Provokante Texte über Gewalt und offene Anfeindungen sind nur ein kleiner – aber lautstarker – Teil der Szene.
In Wiens Suburbs geht die Angst um, Bandenkriege und Gewalt sind an der Tagesordnung. Dieser Eindruck könnte entstehen, würde man Gangsta-Rap zur Grundlage seines Weltbildes machen. „Ottakringer Straße – Klick klack, Kopfschuss“ von Mevlut Khan und Platinum Tongue markierte den bisherigen Höhepunkt, der für einigen medialen Aufruhr sorgte – eine dringliche Anfrage der FPÖ an Ottakrings Bezirksvorsteher inklusive.
Was steckt dahinter? „Was Gangsta-Rapper sagen, muss man nicht für bare Münze nehmen“, sagt Daniel Shaked, Herausgeber des Hip Hop-Magazins „The Message“. Das böse Image sei das Klischee. Dass beim Reden über Hip Hop immer die Bösen im Vordergrund stehen, ist dem im Iran geborenen Halb-Österreicher, Halb-Israeli gar nicht recht: „Das ist nur ein Teil der Szene.“ Einer Szene, der sich in Österreich rund 18 Prozent der Jugendlichen zugehörig fühlen.
Vier Elemente gehören zum Hip Hop. Das sind zum einen Breakdance – die typische Tanzart – und Graffitis, die meist illegal an Wände gesprüht werden. Zum anderen gehört dazu DJing: das Auflegen und Mischen von Platten und Kreieren neuer Sounds. Die größte Wirkung hat allerdings das Rappen, der sprechartige Gesang. Er ist es, der das öffentliche Bild des Hip Hop am meisten prägt.
Entstanden ist der Gesangsstil schon in den Siebzigern in den New Yorker Armenvierteln. Weil man für Rap in seiner Urform keine Musikinstrumente braucht, wurde er zu einem leistbaren Weg, mit dem schwarze Jugendliche sich artikulieren konnten. Gewalt, Drogen- und Bandenkriminalität – und Wege zum Ausbruch aus der Situation – standen auch häufig im Mittelpunkt. Dinge eben, die die Jugendlichen bewegten.
Ähnlich wie bei den US-Vorbildern verarbeiten nun auch viele Jugendliche, vornehmlich aus Arbeiterbezirken, ihre Eindrücke in Hip Hop-Songs. Und schießen dabei oft übers Ziel hinaus: „Es gibt in Österreich keine Ghettos wie in den USA“, sagt MC Joshimizu, einer der bekanntesten Rapper der Stadt. Und dennoch wird der Mythos vom Gangsta-Leben auf der Straße immer wieder thematisiert.
„Tschuschen“ und „Schwabos“
Ein Trend, den es auch in Deutschland gibt. Um die Jahrtausendwende sorgten das Berliner Label „Aggro Berlin“ und Rapper wie Sido oder Bushido mit aggressiven Texten dafür, dass das Gangstertum auch im deutschen Hip Hop Einzug hielt. „Wenn man im 10., 15. oder 16. Bezirk im Park aufwächst, bekommt man Straßenleben und Kleindelikte natürlich mit“, erklärt Joshimizu. Der Rest sei Übertreibung, doch die gehöre einfach dazu.
Dazu gehört meist auch eine starke Identifikation mit Wien oder dem eigenen Bezirk. Gerade bei jener großen Zahl von Rappern mit Migrationshintergrund. „Wir sind hier aufgewachsen, es geht uns gut hier“, meint Joshimizu, selbst halb Philipino, halb Ungar. Gleichzeitig steht man aber zu seinen Wurzeln. Sich selbst bezeichnet man als „Tschusch“ oder „Kanake“ – im Gegensatz zu Österreichern, die „Schwabos“ genannt werden.
Die harte Sprache passt zum bösen Image, das mittlerweile selbst von Wohnzimmer-Rappern per YouTube nach außen getragen wird. Und das vor allem dann für Beunruhigung sorgt, wenn man die Codes der Szene nicht kennt.
Mit Empörung wird dann auch kokettiert, schließlich bringt es ja auch Publicity, wenn man als Bedrohung empfunden wird. Doch dieser Effekt wird nicht nur positiv gesehen. „Für das Gesamtimage des Hip Hop ist das nicht zuträglich“, meint Daniel Shaked, „man wird reduziert auf gewalttätig, frauenfeindlich und proletoid.“ Die Kreativität und der Wortwitz, den viele Rapper perfektionieren, bleibe im Hintergrund. Natürlich, mit bösen Buben aus den Suburbs lassen sich einfach bessere Schlagzeilen machen.
HIP HOP
Dresscode: Zu Hip Hop gehören Baseball-Kappen, weite Hosen und Turnschuhe.
Soziales Mileu: Vor allem bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist Hip Hop wichtig, doch Musiker und Fans gibt es aus allen sozialen Schichten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.04.2008)