Der Soziologe Peter L. Berger im Interview mit der "Presse" über staatliche Lügen, kosmische Pläne und das Beste am Grundgesetz.
Die Presse: Ihre Erinnerungen an Kindheit und Jugend erzählen von dunkler Zeit, sie haben jedoch etwas Leichtes. Wie war Ihr Grundgefühl, als Sie 1955 aus der Emigration erstmals nach Österreich zurückkamen?
Peter L. Berger: Ich habe die Dinge, die im Dritten Reich passiert sind, nicht vergessen. Aber ich habe mich nie als Opfer gefühlt. Das Wiedererleben meiner Kindheit in Wien war 1955 ein beglückendes Erlebnis.
Sie verfolgen aber wohl auch, wie dieses Land mit seiner Vergangenheit umgeht?
Berger: Ja, im Moment sogar sehr. Mein Sohn, ein Politologe, schreibt ein Buch, das Deutschland, Österreich, Japan und deren Behandlung des Zweiten Weltkriegs untersucht. Das Kapitel über Österreich ist eben fertig. Die Studie ist recht interessant. Niemand hat Santayana gelesen, aber ein Satz von ihm wird ständig zitiert: „Wer sich an die Vergangenheit nicht erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“
Und sie wiederholt sich als Farce.
Berger: Die Wiederholung trifft vielleicht bei einzelnen Menschen zu, aber ich fange an, mich zu fragen, ob der Satz auch für ein Kollektiv stimmt. Der Fall Österreich ist sehr interessant. Die Zweite Republik beruht, wenn nicht auf einer Lüge, zumindest auf einer partiellen Wahrheit; das Land sei das erste Opfer Nazideutschlands. Dies wurde von den Alliierten 1943 in der Moskauer Deklaration legitimiert und von den Österreichern begeistert aufgenommen, war faktisch Staatsdoktrin. Was geschah aufgrund dieser Unwahrheit? Ein demokratischer Staat wurde begründet, mit interessantem Wirtschaftsaufschwung, ein Rechtsstaat mit Anti-Nazi-Gesetzen. Ein Jude wurde Bundeskanzler, Österreich hat sich sehr anständig im Ungarnaufstand 1956 und 1968 nach dem Prager Frühling verhalten. Diese Unwahrheit hat also besonders gute Resultate erzielt.
Müsste man nicht doch auch dankbar sein, dass die Affäre Waldheim schließlich die Vergangenheitsbewältigung gefördert hat?
Berger: Aber ja, und das geschah Jahrzehnte nach Deutschland! Die geistige Atmosphäre ist den letzten Jahren gesünder geworden. Doch Österreichs Identität entwickelte sich in den Aufbaujahren. Ihr Nationalgefühl ist nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden.
Die 68er werden in Götz Alys Buch „Unser Kampf“ mit den Anfängen der Nazis verglichen. Wie haben Sie die Sechzigerjahre erlebt?
Berger: Ich hatte anfangs Sympathie, war gegen Rassismus und Vietnamkrieg. Als die Studenten 1968 die Columbia University besetzten, sah ich das im TV. Sie riefen im Chor: „Die Straßen gehören dem Volk!“ Das hat mich an etwas erinnert. An das Horst-Wessel-Lied: „Die Straße frei den braunen Bataillonen.“ Da dachte ich, dieser Fanatismus, der Kollektivismus, das Gewalttätige sind psychologisch ähnlich. 1968 war ein „mixed bag“, eine Kulturrevolution, deren institutionelle Resultate noch heute da sind.
Sie haben in Österreich, Italien, Israel, Frankreich und den USA gelebt. In Ihrem neuen Werk „Im Morgenlicht der Erinnerung“ präsentieren Sie sich als Weltbürger. Zugleich aber spricht man seit einiger Zeit vom Kampf der Kulturen. Sie haben mit Samuel Huntington, der diesen Begriff prägte, gemeinsam ein Buch geschrieben. Ist es schwieriger geworden, ein Weltbürger zu sein?
Berger: Die Offenheit gegenüber anderen Kulturen ist wichtig für das Weltbild. Ich sehe das positiv, im Gegensatz zu Huntington. Aber die Hoffnung, dass eine einheitliche Weltkultur entsteht, stimmt einfach nicht. Mich fasziniert dennoch die enorme Fähigkeit von Menschen, sich kosmopolitisch zu orientieren und trotzdem eigene Traditionen weiter zu pflegen. Huntingtons Analyse stimmt leider in Bezug auf die islamische Welt. Ein ägyptischer Journalist hat das unlängst so gesagt: „Nicht alle Muslime sind Terroristen, aber die meisten Terroristen sind Muslime.“ Abgesehen von diesem Konflikt zwischen Westen und Islam liegt Huntington falsch. Wir haben bei unserem Projekt viel gestritten. In einem stimmen wir überein: Kultur ist ein ganz wichtiger Faktor für internationale Beziehungen.
Was macht die Kultur des Islam so gefährlich?
Berger: Es kommt darauf an, wie man die frühe Geschichte des Islams sieht. Der Vergleich mit dem Christentum liegt auf der Hand. Jesus wurde als Verbrecher hingerichtet, Mohammed wurde Staatschef und hat Kriege geführt. Ob das seine Absicht war, kann man nicht mehr feststellen, ob das im Wesen des Islam liegt, ist schwer zu sagen, aber die Jahrhunderte nach Mohammed waren eine Geschichte der Eroberung.
Als Gegenbeispiel wird immer das angeblich tolerante maurische Spanien genannt.
Berger: Das mag in gewisser Weise gerechtfertigt sein, ich würde dennoch ungern als Jude oder Christ im Spanien des elften Jahrhunderts gelebt haben, selbst wenn es im Vergleich mit dem christlichen Europa von damals wahrscheinlich ein Paradies war.
Sie diskutieren am Donnerstag über „How Christian Can A Democracy Be?“. Wäre es nicht interessanter zu fragen, wie demokratisch das Christentum sein kann?
Berger: Das hängt von Ihrer Theologie ab. Als Soziologe sage ich, dass die Demokratie gewisse Werte haben muss. Der große Rabbi Hillel wurde einmal gefragt, ob man die Thora erklären könne, wenn man auf einem Fuß stehe. Er sagte: „Ja, die Goldene Regel lautet: Tue nicht anderen, was du nicht willst, dass sie dir tun. Der Rest ist Kommentar.“ Die Werte der liberalen Demokratie benötigen auch nur einen Satz, aus dem Grundgesetz der Bundesrepublik: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Der Rest ist Kommentar, und es gibt viel zu kommentieren.
Woher kommen diese Werte?
Berger: Manche religiöse Analytiker behaupten, die Demokratie müsse einen jüdisch-christlichen Unterbau haben. Das stimmt zum Teil, wäre aber ein bisschen zu einfach: Es gibt auch noch griechische Philosophie, Römisches Recht, die Aufklärung, die Pluralisierung der Lebenswelt. Aber die Genese eines Begriffes sagt nichts über seine Gültigkeit aus. Der Satz aus dem Grundgesetz ist keine Theorie, sondern Apperzeption. So wird der Mensch gesehen, man muss dazu nicht die gesamte Entwicklung wiederholen. Diese Werte bestehen auch für Agnostiker. Ein Staat sollte nicht christlich sein und kann es heute kaum sein. Das Christentum ist eine Botschaft von kosmischer Signifikanz, die alle menschlichen Institutionen relativiert. Es ist ein Unsinn zu behaupten, Christentum müsse zu Demokratie führen. Es ist damit vereinbar, aber auch mit anderen Staatsformen. Ich ziehe die Demokratie aus praktischen Erwägungen vor, aber Menschenrechte können auch von Despoten unterstützt werden. Denken Sie an Josef II.
Was bedeutet das für Sie als Christ?
Berger: Ich wurde einmal vor Jahren gefragt, was sich an meinen moralischen Überzeugungen ändern würde, wenn ich morgen Atheist würde. Nichts würde sich ändern. Die einzige Ausnahme, die mir damals einfiel und wahrscheinlich falsch ist, war der Selbstmord. Aber wenn ich es eines Tages nicht mehr aushielte, würde mir Gott verzeihen, dass ich Schluss mache. Das Christentum verortet das positive Menschenbild in einem kosmischen Zusammenhang. Gott steht hinter dieser Einsicht, nicht ein sinnloses Universum. Unser Verständnis der moralischen Gebote gehört zu seinem Plan.
POLITISCHER SALON
How Christian Can A Democracy Be? wird heute, Donnerstag, um 18.30h im Institut für die Wissenschaften vom Menschen gefragt. Es diskutieren Peter Berger, Janos Kovacs und Michael Fleischhacker, Chefredakteur der „Presse“, die Kooperationspartner ist.
Wo: Spittelauer Lände 3, 1090. Eintritt frei, begrenztes Kontingent. Tel: (01) 313-58-0
„Im Morgenlicht der Erinnerung“ (Molden Verlag 2008) nennt Berger (*1929) seine Kindheitserinnerungen. Er lehrt in Boston Soziologie und Theologie. Berger und Thomas Luckmann haben mit „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ 1966 einen Klassiker der Wissenssoziologie verfasst.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2008)