Arm und Reich: Die Schere geht zu

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Soziales. In Österreich geht es einer wachsenden Zahl von Menschen schlecht, wie besorgte Experten gerne behaupten. Interessant. Schließlich hat sich die Kluft zwischen Arm und Reich seit 1995 nicht vergrößert. Sondern verringert.

Wer sich dieser Tage in den Straßen einer österreichischen Innenstadt ein wenig genauer umsieht, wird vermutlich folgendes Bild zu sehen bekommen: In den Cafés ist kaum ein Platz zu bekommen, die teuersten Restaurants sind bestens gebucht, in immer größer werdenden Geschäften wird einkauft, als gäbe es kein Morgen mehr. Ein schöner Anblick. Immerhin lässt sich daraus ein zentraler Schluss ableiten: Den Leuten geht es so richtig gut (was der Kapitalismus kann). Schade nur, dass diese nette Stimmung nicht lange anhält. Wie den Äußerungen besorgter Experten nahezu täglich zu entnehmen ist, geht es nämlich „immer mehr Menschen“ gar nicht so gut. Sondern richtig schlecht. „Immer mehr Menschen“ müssen nämlich dem wirtschaftlichen Aufschwung dabei zusehen, wie er an ihnen vorbeizieht. Für „immer mehr Menschen“ wird schon der Ausflug zum Textildiskonter zum einmaligen Erlebnis, von ausgedehnten Urlaubsreisen nicht zu reden. „Immer mehr Menschen“ finden auch nur mehr in prekären Arbeitsverhältnissen Beschäftigung, weshalb auch das Jobwunder in Wahrheit gar kein Jobwunder ist. Und schließlich werden „immer mehr (unschuldige) Menschen“ von verführerischer Werbung und ruchlosen Kredithaien in die Schuldenfalle gelockt.

Während also eine überschaubare Clique von Wohlhabenden die warmen Sonnenstrahlen der Marktwirtschaft genießt, können sich „immer mehr Menschen“ in Zeiten der „sozialen Kälte“ gerade einmal die nötigsten Dinge des Lebens leisten. So sieht sie aus, die raue Wirklichkeit. Zumindest, wenn man durch die Brille jener besorgten Experten schaut, die nahezu täglich Zeugen der fortschreitenden Verarmung der Massen werden und deshalb nach mehr Staat rufen. Er soll noch stärker gegensteuern und so verhindern, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Weil ja, wie wir schließlich alle wissen, die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht.

Tut sie aber nicht. In Österreich ist sogar gegenteilige Entwicklung festzustellen. Laut dem europäischen Statistikamt Eurostat hatte das Fünftel der Bevölkerung mit den höchsten Einkommen 2006 (aktuellere Daten sind noch nicht verfügbar) 3,7 Mal so viel Geld zur Verfügung wie das Fünftel mit den niedrigsten Einkommen. 1995 war es noch vier Mal so viel. Die Kluft zwischen Arm und Reich geht hierzulande also keineswegs auf, sie hat sich seit 1995 vielmehr verringert, wenn auch nur marginal. Eigentlich eine sehr erfreuliche Nachricht – aber eben nur eigentlich. Sie passt nämlich vielen „Experten“ nicht ins Konzept.

Diese Einkommens-Entwicklung ist umso bemerkenswerter, als die Zahl der Erwerbstätigen seit 1995 von 3,6 Millionen auf über vier Millionen angestiegen ist. Nun wird freilich postwendend darauf hingewiesen werden, dass es sich bei diesem Beschäftigungszuwachs „nur“ um Teilzeitkräfte handelt. Ein Argument, das nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Dennoch sei die Frage erlaubt, warum Menschen, die früher erwerbslos waren und nun beispielsweise 20 Stunden pro Woche arbeiten, Beschäftigte zweiter Klasse sein sollen. Dabei handelt es sich um viele Frauen, die heute wenigstens am Arbeitsprozess teilnehmen können und nicht mehr auf den „Tausender“ angewiesen sind, den ihnen ihr Ehemann gönnerhaft zukommen lässt, falls ihn sein Biorhythmus gerade gnädig stimmt. Es gibt eben nicht mehr nur den Alleinerhalter, der das Geld nach Hause bringt. An dieser Stelle sei auch der Hinweis gestattet, dass bei weitem nicht alle Teilzeitkräfte deshalb teilzeit arbeiten, weil sie keinen Vollzeitjob finden. Die Nachfrage nach Teilzeitjobs übersteigt das Angebot nahezu um das Siebenfache.

Selektiver Blick der Wissenschaft

Der starke Trend in Richtung Teilzeit ist es auch, der den Zeugen der fortschreitenden Verarmung in einem anderen Punkt gute Dienste erweist. Er ist nämlich dafür verantwortlich, dass auf kaum steigende Reallöhne verwiesen werden kann. Was rein statistisch gesehen auch stimmt. Wenn allerdings Tausende Menschen, die vor knapp zehn Jahren noch keiner Beschäftigung nachgingen, heute einige Stunden pro Woche arbeiten, verstärken diese statistisch gesehen die untersten Einkommensregionen. Dadurch wird der durchschnittliche Lohn freilich gedrückt – wenn auch die verfügbaren Haushaltseinkommen gleichzeitig steigen.

Ein Umstand, der gerne unterschlagen wird. Nicht zuletzt von Wirtschaftsforschern, die leidenschafltich gerne das immer ärmer werdende Österreich beklagen. Durch die höheren Haushaltseinkommen ist es freilich auch erklärbar, warum die Konsumausgaben der Österreicher seit 1995 kontinuierlich steigen und die Sparguthaben dennoch wachsen. Die Menschen in diesem Land werden eben nicht „immer ärmer“, sondern immer wohlhabender.

Wohlhabender werden keineswegs nur die „Reichen“. In kaum einem anderen Staat der Welt ist der Unterschied zwischen den Bestverdienern und den untersten Einkommensschichten so niedrig wie in Österreich. Während im EU-Schnitt das oberste Fünftel fünfmal so viel verdient wie das unterste, beträgt die Differenz hierzulande wie erwähnt das 3,7-Fache.

Am stärksten sind die Einkommensunterschiede in Portugal, Griechenland, Irland, Großbritannien und den osteuropäischen Staaten. Marginal „gerechter“ als In Österreich geht es lediglich in Dänemark, Schweden und Finnland zu. Solange hierzulande jemand als arm gilt, der weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat, bleibt uns die Armut ohnehin erhalten. Weshalb die Massen weiter gefahrlos arm geredet werden können – und der Ruf nach dem starken Staat nicht verstummen wird. Ein Vorteil für all jene, die im Geschäft mit der Armut ihr eigenes Süppchen kochen.

(Die Presse, Print-Ausgabe, 5. 4. 2008)


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