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Eine kleine Metallscheibe zerstört das Melanom

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Das Melanom der Aderhaut ist die häufigste Krebserkrankungdes Auges. In Graz hat man jetzt eine schonende, organerhaltende Operationsmethode entwickelt.

GRAZ. Wieder ein Grund mehr, sich beim Brillenkauf nicht nur auf den Optiker zu verlassen, sondern auch einen Augenarzt zu konsultieren: Augentumore können nur bei medizinischen Untersuchungen erkannt werden. Das Fatale am Krebs: Man spürt ihn lange nicht, und wenn bereits Sehverschlechterungen eingetreten sind, ist der Tumor meist schon relativ groß und/oder hat sogar Metastasen gesetzt.

An der Medizin-Uni Graz werden Augentumore seit kurzem nach einem neuen Konzept behandelt, das für den Patienten viel schonender ist und mehr Menschen das Augenlicht retten kann. „Die häufigste Krebsart des Auges ist das Melanom der Aderhaut, die sich im Inneren des Auges befindet“, erklärt Werner Wackernagel von der Grazer Universitätsaugenklinik. Der Tumor entwickelt sich aus pigmentierten Zellen, die jeder von Geburt an besitzt. „Aus diesen Melanozyten kann ein Muttermal und in Folge ein böser Tumor entstehen.“ Letzteres ist bei 50 bis 60 Österreichern pro Jahr der Fall.


Höheres Risiko bei Muttermalen

Der Einfluss des Sonnenlichts auf die Entwicklung eines Aderhautmelanoms ist wahrscheinlich nur gering. Menschen mit vielen Muttermalen haben auch ein erhöhtes Risiko für ein Melanom im Auge. Das Melanom wächst auf der Innenseite des Auges, ist mit freiem Auge also nicht sichtbar und für den Betroffenen anfangs nicht wahrnehmbar. „Bei Untersuchungen, bei denen die Pupille mittels Tropfen erweitert wird und der Augenarzt direkt ins Auge sehen kann, werden solche Melanome oft als Zufallsbefund entdeckt“, schildert Wackernagel.

Wird der Tumor nicht entdeckt, wächst er weiter, führt zu Netzhautablösung, Sehverschlechterung und schließlich zur Zerstörung des Auges. Bis vor rund 15 Jahren wurde das betroffene Auge fast immer entfernt. Heute aber kann man das Melanom zerstören und das Sehorgan in vielen Fällen erhalten.

Die Standardmethode nennt sich Brachytherapie (griechisch: brachys=nah/kurz): Dabei wird eine etwa münzgroße, der Form des Auges angepasste Metallscheibe, ein sogenannter Applikator, operativ an der Außenseite des Auges entlang nach hinten bis über die Tumorbasis geschoben und dort festgenäht. Diese Scheibe enthält ein radioaktives Element, das abstrahlt und das Melanom zerstört.


Planungssoftware hilft

Bisher konnte man erst während der Operation herausfinden, wo der Krebs genau lokalisiert ist, und wo man das Blättchen anbringen muss, damit der ganze Tumor bestrahlt wird. „Mittels einer neuen 3D-Planungssoftware bekommen wir jetzt bereits im Vorfeld exakte Informationen über Lage und Größe des Tumors“, berichtet Wackernagel, der seine Erfahrungen bei Forschungsaufenthalten in den USA (Cleveland und Los Angeles) gesammelt hat. Die Software vereint Ultraschall,- Computertomografie- und Magnetresonanztomografie-Bilder aus dem Augeninneren zu einem dreidimensionalen Augenmodell. „Anhand dieses Modells wissen wir schon vor dem Eingriff ganz genau, wo die radioaktive Schale angebracht werden muss.“

Vorteil eins: Die Operationszeit wird dadurch von eineinhalb Stunden auf 40 bis 50 Minuten verkürzt. Vorteil zwei: „Wir können jetzt schon von vornherein sagen, ob und welche Augenmuskeln vorübergehend entfernt werden müssen.“ Damit müssten in Summe weniger und seltener Muskeln abgetragen werden (diese werden nach der Operation zwar wieder angenäht, aber es entstehen dabei Narben und in Folge Doppelbilder).

Immenser Vorteil Nummer drei: Auf Grund der exakten Planung kann nun genau berechnet werden, welche Strahlendosis die gesunden Teile des Auges – vor allem der Sehnerv und die Makula – abbekommen. „Früher hat man die räumliche Verteilung der Strahlendosis im Auge nicht gekannt, und wenn beispielsweise der Sehnerv zu viel Strahlung bekommen hat, führte das mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Erblindung“, so Wackernagel.


Test sagt Metastasen voraus

Mit dem neuen Wissen aber kann man die richtige Form des Applikators sowie die geringste, noch wirksame Dosis und Bestrahlungszeit wählen und bei Bedarf die Behandlung modifizieren und beispielsweise mit einer Lasertherapie ergänzen. „Damit sind Operation und Bestrahlung noch sicherer, noch wirksamer geworden“, meint der Experte und freut sich auch über eine weitere Verbesserung: einen Test, der voraussagt, ob ein Aderhautmelanom metastasieren wird oder nicht.

Es gibt nämlich Melanome, die nur im Auge wachsen und solche, die Metastasen streuen, bevorzugt in die Leber. „Wenn Metastasen bereits in der Leber sind, gibt es keine wirklich gute Therapie mehr“, sagt der Mediziner.


Feine Biopsienadeln

Nun gibt es schon seit einigen Jahren prognostische Tests mit Tumorgewebe, die ziemlich genau sagen können, welcher der Gruppen der Krebs angehört. „Wird das Auge entfernt, hat man kein Problem, genügend Gewebe zu erhalten. Will man aber das Auge erhalten, muss das Melanom mit feinsten Nadeln biopsiert werden, und da ist es schon viel schwieriger, genügend Gewebe zu bekommen.“

Die Augenklinik hat nun gemeinsam mit dem Grazer Institut für Humangenetik (Michael Speicher) eine Technik entwickelt, bei der schon wenige Tumorzellen für diesen Test reichen. „Der Prozentsatz erfolgreicher Biopsien ist nun damit deutlich über die bisherige Erfolgsrate von 70Prozent angestiegen. Wir streben 100Prozent an, und das ist realistisch“, meint Wackernagel. [Fabry]

www.meduni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.04.2008)