„Europa verliert in Afghanistan seine Glaubwürdigkeit“

(c) EPA (Olivier Hoslet)
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Robert Hunter, Nato-Botschafter der USA unter Bill Clinton, fürchtet um Europas Weltrolle.

Der Einsatz in Afghanistan hat die Nato in eine schwere Krise gestürzt. Machen Sie sich Sorgen um die Zukunft des Bündnisses?

Robert Hunter: Nicht wirklich, ich bin sehr zuversichtlich was die Nato betrifft. Das Afghanistan-Problem ist nicht zu unterschätzen, aber es ist keine fundamentale Bedrohung für die Nato. Es ist eher eine Bedrohung für die Absichten der EU, in außenpolitischen Angelegenheiten ein wichtiger Mitspieler zu sein.

Afghanistan ist mehr ein Problem der EU als der Nato?

Hunter: Militärisch erfüllt die Nato ihre Aufgabe. Alle Länder haben Truppen eingesetzt. Das wirkliche Problem ist der wirtschaftliche und politische Wiederaufbau. Hier ist die internationale Gemeinschaft gefordert, und Europa sollte sich auf jeden Fall mehr engagieren.

Dass Deutschland seine Soldaten im Rahmen des Nato-Einsatzes nur in den ruhigeren, nördlichen Gebieten Afghanistans einsetzt, damit haben Sie kein Problem?

Hunter: Natürlich. Es ist vor allem Ländern wie Großbritannien, Niederlande, Kanada, Dänemark schwer zu erklären, die viele Tote im Süden und Osten des Landes erleiden. Aber darüber mache ich mir weniger Sorgen als über die nicht-militärische Seite.

Afghanistan als Test für die EU?

Hunter: Die Europäer müssen jedenfalls viel mehr tun. Wenn man die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik ernst nimmt, dann muss man sich mehr engagieren in Fragen, die alle Mitglieder betreffen – und das ist eben Afghanistan. Wenn man einfach sagt, das ist eine Aufgabe der Nato und nicht der EU, dann wird die einheitliche Außen- und Sicherheitspolitik unglaubwürdig, dann verliert Europa seine Glaubwürdigkeit.

Was soll man also in Brüssel tun?

Hunter: Das ist Aufgabe der EU, sich etwas zu überlegen.

Sie haben sicher Vorschläge.

Hunter: Wir (die USA, Anm.) hätten gerne, dass sich Europa mehr engagiert, aber das im Rahmen der Nato macht. Aber wir sind bereit, jedes Engagement Europas zu unterstützen. Afghanistan ist eine zentrale Frage: Das ist nicht nur ein Nato-Problem, sondern eine Herausforderung für die EU und ihr Ziel, eine globale Rolle zu spielen.

Wird sich Europa auch mehr im Irak engagieren müssen, wenn der nächste US-Präsident ein Demokrat ist und die Truppen abzieht?

Hunter: Die USA sind in einer Übergangsphase im Irak. Mit Obama oder Clinton wird es früher zu Veränderungen kommen, und dann wird es viele nicht-militärische Aufgaben im Irak geben. Europa sollte jedenfalls mehr tun als in der Vergangenheit.

Noch einmal zur Frage der gemeinsamen EU-Außenpolitik: Den USA war es ja gar nicht so unrecht, dass man die EU beim Irak-Krieg auseinanderdividieren konnte in ein, wie es Ex-Verteidigungsminister Rumsfeld nannte, „altes“ und „neues“ Europa.

Hunter: Das war ein großer Fehler, und den versucht man jetzt wieder auszubügeln. Der nächste Präsident wird Europa gegenüber positiver eingestellt sein als Bush. Der Preis, den die EU dafür bezahlen muss, ist aber, dass man sich an die Versprechen in Bezug auf Afghanistan halten und im Nahen Osten hilfreicher sein muss, und das inkludiert den nicht-militärischen Bereich im Irak.

Die Raketenabwehr in Polen und Tschechien hat für schwere Verstimmung gesorgt. Warum haben die USA die nicht im Rahmen der Nato gemacht?

Hunter: Das hat man völlig vermurkst. Ein Fehler war, dass man zuerst ausführlich mit Russland sprach und dann erst mit den Alliierten. Man versucht das beim Nato-Gipfel zu lösen, es wird irgendeine Involvierung der Nato in das Raketenschild geben. Das ganze Thema wurde falsch angegangen und hat nur mit der Besessenheit der Bush-Administration mit Iran zu tun.

Russland ist deswegen jedenfalls verärgert. Ist es da ein vernünftiger Schritt, beim kommenden Gipfel Georgien und die Ukraine näher an die Nato heranzuführen?

Hunter: Ich will weder Georgien noch die Ukraine in der Nato haben. Wenn wir eine funktionierende, gute Partnerschaft mit Russland haben wollen, macht das überhaupt keinen Sinn. Es hilft der Sicherheitssituation beider Länder nicht, wenn man Russland auf die Zehen steigt.

ZUR PERSON. Amerikanischer Architekt der neuen Nato

Robert Hunter war unter US-Präsident Bill Clinton von 1993 bis 1998 amerikanischer Botschafter bei der Nato. In dieser Zeit war er maßgeblich in die Verhandlungen über den Einsatz der Nato im Bosnien-Krieg involviert. Er war einer der Architekten der „neuen Nato“ nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und arbeitete wesentlich an der Erweiterung des Verteidigungsbündnisses mit. Derzeit ist er als Verteidigungsexperte beim Washingtoner Think Tank Rand Corporation beschäftigt. [AFP]

ZUR PERSON. Der russische Militärexperte

Dmitrij Trenin (52) ist Militär- und sicherheitspolitischer Experte sowie stellvertretender Direktor des Moskauer Carnegie Center. Er diente von 1972 bis 1993 in der sowjetischen bzw. russischen Armee und nahm von 1985 bis 1991 an den US-sowjetischen Atomwaffengesprächen in Genf teil. Später weilte er zu einem Forschungsaufenthalt am Nato-Defense College in Rom. Trenin schrieb mehrere Bücher, unter anderem „Russland. Die gestrandete Weltmacht.“ [Fabry]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2008)

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