"Gott des Gemetzels": Handy-Mörder, Hamster-Barbaren

(c) APA (Georg Hochmuth)
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Burgtheater. „Gott des Gemetzels“: Tolle Komödie, wunderbare Protagonisten.

Witz ist für Sigmund Freud eine sehr ernsthafte Leistung. Durch ihn werde ein aggressiver Trieb befriedigt, schreibt der Vater der Psychoanalyse 1905 in „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“. Man lache, weil die Hemmungsinstanzen wegfallen. Demnach war die österreichische Erstaufführung von Yasmina Rezas bereits als Boulevard-Klassiker geltendem Schauspiel „Der Gott des Gemetzels“ Samstag im Burgtheater eine todernste Angelegenheit, denn das Publikum lachte völlig enthemmt über die gnadenlose Zurschaustellung bourgeoiser Schwächen. 90 Minuten lang wurden von vier grandiosen Schauspielern Möchtegern-Helden vorgeführt. Jeder Satz dieses trefflichen, hinterlistig von Dieter Giesing inszenierten Stückes saß, jede Geste war selbst in ihrer Übertreibung glaubhaft. Was für eine Lust an Selbstzerfleischung! Solch eine unglückliche Situation, denkt der analysierte Bürger, könnte mir auch passieren. Falls der überarbeitete Mensch nur einmal im Jahr die Zeit findet, ins Theater zu gehen, sei ihm zur Läuterung dringend dieses „Gemetzel“ empfohlen.

Die Handlung ist trivial: Weil der elfjährige Sohn der Reilles dem Sohn der Houillés zwei Zähne zerschlagen hat, treffen sich die Eltern in der schicken hellen Wohnung der Opfer-Familie zur Aussprache. Designer-Vierersofa, Glastischchen, Kunstbände, eine große Vase Tulpen. Die Gastgeber Véronique (Maria Happel mit rosa Weste, schwarzen Jeans) und Michel (Roland Koch mit mischfarbenem Pulli und brauner Hose) benehmen sich anfangs äußerst zuvorkommend, man tauscht mit den Gästen Annette (Christiane von Poelnitz im schwarzen Hosenanzug) und Alain (Joachim Meyerhoff im grauen Businessanzug) höflich Belangloses aus.

Höflich bis zum Kotzen

Doch allein Bühne (Karl-Ernst Herrmann) und Kostüme (Janina Audick) sollten eine Warnung sein. Kaschmirweste und Kostüm, Sportpulli und feinster Zwirn passen nicht zusammen. Sofa, Tischchen und Vase scheinen stabil, doch die Bühne ist eine gefährlich steile zum Publikum hin schiefe Ebene, die zum Kriegsschauplatz, zur Schaufläche für das große Kotzen, zur Stätte eines Besäufnisses wird. Hinter der Fassade ziviler Umgangsformen verstecken sich zwei veritable Ehekrisen und vier eindimensionale Menschen. Die können gar nicht anders, als zwischen Small-Talk und überzogener Aggression zu schwanken.

Alle Rollen werden meisterhaft gespielt. Am expressivsten ist Véronique angelegt. Sie arbeitet halbtags in einer Kunstbuchhandlung, schreibt daneben emphatische Bücher über die reiche Kultur und das große Leid in Afrika. Sie ist also eine jener Frauen, denen man besser mit vorsichtigem Respekt begegnet. Denn wenn man wie die nervöse, damenhafte Vermögensberaterin Annette auf dem Höhepunkt des Schauspiels auf den längst vergriffenen Kokoschka-Band der Gastgeberin kotzt, wird diese zur Hyäne, zur Hysterikerin, zur Alptraumehefrau. Auch die erst so sensible Annette hat diesen Hang zum Barbarischen, als sie in einer rauschhaften Szene die Tulpen wie in einem Opferritual zerfleischt und über die Bühne zerstreut.

Die Männer, ja die Männer, wirken am Ende wie Männchen, da mögen sie noch so prahlen, dass sie mit elf bereits Führernaturen wie Ritter Ivanhoe waren. Michel ist ein Großhändler für Hausrat, der es allen recht machen will, aber unter dem Familienleben leidet. Er ist so brutal, dass er den Hamster der Tochter am Rinnstein aussetzt, und zu feige, das zitternde Tier in die Hand zu nehmen und zurückzuholen. Alain ist ein Winkeladvokat, der ständig das Mobiltelefon aus der Tasche fischt, um für eine kriminelle Pharmafirma zu tricksen. Sein Verhalten ist prototypisch für den Titel. Er zerhackt mit seiner Handy-Manie jeden zivilisierten Umgang, er opfert schamlos dem Gott des Gemetzels. Ein Jauchzen geht durchs Theater, als das Gerät im Wasser der Vase versenkt wird. Alle Figuren huldigen auf ihre Art dem Aggressionstrieb. Es bleibt dem moralischen Gefüge des Zusehers überlassen, zu entscheiden, was verwerflicher ist: Ein Mobiltelefon zu missbrauchen oder Hamster auszusetzen, auf Kokoschka zu kotzen oder mitleidig über Darfur zu schreiben. Bei Reza und Giesing stehen alle Bürger unter dem Generalverdacht, dass sie eigentlich Kannibalen sind.

ZUM STÜCK

„Der Gott des Gemetzels“ von Yasmina Reza; Regie: Dieter Giesing; Bühne: Karl-Ernst Herrmann; Kostüme: Janina Audick.

Vorstellungen: 1., 6., 13., 17. und 18.4.; Karten: 01/513 1 513
www.burgtheater.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2008)

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