Pygmalion ist schuld an der Pisa-Krise!

Aus gegebenem Anlass handelt diese Servicekolumne ausnahmsweise von globalen Krisen.

Nanu, werden die bequemeren Leser sagen, die Regierung arbeitet doch jetzt, die Kaffeeröster verdienen schon wieder recht anständig an Immobilienspekulationen, die Eiszeit ist abgesagt, und der Weltuntergang lässt noch 6,66 Zilliarden Jahre auf sich warten. Dem kann ich aber entgegenhalten: Nur weil ich am Freitag gelegentlich an Paranoia leide, ist noch lange nicht auszuschließen, dass fremde Mächte hinter mir her sind. Ich garantiere auch jedem, der diese Kolumne zu Ende liest, dass er danach klüger sein wird als zum Beispiel hier nach dem ersten Absatz.

Zur kleinen Krise: Mein Computer spricht nicht mehr mit mir. Jene, die nun glauben, zum Verfolgungswahn sei bei mir auch noch übertriebene Maschinengläubigkeit oder gar Windows- Voodoo-Zauber gekommen, kann ich beruhigen. Ich rede täglich mit Computern. Seit Joseph Weizenbaum 1966 Eliza programmiert hat, machen das immer mehr Menschen. Das Muster ist immer gleich. Man sagt zum Beispiel: „Ich hasse George Bernard Shaw!“ Und die Maschine antwortet: „Erzählen Sie mir von Ihrem Englischlehrer.“ Es ist heute praktisch nicht mehr möglich, die Reaktion eines winzigen Notebooks von der unverbindlichen Antwort eines Sektionschefs zu unterscheiden. Noch immer aber ist es finster auf meiner Basisstation. HAL schweigt, das Weltall bleibt kalt. Hallo, Erdlinge? KEINE ANTWORT! Bloody Hell!

Ich wende mich nun, sozusagen im Blindflug, einem positiven Thema zu; der großen Pisa-Krise und ihrer Lösung. Wussten Sie, was der Pygmalion- Effekt bedeutet? Nun, den haben Robert Rosenthal und Lenore Jacobsen 1965 erfunden. Sie fanden dabei heraus, dass Schüler gut oder schlecht waren, wenn ihre Lehrer die vorgefasste Meinung hatten, dass diese Schüler gut oder schlecht waren. Die Erwartung des Lehrers wurde zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Der Lehrer formte die Schüler nach seinem Vorurteil. Beim echten, antiken Pygmalion wurde eine Mädchenstatue aus Elfenbein durch den Zauber der Venus erst wie Wachs, dann zu Fleisch und Blut. Wie Wachs sind laut Rosenthal und Jacobsen (und den fortschrittsgläubigen unter den Jesuiten) auch die Kinder.

Muss ich jetzt noch, liebe Leserin, lieber Leser, teurer HAL, betonen, welches Gift jede schlechte PISA-Nachricht, jeder schlechte Pädagoge für unsere unverbildeten Kinder bedeutet? Die müssen sich doch vorkommen wie Eliza Doolittle, die zufällig hört, dass Professor Higgins sagt: „Wenn ich mit ihr fertig bin, können wir sie ja in die Gosse zurückstoßen.“ Also: Ab jetzt sage ich keine Gemeinheit mehr über meinen Computer. Mir scheint, er brummt schon wieder. Kinder, könnt ihr mir sagen, wo die „Reset“- Taste liegt? Aha. Und was bedeutet „irretrievable“? Nun, treueste aller Leser, jetzt, wo HAL gerade nicht zuhört, sage ich euch: Es gibt nichts Schöneres, als am Samstag im Kaffehaus zu sitzen, Wasser zu trinken und Sie mit dem Feuilleton der „Presse“ rascheln zu hören. Alle, die das nicht lesen, werden gar nicht wissen, wie fantastisch so ein ausgeprägter Pygmalion-Effekt ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 54. 4. 2008)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.