Die Schlamm-Schlacht zwischen Clinton und Obama schmälert die Wahlchancen der demokratischen Partei immer mehr.
Washington. Tonya Harding war eine mittelmäßige Eiskunstläuferin, die 1994 die US-Meisterschaften gewann. Gesiegt hat sie, wie sich später herausstellte, nur deswegen, weil sie jemanden anheuerte, der ihre Konkurrentin Nancy Kerrigan mit einer Eisenstange verletzte, damit sie nicht antreten konnte. Viele Beobachter in den USA sehen die Gefahr, dass Hillary Clinton zu einer politischen Tonya Harding wird.
„Sie muss Barack Obama vernichten, um noch eine Chance auf die Präsidentschaftsnominierung zu haben“, meinte etwa der Analyst des TV-Senders ABC, Matthew Dowd. Nur wenn sie Obama derart schlecht mache, dass ihn niemand mehr wählen wolle, könne sie die Nominierung für sich entscheiden.
Dass das Team der ehemaligen First Lady genau das machen wird, fürchten viele Demokraten. Das angesehene Nachrichtenmagazin „New Republic“ schrieb bereits von einem „demokratischen Todesmarsch“: „Jeder Tag, den Clinton und Obama mit gegenseitigen Angriffen verbringen, bringt John McCain näher ins Weißen Haus.“
Bei den Demokraten sorgt man sich jedenfalls um die Einheit der Partei. „Je länger diese Selbstzerfleischung weitergeht, umso größer ist das Risiko einer tiefen Spaltung“, sagte der demokratische Umfrageexperte Mark Mellman.
Welche Gefahren das birgt, zeigt eine Umfrage des Fernsehsenders NBC vor wenigen Tagen unter Anhängern der beiden Kandidaten. Demnach wollen 28 Prozent der Clinton-Unterstützer bei der Wahl für McCain stimmen, sollte Obama der demokratische Präsidentschaftskandidat sein (umgekehrt sind es 19 Prozent der Obama-Anhänger).
In den vergangenen Tagen stieg der Druck auf Clinton, freiwillig auf ihre Kandidatur zu verzichten. So meinte etwa der einflussreiche Senator Patrick Leahy, Clinton habe zwar jedes Recht, aber „wenig gute Gründe“ weiter im Rennen zu bleiben.
Die Senatorin aus New York liegt sowohl bei der Zahl der bisher gewonnen Parteitagsdelegierten hinter Obama zurück, als auch bei der Zahl der absoluten Stimmen. Gestern kam zudem die Meldung, dass Obama aufgrund der seltsamen Wahlprozedur in Texas mehr Delegierte gewann als Clinton (99 zu 94), obwohl sie bei der Vorwahl Anfang März mehr Stimmen erhielt.
Clinton wie „Rocky“
Clintons Wahlkampf erlitt zudem einige Rückschläge, als etwa Meldungen über unbezahlte Rechnungen in Höhe von 8,7 Millionen Dollar in den Zeitungen erschienen und durch Clinton selbst, die Schilderungen über einen Besuch in Bosnien maßlos übertrieb (sie sprach von Scharfschützenfeuer, das es nie gab).
Doch die Senatorin zeigte sich kampfeswillig. Zur Musik von „Rocky“ erklärte sie, sie sei wie die Hauptfigur des Boxerfilms mit Sylvester Stallone: „Ich weiß was es heißt, niedergeschlagen zu werden. Aber ich blieb nie unten. Wenn es darum geht, einen Kampf zu beenden, haben Rocky und ich viel gemeinsam. Ich gebe nie auf.“
Ihr Team setzt alle Hoffnungen auf die kommende Vorwahl in Pennsylvania (22. April), wo Clinton deutlich vor Obama führt. Dennoch kann sie ihren Rivalen in den verbliebenen Abstimmungen nicht mehr überholen, nur die Superdelegierten, die ihre Stimme frei vergeben dürfen, könnten ihre Nominierung sicherstellen. Das Online-Magazin „Slate“ hat bereits eine „Hillary Totenwache“-Kolumne eingeführt.
Obama selbst sagte bei einem Auftritt, Clinton solle so lange im Rennen bleiben wie sie wolle. In seinen Reden ignorierte er die Konkurrentin aber weitestgehend und konzentrierte seine Attacken auf McCain, als wäre der bereits sein direkter Rivale.
Überaus glücklich war übrigens Clintons Vergleich mit Rocky nicht. Im Film verliert der Boxer am Ende gegen Apollo Creed, einen Afro-Amerikaner.
WIE ES WEITERGEHT
In Pennsylvania finden am 22. April die nächsten Vorwahlen statt. Es geht um 188 Delegierte. Derzeit führt Barack Obama mit 1625 gewonnenen Delegierten vor Hillary Clinton mit 1471 (laut Zählung der „New York Times“). Ein Kandidat benötigt 2025 Delegierte, um die Präsidentschaftsnominierung beim Parteitag im August zu gewinnen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2008)