Der erste Siedler kam früher nach Amerika als bisher gedacht. Koprolithen zeigen es.
Wer setzte als erster Mensch seinen Fuß auf den Boden Amerikas? Es wird immer rätselhafter: Lange vermutete man, der Doppelkontinent sei vor 13.000 Jahren erwandert worden, von Mongolen, die trockenen Fußes über die Beringstraße nach Alaska kamen – noch war Eiszeit, viel Wasser war in Gletschern gebunden – und sehr rasch in den Süden vorstießen, bis nach Feuerland, in wenigen hundert Jahren. Diese Menschen nannte man „Clovis“, sie waren in den Augen der Forscher die ersten, und sie waren das auch in den Augen der späteren Ersten, der Indianer. Die Besiedlungsgeschichte Amerikas ist keine nur akademische Frage, sie ist hoch emotional, man sah es vor allem an „Kennewick Man“, der vor 9000 Jahren lebte. Ganz äußerlich hat er keine Ähnlichkeit mit Mongolen – sondern mit Ainu, japanischen Ureinwohnern -, aber ob er wirklich aus Japan kam, konnte nie geklärt werden: Indianer beanspruchen ihn als ihren Ahnen, damit gehört er ihnen und ist für die Wissenschaft tabu, Genanalysen etwa konnten nicht durchgeführt werden.
30.000 Jahre alte Fußspuren?
Das ist nur eines der Probleme, der Zeitpunkt der Erstbesiedelung ist ein zweites: In Mittelamerika, an einer Küste Mexikos, gibt es Fußspuren, die 30.000 Jahre alt sein sollen, aber das ist umstritten. Gesichert hingegen ist, dass in Monte Verde, Südchile, vor 13.900 Jahren Menschen lebten - „Prä- Clovis“.
Woher kamen sie? Aus Australien? Auch darauf gibt es Hinweise, Felszeichnungen in Südamerika, die denen der Aborigines ähneln. Oder aus Europa? Das lässt eine frühe nordamerikanische Kultur vermuten, die große Ähnlichkeit mit einer am (spnischen und französischen) Mittelmeer hatte. Oder kamen sie doch vom Norden her, auf dem gleichen Weg wie die Clovis, nur früher? Darauf deuten die neuesten Funde, sie stammen aus der Paisley-Höhle in Oregon und sind bzw. waren etwas anrüchrig: 14 Koprolithen – versteinerte Fäkalien – hat ein Team um Eske Willerslev (Kopenhagen) gefunden, sie deuten optisch auf Menschen, und die darin gefundenen Gene tun das auch.
Aber bei Gen-Analysen von Fossilien ist höchste Vorsicht angebracht, oft sind die Gene Verunreinigungen durch die Ausgräber. Deshalb hat man vorsichtshalber auch die Gene aller 55 Forscher analysiert, die das Material in Händen hatten.Ihre Gene waren es nicht, es waren vielmehr Gene zweier Untergrupppen, die sich in Sibirien und Ostasien finden, A2 und B2 (und vermutlich vor 13.900 bzw. 16500 Jahren entstanden). Zudem fanden sich in manchen Koprolithen auch Gene von (vermutlich) Füchsen und Wölfen: Entweder haben die Menschen sie gegessen, oder die Tiere haben über die menschlichen Fäkalien uriniert. Exakter ist die Altersbestimmung: 12.300 bis 14.300 Jahre. „Die Koprolithen sind über tausend Jahre älter als die bisher geltenden Daten für die Clovis“, erklären die Forscher (Science, 3.4.). Waren auch diese Menschen Clovis? Darauf deutet nichts: Zwar hat man auch Gebrauchsgegenstände gefunden – vor allem höchst dünnen Faden -, aber die für die Kultur der Clovis spezifischen – steinerne Pfeilspitzen – waren nicht dabei.
Rätselhaftes Verschwinden
Offenbar verschwanden diese Menschen wieder, niemand weiß wohin, niemand weiß es auch bei den Clovis, die sich nur wenige Jahrhunderte hielten. Dann gingen sie, zugleich gingen alle großen Säugetiere – Elefanten, Kamele, Säbdelzahntiger. Die wurden vielleicht von den Clovis ausgerottet – sie hatten die modernsten Jagdwaffen ihrer Zeit -, aber die Clovis selbst? Eine Gruppe um Richard Firestone (Lawrence Berkeley National Laboratory) vermutet einen Asteroideneinschlag („impact“) mit Klimakatastrophe im Gefolge: Erst große Brände, dann Kälte durch die Rauchwolken. Das stößt aber bei Impact-Spezialisten auf wenig Gegenliebe, etwa beim Geochemiker Christian Köberl (Uni Wien): „Die vorgelegten Daten passen überhaupt nicht zu einem impact“ (Science, 319, S. 1331).
"Die Presse" Printausgabe vom 3. April 2008