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Vom Strampeln

Fünf Wochen ''Clearing'' und ''Potenzialanalyse''. Aber man gewähnt sich auch an die sinnloseste Situation.
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Jobcoaching. Oder: Immer alles schön positiv sehen! Als Arbeitsloser im AMS Kurs: ein Erlebnis der besonderen Art.

Ich hätte gerne gewusst, worüber sich Mehtap gestern gefreut hat. Für viele im Kurs war es die schwerste Frage. Dabei ist alles ganz leicht und das Leben insgesamt toll. Clearing, Jobcoaching. Als wir uns in der Runde vorstellten, fiel Mehtap nur durch ihre Krücken auf, die sie etwas umständlich neben ihren Stuhl gelehnt hatte. Ihre Stimme war leise, fast zerbrechlich. Mehtap ist 21 und hat nur ein Bein. Auf die Fragen der Trainerin sagt sie meist nur „Ja“ und lächelt. Es dauert nicht lange, bis wir draufkommen, dass Mehtap gar nicht Deutsch kann. Sie kann wahrscheinlich nur diesen einen auswendig gelernten Satz: „Ich heiße Mehtap, ich bin Türkin und lebe seit vier Jahren in Österreich, ich suche Arbeit.“

Mehtap kommt wie die meisten im Kurs von außerhalb. Wenn ich gerade aufstehe, sitzt sie schon im Zug. Vom Bahnhof bis zum Kursort braucht man eine Viertelstunde. Nicht viel länger braucht Mehtap mit ihren Krücken. Wenn sie einige Minuten später als die anderen kommt, lächelt sie und nimmt Platz, als wäre sie gar nicht außer Atem. Mehtap lächelt auch, als der Aufzug außer Betrieb ist und sie die fünf Stockwerke hochsteigen muss. Das passiert mindestens sechsmal. Aus Solidarität mit Mehtap, habe ich mir vorgenommen, werde ich auch an den Tagen, wo der Aufzug funktioniert, zu Fuß die fünf Stockwerke hinaufgehen. Ich nahm aber dann jedesmal doch den Lift, weil ich immer zu spät dran war. Zu spät wobei?, hätte ich mich jeden Morgen fragen müssen. Aber man gewöhnt sich bald auch an sinnlose Situationen.

Der erste Tag. Ich komme direkt vom Arbeitsmarktservice, mein Betreuer hat mir einen Zettel in die Hand gedrückt und viel Spaß gewünscht. Jobcoaching, wie man das neudeutsch nennt. „Dort werden Sie schon was Interessantes lernen.“ Dabei hatte ich gar nichts gesagt. Nützt auch nichts. Wer sich querlegt, dem wird der Leistungsbezug sofort eingestellt. Das steht auch so auf dem Zettel. „Kursbeginn pünktlich um 8 Uhr.“ Draußen ist die Straßenbeleuchtung immer noch eingeschaltet, es bläst ein feuchtkalter Wind.

Von Freunden wusste ich, was Jobcoaching ungefähr ist. Die einen erzählen verärgert davon, die anderen sprechen zynisch von „Psychoquatsch“. Einen Job kriegt man davon nicht, aber man ist für fünf oder mehr Wochen nicht als „arbeitslos“ registriert. Und das ist gut für die Statistik. Tatsächlich, alle paar Wochen höre ich in den Nachrichten, die Arbeitslosenrate sei im letzten Monat weiter rückläufig gewesen, in einer Werbeannonce habe ich das strahlende Gesicht des Bundeskanzlers vor mir. Auch der Bundeskanzler sagt mir, dass alles toll ist, und sofort verbreitet sich soziale Wärme über das ganze Land.

Ich nahm den Zettel, auf dem „QC3 Clearing und Persönlichkeitstraining“ stand, wortlos entgegen, sah kurz noch auf die Adresse. Das fünfstöckige Gebäude war einmal das Postamt in meiner Stadt, bis die Post privatisiert wurde und seither anders heißt. Jetzt hat das ehemalige Postamt mehrere Mieter, die alle nichts mehr mit Briefverkehr und Telefonieren zu tun haben; mehrere Eingänge führen nun in das weitläufige Gebäude. „Und wo?“, frage ich. „Hinter dem Café“, sagt mein Betreuer. Ich entgegne, dass sich hinter dem Café eine Gogobar befindet. Jaja, sagt der Betreuer, ein Kursteilnehmer habe sich schon einmal dorthin verirrt. Also welcher Eingang, frage ich noch einmal. Jaja, sagt mein Betreuer, irgendwo da hinten, und dann fünfter Stock. Er lacht.

Mein Betreuer ist seit drei Monaten mein Betreuer. Er hat schon gelacht, als ich zum ersten Mal bei ihm vorstellig wurde. Damals hat er mir erzählt, dass er eigentlich mit 55 in Pension gehen wolle. Für mich eine schreckliche Vorstellung, sagte ich. Er lachte. Also, ich gehe erst an dem Caf´e, dann an der Gogobar vorbei, eigentlich heißt sie „Club Coyote Ugly Bar“. Auf breiten, rot gefärbten Stoffbahnen räkeln sich überlebensgroß leichtgeschürzte Mädchen, dazu die Aufschrift „Table Dance“. Ich stehe schließlich in einem Großraumaufzug und fahre in den fünften Stock. Seminarraum 2.

Seminar, das klingt für die meisten fremd, so unverständlich wie QC3. Erst als wir am letzten Tag unsere Zeugnisse erhalten – offiziell heißt das „Zertifikat“ –, weiß ich, an welcher „Maßnahme“ ich fünf Wochen lang „erfolgreich“ teilgenommen habe: „Qualification Career Coaching“ mit dem Modul „Clearing und Persönlichkeitstraining“. Aber davon bin ich am ersten Tag noch weit entfernt, weiß nichts von den Modulinhalten „Potenzialanalyse“ oder „Schlüsselqualifikation“ und werde es wie die anderen nicht einmal merken, wenn wir genau das durchmachen. Dass unsere täglichen Plaudereien mir am Zertifikat später als „Kommunikationstraining“ ausgewiesen werden, verblüfft mich fast mehr als die Summe, die das AMS, sprich: der Steuerzahler, pro Kursteilnehmer bezahlt.

Immerhin, wir lernen. Wir lernen, dass wir nicht mit schmutzigen Schuhen und fettigen Haaren zum Bewerbungsgespräch erscheinen sollen. Auch Piercing, Kaugummi, Rollkragenpullover und Trachtenkleidung sind tabu. „Warum Rollkragenpullover?“, frage ich. So steht es nämlich in den Trainingsunterlagen, die wir nach der ersten Woche erhalten. Aber das steht nur so da, sagt die Trainerin, das bräuchten wir nicht ernst zu nehmen. „Und unbedingt: saubere Fingernägel“, sagt sie. „Nicht zu viel Schmuck. Und nichts Selbstgestricktes anziehen.“

Eigentlich wollte ich einen Kurs für Adobe InDesign machen, der hätte im billigsten Fall 179 Euro gekostet, aber den wollte das AMS nicht zahlen. Stattdessen schickt man mich in einen Kurs, der 2000 Euro kostet und wo ich lernen soll, wie man einen Lebenslauf und Bewerbungsschreiben verfasst. Die anderen im Kurs verfügen gerade einmal über den Hauptschulabschluss, im besten Fall über zwei, drei Jahre Handelsschule. Ich stelle mich als das vor, was man einen arbeitslosen Akademiker nennt, verzichte aber, all das aufzuzählen, was ich bisher gemacht habe, sage etwas von „mit Texten arbeiten“, woraus in der Folge „Bücher“ entstünden, was die anderen immerhin spannend finden, einige sagen sogar, dass sie das auch gerne sein möchten. Ja, sage ich und bin fast begeistert. Es gibt nur den einen Schönheitsfehler, dass Lektor ein im Aussterben begriffener Beruf ist, der nicht mehr in die gegenwärtige Medienwelt passt. Und schlecht bezahlt obendrein. Andere Berufe sind überhaupt längst wegrationalisiert worden. Zum Beispiel Fernmeldetechniker. Das war Günther, bis die Digitalisierung kam. Seither erledigt ein Einziger, was vorher 50 gemacht haben. Bis vor wenigen Jahren hatten die Fernmeldetechniker der Post genau in diesem Gebäude ihren Arbeitsplatz gehabt, in dem nun unter anderem Kurse für Arbeitslose abgehalten werden. Aber „Arbeitslose“ dürfen wir gar nicht sagen, weil es offiziell „Arbeitssuchende“ zu heißen hat. Das höre sich nämlich gleich viel besser an. Überhaupt sollen wir alle Wörter mit „-los“ aus unserem Sprachschatz streichen, die klingen nämlich nicht gut.

Voriges Jahr: Mit Datum 1. Mai, dem Tag der Arbeit, hatte ich mich arbeitslos gemeldet, das ist auch so eine Ironie, die mir damals gleich aufgefallen ist. Seither hatte sich nicht viel geändert. Günther ist der Erste im Kurs, der vom „Arbeit suchen“ erzählt, ich habe mir sein Alter nicht gemerkt, er ist mindestens Mitte 50 und gibt sich längst keiner Illusion mehr hin. Günther hat Familie, der jüngere Sohn wohnt noch zu Hause. Eigentlich könnte er demnächst in einem Fachmarkt zu arbeiten anfangen, für 900 Euro. Ein Vollzeitjob. Günther hat sich schon mehrmals alles durchgerechnet und kommt zu dem Schluss, dass er damit die Lebenshaltungskosten seiner Familie nicht bestreiten kann. Er weiß nicht, wo er noch einsparen kann. Auch unser Jobcoaching ist meilenweit von der Wirklichkeit entfernt. In unserer Kursunterlage, betitelt mit „Ihre erfolgreiche Bewerbung“, steht auf Seite 49 unter Punkt 35, „Gehalt verhandeln“, was man so alles zum Leben braucht, von der Miete bis zu den Verbrauchsartikeln. Penibel ist jeder Posten aufgelistet und scheint auf den ersten Blick ziemlich knapp bemessen. Trotzdem kommt am Ende ein Bruttogehalt von 3200 Euro heraus, das sind netto 1787,50, die man also zum Leben braucht. „Und wer verdient das, bitte“, meldet sich, leicht empört, Ernestine zu Wort. Unsere Kursleiterin zuckt mit den Schultern. „Verhandeln Sie über ein Zielgehalt“, lautet die Vorgabe im Schulungsheft. Also, bei welchen Fixkosten könnten wir noch etwas einsparen? Es fällt uns nichts ein. Trotzdem müssten wir so viel weglassen, dass wir auf jenes Nettogehalt von 900 Euro kommen, das Günther für seinen Vollzeitjob als technischer Verkäufer einer Handelskette angeboten wurde. „Demonstrieren Sie Kostenbewusstsein“, steht in unseremLernbehelf.

Die Trainerin will uns das Leben einfach machen. Zum Beispiel das mit der Armutsgefährdung. Natürlich, im Seminarraum sitzen ja lauter Armutsgefährdete, genauer gesagt, die meisten liegen bereits weit unter der gesetzlich festgelegten Armutsgrenze, schon monatelang, jahrelang. Statistisch gesehen, sind eine Million Österreicher davon betroffen. Eigentlich, will uns die Trainerin erzählen, ist sie selbst auch armutsgefährdet. Weil, sagt sie, sie keinen DVD-Player hat. Eigentlich will ich ihr sagen, dass das jetzt eine blöde Äußerung war, ein Fehler, den sie sich als Trainerin nicht leisten dürfe. Aber Nina neben mir macht es eleganter: „Aber geh“, sagt sie, „so was kriegt man doch heute schon um 19,90.“ Das muss sich also auch Barbara leisten können.

Barbara heißt unsere Trainerin, den Nachnamen wissen wir nicht, wir sind ordnungshalber mit ihr per du. Dann redet es sich leichter. Neinnein, sagt Barbara dann, sie dürfe nicht klagen. Als Trainerin verdiene sie gut, viel mehr als noch vor Jahren beim Lidl, da hat sie 1100 Euro netto für 30 Wochenstunden bekommen. Als Filialleiterin. Nicht schlecht, sagt Nina. Als Sekretärin hat sie 900 bekommen, für 40 Wochenstunden. Was Barbara jetzt verdient, fragen wir nicht.

Wirklich gut verdienen kann man nur in wenigen Branchen. Als ich das erste Mal auf das Arbeitsamt kam, blätterte ich mir die Stellenangebote durch. Unter „Kulturelle Berufe“ wurden Tänzerinnen gesucht, 2000 Euro Nettogehalt, Zuverdienst nach Leistungsbereitschaft. Gleich neben dem Seminarraum 2 befindet sich das „Exponiertenzimmer“, niemand kann sich das Schild erklären. Aber Vorsicht, sagt Barbara, das gehört nicht mehr zum Bereich von Business Coaching. Hinter dieser Tür wohnen die Mädchen von der Table-Dance-Bar. „Und deren Beschützer“, fügt Barbara warnend hinzu. „We take care of you“, steht in unseremLernbehelf amEnde jeder Seite.

Ansonsten müsse ohnehin immer nur positiv gedacht werden. Deprimiert sein ist nicht toll, lernen wir. „Mit 50“, hat ein Personalentwickler zu mir gesagt, „sind Sie tot. Eigentlich schon mit 40.“ Irgendwann, auf dem Nachhauseweg, kam ich am Schaukasten einer Beerdigungsfirma vorbei. „Denken Sie heute schon an morgen“, las ich. Auch nicht schlecht, sagte ich mir, denn mit 50 sind wir sowieso alle tot. Und: „Denken Sie positiv“, sagt Business Coaching Partners, die Trainer bekommen schließlich dafür bezahlt.

In der Tat, es istwie in einer Therapierunde. Wir reden und hören zu. Auf den ersten Blick eine nette Plauderei und dennoch für viele stressig. Es gibt welche, die laden ihren Frust ab, jeden Tag; andere versuchen, witzig zu sein. Wir haben Fragebögen vor uns liegen, die wir in Stichworten ausfüllen sollen. „Nenne drei Hauptinteressen in deinem Leben.“ „Nenne deine drei herausragenden menschlichen Eigenschaften.“ Es gibt welche, die schreiben vom Nachbarn ab. Alle wollen sie zuverlässig, pünktlich und freundlich sein. Auch ich bin ein zuverlässiger Mensch. Und anpassungsfähig. „Warum anpassungsfähig?“, fragt die Trainerin. „Ich würde doch sonst nicht hier sitzen“, sage ich.

In Wahrheit sitzen wir hier, weil wir sonst kein Arbeitslosengeld, keine Notstandshilfe bekämen. Am dritten Kurstag finde ich zu Hause in meinem Postfach einen Brief vom Bundesrechenzentrum. Meine Notstandshilfe beträgt nun täglich 15,53 Euro. Toll, denke ich, ich muss es ja positiv sehen. Am ersten Tag hab ich mir noch gedacht: Weit hab ich?s gebracht. An diesem Tag hat die UNO bekannt gegeben, dass 195 Millionen Menschen auf derWelt ohne Job sind.

Macht nichts. Wir lernen. Wir lernen „die fünf Säulen des Erfolgs“, dass Begeisterung und Strategie, Selbstvertrauen und Kommunikation alles ist. Fragend blickt Ernestine durch die Runde, sie hat sich am ersten Tag als „die Älteste“ vorgestellt. Ernestine ist 58 und hat mit ihrem Mann ein kleines Geschäft für Geschenkartikel und Geschirr betrieben. Bis vis-`a-vis der Leiner aufgemacht hat. Die paar Jahre, die ihr noch auf die Pension fehlen, muss sie nun irgendwie überbrücken. Dafür liegt nun dieser Fragebogen vor ihr. „Nenne drei Hauptinteressen in deinem Leben.“ Das klingt gefährlich nach diesen Nullachtfünfzehn-Porträts heimischer Nachwuchssportler, wo dann in der Rubrik „Hobbys“ die „Freundin“ angegeben wird, gleich neben „Urlaub machen“ und „Partys besuchen“.Was wird hier von uns erwartet?

Was ich lange nicht glauben will: Es gibt welche, die haben schon achtmal denselben Clearing-Kurs besucht. Michaela sagt, sie zählt das gar nicht mehr. „Jedesmal der gleiche Scheiß, und wenn ich hundertmal hier sitz.“ „Wir können nichts machen“, antwortet Barbara, „das AMS schickt uns die Leute.“

Aber es gibt noch viel ärgere Kurse, zum Beispiel den mit den Früchten. Jeder Kursteilnehmer bekommt einen Zettel, auf dem der Name einer Frucht steht: Birne, Marille, Kirsche, Apfel und so weiter. Wenn die Trainerin dann „Birne!“ ruft, springt der Kursteilnehmer auf, der die Birne hat, und ruft voller Freude: „Ich!“ Stärkung des Ich-Bewusstseins heißt die Übung. Ja, sagt die Trainerin, solche Kurse gibt es wirklich. Und dieser Unsinn hat freilich Methode. Denn manchmal geht es einfach nur darum, SPÖnahe Bildungsträger über das AMS zu finanzieren. Das AMS gehört schließlich, anerkanntermaßen, der roten Reichshälfte an und ist somit tabu. Hurra, schreit die Zwetschke, mich gibt es auch noch! Ich!, ruft die Erdbeere, und freut sich.

Michaela, die vielleicht irgendwo schon einmal die Birne oder Kirsche war, erzählt, dass sie schon an die 1000 Bewerbungen geschrieben habe. Michaela ist 19 oder 20. Antonija, die 17 ist, sagt, dass sie täglich zwei Bewerbungen wegschickt. Sie findet es empörend, dass kaum jemand antwortet, sie findet es unhöflich. Franz sagt, dass er sich noch nie wo schriftlich beworben hat. Barbara will das nicht glauben. Franz ist 57, Malergehilfe und seit neun Jahren ohne Job. Bevor die Trainerin mich fragen kann, wie viele Bewerbungen ich schon geschrieben habe, sage ich, dass ich so gut wie gar nicht in die Lage komme, mich wo bewerben zu können. Seit ich arbeitslos gemeldet bin, waren es vielleicht sieben oder acht Jobangebote, die mir vermittelt wurden. Sie kamen allesamt für mich nicht in Frage, einige ganz offenbar nicht. Ich bin als Germanist und Historiker beim AMS registriert – warum man mir dennoch Stellen vermittelt, für die ich gar nicht qualifiziert sein kann?

Ich soll das nicht so eng sehen, sagt mein Betreuer. Aber was ist eng? Ich bekomme die Zuschrift, ich solle mich bei einer Leasing- Firma namens Connect bewerben, gefordert wird eine abgeschlossene Ausbildung im Bereich Mechatronik oder Elektrotechnik, ich soll ein Servicehandbuch für Ich soll ein Servicehandbuch für Spritzgussmaschinen verfassen Spritzgussmaschinen verfassen und Grafiken in 3D erstellen. Ich sage meinem Betreuer, dass ich leider über keine elektrotechnische Ausbildung verfüge und von Spritzgussmaschinen keine Ahnung habe. „Macht nichts“, sagt mein Betreuer, ich solle mich trotzdem bewerben.

Ich bewerbe mich natürlich nicht, ich will mich bei der Firma Connect nicht zum Idioten machen – bei mir selber übrigens auch nicht. Aber das ist etwas, was ich meinem Betreuer wohl nicht vermitteln kann: dass ich die Grenze des Lächerlichen eigentlich nicht so weit überschreiten möchte. Dabei habe ich Glück. Franz erzählt von einer Bewerbung als Bürokraft, die er nicht wahrgenommen hat. Ist ja eigentlich ganz klar, Franz ist Maler, er ist nie etwas anderes gewesen, in einem Büro war er nie tätig, er kann mit keinem Computer umgehen, er ist nicht einmal je vor einer Schreibmaschine gesessen. Was soll er mit einem Bürojob? Franz dachte also an einen Irrtum und bewarb sich nicht. Dafür wurde ihm sechsWochen lang das Arbeitslosengeld gesperrt, und als Franz in dieser Zeit krank wurde und zum Arzt musste, erfuhr er, dass er auch gar nicht mehr krankenversichert war. Das AMS hatte ihn einfach abgemeldet. Wir lernen: Gesperrt werden ist nicht lustig, also gehen wir alle brav in den Kurs. Beim ersten Mal, erzählt uns Franz, sind es sechs Wochen, beim zweitenMal acht.

Mehtap hört geduldig zu. Sie war noch nie wo als Arbeiterin gemeldet, sie ist nicht einmal krankenversichert. Dabei wohnt sie noch bei ihren Eltern und könnte also problemlos bei ihrem Vater mitversichert sein. Aber das hat ihr niemand gesagt. Oder sie hat es nicht verstanden. „Du musst Deutsch lernen, Mehtap“, sagt die Trainerin, „sonst bekommst du keinen Job.“ Mehtap schüttelt den Kopf. „Muss arbeiten“, sagt sie. Das Problem: Ein Deutschkurs allein ist zu wenig, das AMS zahlt aber nur einen Kurs. Sparmaßnahmen. Warum dann das AMS, aus Sparmaßnahmen, Mehtap in ein Clearing und Mentaltrainig schickt, das 2000 Euro pro Kursteilnehmer kostet und für Mehtap sinnlos ist? Es ist noch etwas anderes, was Mehtap auf den Kopf fällt. Wann immer in den vergangenen zehn, 15 Jahren der Ruf nach verpflichtenden Deutschkursen für Ausländer laut wurde, haben „fortschrittliche“ Parteien das sofort zu verhindern gewusst: Man dürfe niemanden zwingen, das sei einer demokratischen Gesellschaft nicht würdig, haben genau die gesagt, die sich zu den Anwälten der Ausländer und Asylantenmachen...

Jakob. Jakob ist eigentlich ein Sonderfall. Er ist wie ein Kind. Jakob ist 18, er redet unrhythmisch, man versteht ihn kaum. Außerdem passt es selten zu dem Thema, das gerade in der Gruppe besprochen wird. Jakob sitzt vor dem PC, er sitzt den ganzen Vormittag dort und hat zu Mittag immer noch nicht den ersten Satz seiner Bewerbung geschafft. Das wiederholt sich. „Jakob“, fragt die Trainerin am 5., 8., 17. Tag, „hast du deine Bewerbung fertig? Jaaakob, gib bitte die Stöpseln heraus.“ Jakob ohne MP3-Player kann man sich eigentlich nicht vorstellen, er hat ein Faible für Technomusik. Wenn man den Fehler macht, ihn darauf anzusprechen, redet er von nichts anderem mehr, er redet einem die Ohren voll, von irgendwelchen Bands, Auftritten und Aufnahmen, die er sich aus dem Internet heruntergeladen hat.

Als die dritte Woche beginnt: Langeweile. Leichter Zorn über die verlorene Zeit. Und noch einmal wird uns eingehämmert: positiv denken. Dann stünde nämlich am Ende nach dem persönlichen Fortschritt und der sozialen Bereicherung der materielle Gewinn, wir leben schließlich in einer gewinnorientierten Gesellschaft, da soll man als Allererstes sich selbst verkaufen können. „Du hast jetzt innerhalb von zehn Minuten zweimal ,müssen‘ gesagt. ?Müssen‘-Sätze sind nicht gut.“

Irgendwann fängt mich die immer gleiche Plauderei zu nerven an. Schon wieder, wie wir uns fühlen und was wir amWochenende gemacht haben. Immer derselbe Trott. Jeden Morgen berichten, wie es einem geht. Täglich der Angriff auf meine Privatsphäre. Jaja, sage ich und lächle die Trainerin an, wenn ich gerade will, dass sie nichts aus mir herausbringt. Dann ist es kurz still im Seminarraum 2.

Immerhin, ich bemühe mich im Kurs. Und wir lernen ja. Am Anfang steht die Vision, der Kick, am Ende das Ziel. Wir erreichen das Ziel nur mit einer festen Absicht und einem festen Willen. „Zielen, planen, handeln“, zeichnet uns Barbara mit einem langen, zielgenau nach oben führenden Pfeil auf dem Flipchart vor. Da fiel mir dann unser gegenwärtiger Bundeskanzler ein. Am Anfang war die Sandkiste, dort hat er offenbar eine Vision gehabt, einen Kick verspürt, und dann hat er jahrelang das gemacht, was in unserem Lernheft steht und uns Barbara noch einmal aufgezeichnet hat: Er hat gezielt, geplant, gehandelt. Alles lehrbuchgemäß.

„Nenne fünf Begebenheiten, bei denen du dich heute oder gestern gefreut hast.“ - „Das kann ich nicht beantworten“, sagt Michaela, noch bevor sie dran ist. „Ich habe mich gestern nicht gefreut und heute nicht gefreut. Ich freu mich über gar nichts.“ Dabei hat Michaela erst am Vortag einen Job vermittelt bekommen, irgendwo in einem Hotel im Pongau, Mädchen für alles, es hat geklappt. „Aber es sind ja nur drei Monate“, sagt sie, „dann steh ich wieder in derselben Scheiße.“ Michaela hat keinen Hauptschulabschluss, mit einer Lehre ist es nichts geworden. Dann war sie Zimmermädchen und Abwäscherin. Sie wäscht gerne ab, putzt gerne, kocht gerne. Aber irgendwann hat Michaela einen Arbeitsunfall gehabt, sie musste in Krankenstand gehen, ihr Dienstgeber hat sie sofort gekündigt. Seither ist sie arbeitslos, deshalb sitzt sie hier.

Der Frust von Michaela ist unüberhörbar und unübersehbar. Sie schimpft auf alles, am meisten aber beschimpft Michaela sich selbst. „Ich bin überhaupt ein Unmensch“, sagt sie und schaut tatsächlich wie ein solcher drein. In der Psychologensprache würde das lauten: Michaela ist „negativ durchsetzt“. Sie kann nachts nicht schlafen, auch nicht mit Schlaftabletten. Ich bin froh, dass Barbara ihr nicht widerspricht, sondern einfach zuhört. Es darf einem schlecht gehen, wenigstens das. Und vielleicht hat es Michaela, die so offenkundig ihr Leben verachtet, nicht einmal so ungern, endlich einmal erzählen zu dürfen, wie schlecht es ihr wirklich geht. Dass sie mit einer Lehre bessere Chancen hätte, braucht man ihr nicht zu sagen. Aber als Lehrling, wie soll denn das gehen? Von den Eltern bekommt sie keine Unterstützung, ihre Wohnung kostet 350 Euro im Monat. Als Lehrling verdient sie bestenfalls 300, wenn überhaupt.

„Und was würdest du gerne machen?“, fragt Barbara. Michaela hätte gerne einen sozialen Beruf, würde gerne mit Jugendlichen arbeiten. Dazu fehlt aber der Hauptschulabschluss, und der einzige Sozialberuf, der bei Michaela möglich wäre, ist die Altenpflege. Das will Michaela nicht. „Alte Leute interessieren mich nicht.“ Das sagt sie mit derselben Brutalität, mit der sie sich selbst als Unperson bezeichnet. Trotzdem lautet Michaelas Selbsteinschätzung: „liebenswürdig“.

Davon will Jelena nichts hören. „Ich will nicht lieb und nett sein“, sagt sie. „Auch nicht hilfsbereit. Das ist mir viel zu stressig. Ich bin kein sozialer Mensch.“ Jelena ist 18, sie hat die Handelsakademie geschmissen, oder vielmehr: Nach 700 unentschuldigten Fehlstunden wurde sie der Schule verwiesen. Sie freut sich darüber, „dass es gestern geschneit hat“.

Und ich? Ich erzähle die Geschichte mit dem Eichkätzchen, das am ersten Tag, als ich in den Kurs ging, vor mir die dicht befahrene Straße überqueren wollte und trotz meiner Befürchtungen schließlich doch nicht überfahren wurde. Das ist zwar nicht heute früh gewesen und auch nicht gestern, aber es spielt ja keine Rolle, wann man sich nun gefreut hat, sondern worüber. Nur was das mit meiner beruflichen Situation oder Nicht-Situation zu tun haben soll, verstehe ich nicht ganz. Eine Frage, die sich andere wahrscheinlich nicht einmal stellen. „Ich freue mich, dass ich mich gestern gefreut habe“, sagt Franz, und auf die Frage der Trainerin, was ihn so sehr erfreut habe, erzählt er vom guten Wein, der guten Jause und vom Fernsehen amAbend.

Was mich „so einmalig“ macht? Schwierige Frage. „Der genetische Zufall“, sage ich. Die Trainerin nickt heftig. Nur die drei Dinge in meinem Leben, auf die ich „besonders stolz“ bin, die gibt es nicht. Ich bin auf nichts stolz. Ich lehne Stolz ab. Trotzdem, ich soll etwas sagen. „Wenn“, sage ich, „dann höchstens darauf, mich nie angebiedert zu haben.“ Aber ob ich darauf stolz sein soll? Leben kann ich ja davon auch nicht. „Und du, Jakob?“ „Ich bin stolz“, sagt Jakob, „dass ich bei der Geburt überlebt habe.“

An diesem Tag war Mehtap nicht im Kurs, sie bekam im Krankenhaus eine Prothese angepasst. Schade. Ich hätte gerne gewusst, ob es etwas gibt, worauf Mehtap stolz ist. Und worüber sie sich gestern gefreut hat. Aber dann ist Mehtap nicht mehr gekommen, wir haben nichts mehr von ihr gehört. Der letzte Tag: Telefonnummern werden ausgetauscht, wir erfahren noch einmal Intimitäten. Heinz, der erst gegen Kursende zu uns gestoßen ist, hat zum ersten Mal seit 15 Jahren wieder seine Tochter gesehen. Beim letzten Mal war sie fünf. Heinz ist guter Dinge. Er hat plötzlich Aussicht auf Wohnung und Job. Und vielleicht sogar wieder eine Familie. „Schön“, hat Barbara gesagt. Dann haben wir unsere Zertifikate erhalten.

Die Presse - Spectrum | 5. April 2008