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Kriegsverbrechen: Freispruch für Kosovo-Rebellenchef

(c) EPA (Valdrin Xhemaj)
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Das Tribunal in Den Haag entlässt Ex-Kosovo-Premier Ramush Haradinaj in die Freiheit. Die Albaner feiern, doch Serbien sieht in dem Urteil eine Provokation.

DEN HAAG/WIEN. Der Kriegsveteran hatte Tränen in den Augen, als er den Urteilsspruch hörte. Aber es waren Tränen der Freude. Das UNTribunal in Den Haag sprach am Donnerstag den ehemaligen UCKFeldkommandeur im Westkosovo, Ramush Haradinaj, vom Vorwurf der Kriegsverbrechen und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit frei. Auch bei Haradinajs Mitstreiter Idriz Balaj lautete das Urteil „Nicht schuldig“. Nur der dritte Angeklagte, Lahi Brahimaj, erhielt sechs Jahre Haft. Als das Gericht den Freispruch Haradinajs verkündete, brandete von den Zuschauerrängen Applaus auf.

Für die Kosovo-Albaner ist das Urteil ein großer Erfolg, für die Serben eine Provokation. Der frühere Premier des Kosovo gilt in Serbien als einer der schlimmsten Kriegsverbrecher aus den Reihen der ehemaligen kosovo-albanischen Untergrundarmee UCK. Die Anklage hatte Haradinaj und seinen Männern vorgeworfen, zwischen März und September 1998 im West-Kosovo mindestens 60 Zivilisten entführt und ermordet zu haben. Albanische „Kollaborateure“ und Serben wurden in eigene Gefangenenzentren verschleppt, gefoltert und getötet. Bis April 1998 soll ein Großteil der serbischen Bevölkerung aus der von Haradinaj befehligten Operationszone vertrieben worden sein.

Kriegsheld und Charmeur

Im Kosovo will man davon nichts wissen. Dort gilt Haradinaj als „Kriegsheld“. Nach dem Abzug der Serben aus dem Kosovo 1999 schien sich Haradinaj zu wandeln. Der großgewachsene durchtranierte Mann hängte seine Uniform an den Nagel und trug von nun an teure Anzüge. Er gab sich in Interviews charmant und freundlich. Und die internationale Mission im Kosovo feierte den ehemaligen Feldkommandeur als pragmatischen Politiker. Dass er Kriegsverbrechen begangen haben soll, bestritt er stets. „Diese Vorwürfe sind Fabrikationen des Milosevic- Regimes und der alten Strukturen, die noch immer in Serbien existieren“, meinte er in einem „Presse“- Interview 2004. „Ich weiß, was ich im Krieg getan habe.“

Was er im Krieg getan hat, stellt sich für Haradinaj so dar: Er schaffte Waffen in den Kosovo, bildete Soldaten aus und kämpfte gegen die Herrschaft Serbiens über die albanische Bevölkerungsmehrheit.

1989 hatte Belgrad mit Hilfe von Panzern und Polizisten wieder die volle Kontrolle über die Provinz hergestellt. Der aufmüpfige Haradinaj geriet bald ins Visier der serbischen Behörden. Er verließ deshalb den Kosovo und ging in die Schweiz ins Exil. Dort verdingte er sich unter anderem als Türsteher und Kampfsporttrainer. Doch schon bald kehrte Haradinaj auf den Balkan zurück. Er begann mit seinen Brüdern und anderen Getreuen, Waffen und Ausrüstung aus Albanien in den Kosovo zu schmuggeln. 1994 schloss er sich der marxistischen „Volksbewegung Kosovas“ LPK und ihrer neu gegründeten Kosovo-Untergrundarmee UCK an. Haradinaj schaffte immer mehr Waffen über die Grenze in den Westkosovo. Und seine Männer starteten erste Überfälle auf serbische Polizeistationen. 1998 wurde Haradinaj Befehlshaber der Untergrundarmee im Westkosovo. Das Kriegführen hatte er als Unteroffizier in der Jugoslawischen Volksarmee gelernt.

Als Haradinaj nach Endes des Krieges 1999 in die Politik ging, galt er zunächst als „Erfindung“ der Amerikaner. Aus Ärger über den Streit zwischen Ibrahim Rugovas gemäßigter Partei LDK und Ex- UCK-Direktor Hashim Thaci versuchte Washington, den „Kriegshelden“ Haradinaj als neue politische Größe im Kosovo aufzubauen. Wirklich punkten konnte Haradinajs „Allianz für die Zukunft des Kosovo“ aber nur im Westkosovo – dort, wo er sich schon zu Kriegszeiten Einfluss erkämpft hatte.

Annäherung an die Serben

Im Dezember 2004 trat seine Partei in eine Regierungskoalition mit Rugovas LDK ein. Haradinaj wurde Premier. Vertreter der UN-Mission Unmik überschlugen sich mit Lob . „Multiethnisch“ wurde zum Lieblingswort des UCK-Veteranen, und tatsächlich versuchte er auf die Kosovo- Serben zuzugehen. Doch im März 2005 war Haradinajs Regierungszeit zu Ende. Nachdem Den Haag die Anklage gegen ihn veröffentlicht hatte, trat er zurück und stellte sich dem Tribunal.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 4. 4. 2008)