Hippotherapie: Gehen mit geliehenen Beinen

(c) Reit- und Therapiezentrum Kottingbrunn

Experten schätzen die positive Auswirkung auf die Bewegungs-Motorik sowie die pädagogische und emotionale Unterstützung durch das Pferd.

Seit nunmehr zwei Jahren kommt die sechsjährige Erika (Name geändert) einmal wöchentlich mit ihrer Mutter zur Therapie in das Reit- und Therapiezentrum in Kottingbrunn (NÖ). Auf Grund ihrer Mehrfachbehinderung konnte das Mädchen bis heute nicht selbstständig gehen lernen. „Nicht nur der Kontakt zum Tier tut meiner Tochter sichtlich gut, es gelingt ihr jetzt zunehmend – mit leichter Unterstützung – ein Bein vor das andere zu setzen“, schildert Erikas Mutter.

Das Prinzip der Hippotherapie: Der Patient sitzt auf dem Pferd, das von einer Pferdeführerin im Schritt durch die Halle geführt wird, die Therapeutin geht neben Pferd und Patient, unterstützt sie und leitet dabei verschiedene Übungen an.


Physiotherapie auf dem Pferd

„Es handelt sich gleichsam um eine Physiotherapie auf dem Pferd, wobei die dreidimensionalen, rhythmisch sich ständig wiederholenden Bewegungen vom Pferderücken auf das Becken des Reiters übertragen werden und den Muskeltonus positiv beeinflussen“, erklärt Renate Bilik, diplomierte Physiotherapeutin und ausgebildete Hippotherapeutin am Reit- und Therapiezentrum.

„Bewegungsabläufe werden dabei gelernt, aber auch Gleichgewicht, Koordination, Atmung und sensorische Wahrnehmung verbessert.“ Die Bewegung auf dem Pferd kann auch den Prozess des Gehen-Lernens erleichtern, da durch die Bewegung des Pferdes ein ähnliches Bewegungsmuster wie beim aktiven Gehen simuliert wird und Muskel- und Stützapparat, aber auch die steuernden Hirnzentren, stimuliert werden: „Es ist gleichsam ein Gehen auf ausgeborgten Beinen“, sagt Bilik.


Auch nach Schlaganfällen

In Frage kommt eine Hippotherapie für Kinder und Erwachsene mit verschiedensten Behinderungen, auch bei Multipler Sklerose, nach Schlaganfällen oder einem Schädel-Hirn-Trauma. „Vor allem durch den Motivationsfaktor Pferd können in der Hippotherapie oft schneller Erfolge erzielt werden als in einer vergleichbaren Physiotherapie“, meint Bilik. Gerade Kinder zeigen sich nach langen, aufwendigen Behandlungen oft „therapiemüde“, bei der Hippotherapie hätten sie dagegen eher das Gefühl, sie kämen zum „Reiten“ anstatt zur Therapie, was sich wiederum auf ihre Motivation zur Mitarbeit sehr günstig auswirkt.

„Die therapeutischen Effekte des Reitens gehen jedoch weit über die Aspekte der Bewegungs-Motorik hinaus“, weiß Gabriele Orac, Leiterin des Reit- und Therapiezentrums sowie ausgebildete Behinderten-Reitlehrerin: Die Therapie mit und um das Pferd motiviert zu sozialem Verhalten, vermittelt aber genauso Wärme und Nähe.

Beim Heilpädagogischen Voltigieren (Turnen auf dem Pferd, das an einer Longe im Kreis geführt wird) sind bei verhaltensauffälligen Kindern vielfältige Besserungen zu erzielen. „Lehrer berichten uns, dass die Kinder am Tag nach der Reittherapie wesentlich entspannter und ruhiger sind; in vielen Fällen gelingt es Kindern mit Störungen des Sozialverhaltens über die Brücke Pferd wieder ein Vertrauensverhältnis zu Menschen aufzubauen“, berichtet Orac.

„Die Reittherapie ist eine sehr komplexe Therapie, die Körper, Geist und Seele gleichermaßen anspricht“, ergänzt Gundula Hauser, Präsidentin des Weltverbandes für Therapeutisches Reiten und Organisatorin der dieser Tage erstmals stattfindenden EU-Konferenz „Mensch & Pferd im Dialog“.

„Das Pferd ist ein unbelasteter, wertfreier Partner in der Therapie – Kinder haben in der Regel noch keine negativen Erfahrungen mit dem Tier gemacht. Darum gelingt es, über das Pferd Vertrauen zu anderen Menschen zu finden. Außerdem haben auf dem Pferd Aggressionen keinen Platz und gerade beim Voltigieren in der Gruppe lernen die Kinder, miteinander zu kooperieren.“


Für Rollstuhlfahrer

Das Schaukeln und Getragen-werden auf dem Pferderücken hat sich darüber hinaus auch schon bei Erkrankungen wie Magersucht als Therapie-Unterstützung bewährt. „Es gelingt damit, wieder einen Bezug zum eigenen Körper zu finden“, betont Hauser.

Als Spezialist für Therapeutisches Reiten gilt auch der Sportwissenschaftler Dr. Josef Kastner, Leiter des Forschungsinstituts für Orthopädietechnik in Wien. Er hat sich aus wissenschaftlicher Sicht eingehend mit den Effekten der Reit-Therapie befasst. „Mit der Stärkung und Kräftigung der Rumpfmuskulatur über die Bewegungskette Becken – Wirbelsäule wird die Haltung verbessert: Gerade für Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, bedeutet dies, dass sie nach der Therapie besser sitzen und auch alltägliche Handlungen leichter verrichten können.“


Bei Querschnittlähmung

Das Pferd als Fortbewegungsmittel erlaubt Menschen mit Behinderungen zudem Erfahrungen, die sonst nicht möglich wären: „Setzen sie ein behindertes Kind auf ein Pferd und führen es durch den Wald: Da kann es plötzlich über Baumstämme steigen oder durch Bäche waten – solche Erlebnisse wären diesem Kind ohne den Partner Pferd niemals möglich.“

Selbst für Menschen mit Querschnittlähmung kommt die Reittherapie in Frage: Spezielle Aufstiegshilfen wie Rampen oder kleine Kräne, mit denen der Patient in einem Sitztuch auf das Pferd gehoben wird, machen dies möglich.

www.reiten-und-therapie.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2008)