Rot-Schwarz ist toll

Zu Ostern habe ich mir in der Staatsoper „Parsifal“ angehört, ein dunkles Werk, bei dem ich nicht begreife, ob es sich um religiöse Propaganda, germanische Bräuche oder reine Blasphemie handelt.

Es geht um einen Trottel, der ewig auf der Bühne umherirrt. Schließlich gelangt der übergewichtige Knabe zufällig in den Besitz einer Lanze, die wie ein leuchtfarbener Phallus aussieht. Parsifal wird zum Führer eines dubiosen Männerbundes. Die Musik aber hört sich wunderbar an.

Bei mir hat Wagners Woge Läuterung ausgelöst, ich wurde vom Paulus zum Saulus und glaube nun fest an den Erfolg der Koalition: Rot-Schwarz ist toll. In der Pause nämlich irrte ich im Foyer umher und traf zufällig auf unseren Bundeskanzler. Ich getraute mich nicht, ihm die offensichtliche Frage zu stellen, wie es ihm gehe. Zu stark verwundet von den Intrigen der SPÖ, der buhlerischen ÖVP und der verhexten Medien schien mir der wackere Mann. Stattdessen fragte ich ihn, wie ihm die Aufführung gefalle.

Seine kundige Antwort offenbarte mir, dass Alfred Gusenbauer tatsächlich viel von Noten versteht. Hier ist einer, der genau zuhört, und sei es auch nur dem einfachen Ritter von der Heerstraße. Er sprach dann noch vom hervorragenden Benchmarking der Regierung, als wäre es der Gral, und strahlte gequält. Aber da hörte ich gar nicht mehr so genau zu, sondern machte mir meine eigenen Gedanken. Ein Kanzler, dachte ich mir, der solche Freunde in der Partei hat und trotzdem politisch überlebt, der Zauberworte wie „Vermögensbildungssteuer“ in der Fastenzeit locker aus dem Ärmel schüttelt, als wäre es eine milde Gabe, der bleibt noch länger auf der Bühne als Amfortas. Der singt auch noch den Liebestod mit Molterer und gibt den Ring als Draufgabe bis zur Götterdämmerung.

Ich richte mich also auf weitere 20 Jahre Kanzler Alfred ein. Dann bin ich 70 und stehe kurz vor der Pension. Auf die freue ich mich ab jetzt, als wäre ich ein Sozialist wie Andreas Khol. Ich frage nicht mehr, was ich für mein Land, sondern, was mein Land für mich tun kann. Meinen Klingsor-Plänen schwöre ich ab. Da sie nun zerstoben sind, kann ich sie in tiefroter Zeit auch preisgeben: Gerne wäre ich Kapitalist geworden, aber es fehlen mir einfach die Mittel dazu.


norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2008)

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