vor dem Ablegen zu ihrer Truppe, nachdem sie vergeblich versucht hatte, ihren Mann, Friedrich Rosenthal, in Wien aus den Fängen der Gestapo zu befreien.

Auf dem holländischen Schiff „Costa Rica“ waren die Bodenwieserinnen drei Wochen lang gemeinsam mit der Mutter von Magda Brunner, die sie als Garderobiere der Truppe ausgegeben hatten, unterwegs nach Barranquilla. Während der Überfahrt probten sie ein Programm an Tänzen mit ihrem Pianisten, Marcel Lorbeer. Die Fotos von den Proben an Deck zeigen die jungen Mädchen in elfengleichen Posen, doch Magda Brunner erinnert sich noch heute an die unsanfte Landung nach den Sprüngen an Deck: „Außerdem war ich die ganze Zeit seekrank.“ Das Programm der Aufführung an Bord der „Costa Rica“ am 4.Juli 1938 ist feinsäuberlich im Album von Magda Brunner eingelegt. Dann ein Zeitungsartikel vom 16.Juli 1938: „El Ballet Vienes llegó a Bogotà“. Großer Empfang für Gertrud Bodenwieser und ihre Tänzerinnen in Kolumbien.

Bild vier. Bogotà, August 1938. Die Bodenwieser-Mädchen tanzen in der Stierkampfarena und recken den Honoratioren ihre Hinterteile entgegen.

Die Bodenwieserinnen traten in Benefizvorstellungen vor allem auf, was in Kolumbien Rang und Namen hatte. Die ausgefeilte Körperkunst kam auch in Südamerika gut an. Was fehlte, war das Geld. Das noble Publikum kam gerne, aber ein wirklicher finanzieller Erfolg war nicht zu verbuchen. Daher die Idee, in der Stierkampfarena von Bogotà aufzutreten. Eine Abendvorstellung für die ganze Bevölkerung würde sich gut verkaufen und der kolumbianischen Regierung die notwendigen Einnahmen bringen, damit sie ihren Kontrakt mit der Bodenwieser-Truppe erfüllen konnte. Doch Gertrud Bodenwieser war entsetzt, als sie erfuhr, dass die Mädchen auch in der Nachtvorstellung auftreten sollten. Wenn sich die Nacht über die Stadt breitet, wird es empfindlich kalt im hoch gelegenen Bogotà. Zudem stand zu befürchten, dass das abendliche Publikum den leicht bekleideten Tänzerinnen nicht die notwendige Hochachtung entgegenbringen würde.


Vorbei an den Blutlachen

Die Stierkampfarena selbst bot einen merkwürdigen Rahmen für Tanzdarbietungen, meint Magda Brunner: „Unsere Garderobe war in der Enfermeria der Toreros, und wir mussten an den Blutlachen der getöteten Stiere vorbei.“ Magda Brunners Vater wurde als Vermittler zwischen Bodenwieser und Bogotà-Verwaltung eingeschaltet und verkrachte sich wegen der Nachtvorstellung mit dem Bürgermeister von Bogotà, was ihm erhebliche Unbill einbrachte. Der Bürgermeister stellte ein Ultimatum: Wenn die Bodenwieserinnen bei der Abendvorstellung nicht aufträten, würde er die Spesen für die Rückreise nicht bezahlen. Gertrud Bodenwieser willigte unter Protest in den Tanz in der Arena ein. Ihre Mädchen ließ sie demonstrativ mit Pelzmänteln in die Arena einschreiten und die Mäntel vor dem Publikum aus- und nach dem Tanz wieder anziehen. Zum Ende der Vorstellung hieß sie die Truppe, sich mit dem Rücken zur Präsidentenloge zu verbeugen und den Honoratioren ihre Kehrseite entgegenzurecken.

Mit den Arenatänzen sollte auch das Gastspiel der Bodenwieser-Truppe in Kolumbien enden. Karl Heinrich Brunner-Lehenstein hatte bereits Kontakte geknüpft für eine Tour der Bodenwieser-Mädchen durch alle südamerikanischen Hauptstädte. Gertrud Bodenwieser jedoch beschloss, eine Tour durch die kolumbianische Provinz zu machen. Magda Brunner: „Das war ein großer Fehler, die Tänzerinnen traten in Kinos und schäbigen Sälen auf, und das war dann eine richtige Tingeltangel-Atmosphäre.“


Körpersprache und Mischmasch

Magda Brunner selbst trennte sich in Bogotà von der Bodenwieser-Truppe und blieb in der kolumbianischen Hauptstadt. Sie mietete einen Saal und unterrichtete unter dem Künstlernamen Magda Dahn, der für die Kolumbianer leichter auszusprechen war, modernen Ausdruckstanz. Anfangs konnte sie noch nicht Spanisch und bediente sich in ihrem Unterricht der Körpersprache und eines Mischmaschs aus Deutsch und Französisch.

In den Alben von Magda Brunner folgen zahlreiche Bilder der großen Abschlussaufführungen der verschiedenen Mädchenschulen, an denen sie in den folgenden Jahren Tanz unterrichtete. Magda Brunner: „Die kolumbianischen Kinder, die ich unterrichtete, waren rhythmisch begabt, aber sie hatten keine Durchhaltekraft. Mit 16 waren die Mädchen fertig mit der Schule, sie haben geheiratet – und damit ausgetanzt.“

Bild fünf: 1942. Wiener Opernball in Bogotà. Die Tanzschüler verschwinden in den plüschigen Logen des Teatro Colon.

„Das Leben in Kolumbien in den 1940er-Jahren war altmodisch“, berichtet Magda Brunner. Ihre Tanzschülerinnen durften nicht ausgehen. Umso erfinderischer zeigten sich die Kolumbianer, als sie 1942 auf Magda Brunners Vorschlag in Bogotà einen Wiener Opernball organisierten: „Die Jeunesse dorée von Bogotà nützte jede Gelegenheit, in den dunklen Ecken des ,Teatro Colon‘ zu verschwinden, bis ich die Proben hingeschmissen habe.“ Doch am nächsten Tag kam die Frau des kolumbianischen Präsidenten und überredete die Österreicherin, die Proben wieder aufzunehmen. Als Magda Brunner viele Jahre danach, als Mitarbeiterin des österreichischen Außenministeriums, einen Orden vom kolumbianischen Präsidenten entgegennahm, kannte sie die versammelte kolumbianische Crème aus jener Zeit, als sie ihnen als Kindern Tanzunterricht erteilte.

1949 kehrte Magda Brunner nach Wien zurück, nachdem sie in Bogotà elf Jahre lang insgesamt 5000 Schülerinnen das Tanzen gelehrt hatte. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2008)