Europas schwarze Sex-Sklavinnen

(c) Reuters (Zohra Bensemra)

Vom Geschäft mit Afrikanerinnen, die aus ihrer Heimat gelockt und unter anderem auch in Wien auf den Strich geschickt werden.

WIEN. Blessing wollte studieren. Als der damals 17-Jährigen aus einem Dorf in Südnigeria ein Freund der Familie einen Studienplatz in Italien versprach, nahm sie das verlockende Angebot an. Bald aber zeigte sich, dass die Versprechungen falsch waren: Das Mädchen landete auf dem Straßenstrich eines noblen Touristenortes an der Adria. Blessing müsse Geld verdienen, um die Kosten ihrer Reise, 35.000 Euro, abzuzahlen, hatten ihr die Schlepper erklärt. Danach könne sie machen, was sie wolle. Doch der Zeitpunkt sollte nie kommen.

Blessings Geschichte ist nur eine von vielen. Jedes Jahr werden zehntausende Afrikanerinnen nach Europa geschleppt, um auf dem Strich und in Bordellen weißen Freiern angeboten zu werden. Die meisten Mädchen stammen aus Nigeria. In Europa werden ihnen rasch die Pässe abgenommen. Sie werden bedroht und geschlagen, damit sie nicht auf die Idee kommen zu fliehen. Auch in Wien floriert das Geschäft mit nigerianischen Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden.

Das Schicksal jener, die in Europa zur Wegwerfware werden, haben Corinna Milborn und Mary Kreutzer in einem Buch („Ware Frau“) zusammengefasst. Für ihre eineinhalbjährige Recherche reisten sie nach Nigeria, zeichneten die Reisewege der Schlepperbanden nach und besuchten ehemalige Opfer, die ihren Weg zurück in die Gesellschaft suchen.

Das Geschäft ist lukrativ. Laut UN-Schätzungen hat diese Form organisierter Kriminalität weltweit den Drogen- und Waffenhandel überholt. Der Profit soll 30 Milliarden Dollar pro Jahr betragen. Vorteil des Sex-Business: Frauen können immer wieder gebraucht und missbraucht werden. 67.000 Dollar erwirtschaftet laut der Internationalen Arbeits-Organisation ILO eine Prostituierte pro Jahr.


Frauen als Zuhälter

Was auffällt: Während etwa Frauenhändler-Ringe aus Osteuropa fest in der Hand von Männern sind, ist der afrikanische Frauenhandel von Frauen dominiert. Meist sind es zwar Männer, die in Nigeria die Frauen in die Falle locken – doch dann übernehmen Frauen. Sie betreiben als Zuhälterinnen, als „Madames“, ihre kleinen Unternehmen, überwachen jeden Schritt ihrer Damen und schicken sie auf den Strich.

Um die Opfer über Jahre hinweg gefügig zu halten, werden auch ihre Familien bedroht. Dafür sorgen schon die Kontaktmänner der Madames. Zudem bauen die Menschenhändler auf den Glauben an afrikanische Traditionen, an Voodoo: „Die Mädchen müssen in Nigeria vor ihrer Abreise bei einem Voodoo-Priester Schamhaare, Fingernägel oder Regelblut abgeben. Der führt dann ein Ritual durch, das sie an die Madames bindet“, erklärt Joana Reiterer im Gespräch mit der „Presse“. Die quirlige 27-Jährige leitet „Exit“ in Wien – die einzige Organisation, die sich um afrikanische Opfer von Menschenhandel kümmert.


Druck durch Vodoo

An den Schwur, ihre Peiniger nicht zu verraten, hielten die Mädchen meist eisern fest. „Wer ihn bricht, dem könnte Böses zustoßen. Der könnte sterben“, sagt Reiterer. Sie weiß, wovon sie spricht: Reiterer, die in Benin studierte hatte, ging selbst einem Schlepper auf den Leim und folgte ihm nach Wien. Dort wurde ihr bewusst, dass er aus ihr eine Zuhälterin machen wollte.

Reiterer konnte aber fliehen und sich dem Druck der Schlepper widersetzen. Seither setzt sie sich für Nigerianerinnen in Wien ein, die nicht so stark wie sie sind.

Die meisten der zur Prostitution Gezwungenen landen in Europa irgendwann in Schubhaft. Dann werden sie in ihre Heimat geschickt, wo sie nur allzu oft wieder in die Fänge der Schlepper geraten. Ihre Tortur beginnt erneut. Wieder müssen die Frauen die Wüste durchqueren, Tausende Euro für die lebensgefährliche Überfahrt nach Spanien oder Italien bezahlen, um in Europa von den Zuhälterinnen in Empfang genommen und versklavt zu werden. Der Menschenhandel umspannt ganze Kontinente und funktioniert scheinbar reibungslos.


Versuch eines Neubeginns

Eine Erfahrung, die auch Blessing gemacht hat. Die heute 26-Jährige wurde schon einmal von Italien wieder nach Nigeria abgeschoben und hat es dort aber bisher geschafft, die lockenden Schlepper zu meiden. Ihr Traum ist es, ein Catering-Unternehmen zu gründen. Und noch einmal ganz von vorne anzufangen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2008)