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Doping: Potenzielle Doper dürfen jubeln

(c) GEPA (Autissier-Robin)
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Forscher fanden die Ursache für Muskelermüdung heraus, und gleich auch ein Mittel dagegen – eine neue Dopingsubstanz.

NEW YORK (mhk/nat.). Kerngesunde Marathonläufer und schwerkranke Herzpatienten haben mehr gemeinsam, als angenommen: Die Erschöpfung der Sportler geht auf die gleiche Ursache zurück wie die Herzschwäche der Kranken.

Lange Zeit hatten Forscher Laktat als einzige Ursache für Muskelermüdung gehalten. Die für den Muskelkater verantwortliche Milchsäure fällt regelmäßig bei Sauerstoffmangel im Muskel an. Doch Andrew Marks, Kardiologie-Professor an der New Yorker Columbia Universität, will andere Ursachen für die Erschöpfung ausgemacht haben.

Durch Anstrengung kommt es seiner Meinung nach vielmehr zu undichten Ionenkanälen in den Muskelzellen. Das Leck, so Marks Studie, führt dazu, dass Kalzium, ein für die Muskelkontraktion notwendiges Ion, kontinuierlich in die Muskeln einströmt. Das schwächt einerseits die Muskelkraft und aktiviert andererseits ein Enzym, das die Muskelfasern schädigt. Im Gegensatz zu Ausdauersportlern bleiben die lecken Stellen bei Herzpatienten aber dauerhaft bestehen.


„Undichte“ Stellen

Wenn das Herz aber nicht mehr richtig arbeitet, sinkt die Leistungsfähigkeit der Muskeln rapide, die Betroffenen werden schnell müde. „Symptome dieser Patienten sind Muskelschwäche und Erschöpfung, die so schlimm sein können, dass sie nicht aus dem Bett aufstehen können, sich ihre Zähne putzen oder essen“, erklärt Andrew Marks.

Nachdem der Kardiologe in Versuchen an Tieren und Ausdauersportlern die „undichten“ Stellen in den beanspruchten Muskeln festgestellt hatte, begab er sich auf die Suche nach Substanzen, die genau diesen Effekt verhindern können. Er fand sie in dem Molekül S107, das der Forscher zu einem Medikament gegen Herzinsuffizienz entwickelt. Im Tierversuch gelang es mit Hilfe von S107, undichte Ionenkanäle zu versiegeln und vor vorzeitiger Ermüdung zu schützen.

Für Ausdauersportler könnte die Substanz ebenfalls interessant sein. Im Versuch mit (gesunden) Mäuse zeigte Marks, dass die mit S107 „gedopten“ Tiere insgesamt 78 Minuten im Laufrad durchhielten. Ohne S107 gaben die Mäuse nach 65 Minuten auf. Nach dreiwöchigen Schwimmtraining waren die unbehandelten Tiere erschöpft, während die gedopten Tiere noch Reserven hatten.


Demnächst am Schwarzmarkt

Als Dopingmittel dürfte S107, eine leicht zu synthetisierende Substanz, bald auf den Schwarzmarkt kommen, bevor es als Medikament zur Behandlung von Herzinsuffizienzen zugelassen wird.

Don Catlin, Direktor des olympischen Testlabors an der Universität von Kalifornien ist jedenfalls vorgewarnt. Dem Magazin „Nature“ gegenüber meinte er: „Wenn ich einen neuen Weg suchen würde, um zu dopen und zu betrügen, wäre S107 genau das Richtige für mich. Wer weiß, vielleicht wird diese Substanz schon in irgendeinem Hinterhof hergestellt.“ Allerdings sind sich Dopingexperten einig, ist diese Substanz relativ leicht nachzuweisen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2008)