Der US-Senat untersuchte die Rettungsaktion der US-Notenbank Fed für die in die Krise geratene Investmentbank Bear Stearns. Die Börsenaufsicht ermittelt wegen möglicher Kursmanipulationen.
WASHINGTON.Die US-Börsenaufsicht untersucht offenbar, ob der Zusammenbruch der US-Investmentfirma Bear Stearns Folge von Kursmanipulationen war. Bei einer Anhörung vor dem US-Senat in der Nacht auf Freitag deutete der Chef der Börsenaufsicht, Christopher Cox, mögliche illegale Einflussnahmen an.
Die äußerst vorsichtigen Bemerkungen von Cox kamen nach intensiven Befragungen durch die Senatoren. Auf die Aussage eines Senators, er hoffe, dass der Zusammenbruch und die Rettung von Bear Stearns die Alarmglocken bei der Börsenaufsicht läuten ließen und eine Untersuchung auslösten, antwortete deren Chef: „Ich glaube, Ihre Hoffnungen werden erfüllt, und die Antwort meiner Behörde übererfüllt sie sogar.“
„Noch Schlimmeres verhindert“
Der Chef der „Security and Exchange Commission“ (SEC) hatte nur wenige Tage vor der Beinahe-Pleite der New Yorker Bank Mitte März vor Journalisten betont, er sei zuversichtlich, was die finanzielle Gesundheit von Bear Stearns und anderen Investmenthäusern angehe. Vor den Senatoren erklärte er jetzt, es sei ein „noch nie dagewesener Fall“, dass Bear Stearns trotz „hochrangiger Sicherheiten“ nicht in der Lage war, Finanzhilfe zu bekommen.
Angeblich geht es bei den Untersuchungen um sogenannte „short sells“, eine Form der Spekulation, bei der auf einen Kursverfall gesetzt wird. Bear Stearns war Mitte März knapp vor der Pleite gestanden. Bei einer Anhörung untersuchte nun der US-Senat die Hintergründe und vor allem die viel diskutierte Rettungsaktion und die Frage, warum sich der Staat einmischte.
JP Morgan übernahm die Bank nach einer Vermittlungsaktion der US-Notenbank um nur zwei Dollar pro Aktie. Nach heftigen Protesten der Aktionäre erhöhte man das Angebot auf zehn Dollar. Es ist aber noch immer weit von den 60 Dollar entfernt, mit denen Bear Stearns nur zwei Tage früher gehandelt wurde, und den 170 Dollar, die die Aktie noch vor einem Jahr wert war. Man habe mit dem Deal Schlimmeres verhindert, lautete die Verteidigung der US-Notenbank für den Deal.
Signal an andere Firmen
„Wir hatten keine andere Wahl“, meinte der New Yorker Fed-Chef Timothy Geithner. „Sonst hätte es weitere Zusammenbrüche mit schwerwiegenden Auswirkungen auf das Finanzsystem und am Ende auf die gesamte Wirtschaft gegeben.“ Die Rettung der Bank, die man eingefädelt hatte, sei „im Interesse der Märkte und der Volkswirtschaft“ erfolgt. Doch offenbar wollte der Staat mit dem ausgehandelten Übernahmepreis von ursprünglich lediglich zwei Dollar pro Aktie auch ein deutliches Signal an andere Firmen senden.
Zwar verneinte Notenbank-Chef Ben Bernanke eine direkte Involvierung in die Preisverhandlungen. Doch andere Zeugen sagten aus, US-Finanzminister Henry Paulson habe auf einen besonders niedrigen Übernahmepreis gepocht, weil der Staat den Deal mit 30 Mrd. Dollar Steuergeld unterstützte. Das sollte zeigen, dass man nicht bereit ist, das risikoreiche Finanzspiel von Banken zu unterstützen und zu fördern.
Geithner räumte aber ein, dass die Rettungsaktion das „moralische Risiko“ erhöht habe (die Gefahr also, dass die Banken mit mehr Risiko agieren, weil sie auf eine Rettung durch den Staat hoffen können). Die Anhörung in der Nacht auf Freitag enthüllte auch, unter welchem Druck Bear Stearns stand und wie dramatisch die Situation war. Die US-Behörden erfuhren erst Donnerstagnachmittag, dass Bear Stearns am nächsten Tag Bankrott erklären wollte. Die Fed fädelte eine Kreditzusage von JP Morgan ein, die Bear-Stearns-Chef Chef Alan Schwartz aber missverstand: Er glaubte, er habe 28 Tage Zeit, um „Ordnung in die Geschäfte zu bringen“.
Erst Freitagnachmittag habe man ihm gegenüber klargestellt, dass der Kredit nur bis Sonntag Nachmittag laufe und er nur bis dahin Zeit habe, eine Übernahme zu arrangieren. Schwartz sagte vor den Senatoren aus, dass man einen anderen Interessenten gehabt habe, der mehr Geld bot. Es sei aber keine Zeit für Verhandlungen gewesen. „Unsere Möglichkeiten waren, bis Sonntagnacht einen Käufer zu finden oder Montagfrüh unsere Pleite zu erklären. Dann hätten die Aktionäre alles verloren.“
AUF EINEN BLICK
Die angeschlagene Investmentbank Bear Stearns wurde Mitte März auf Vermittlung der US-Notenbank Fed vom Konkurrenten JP Morgan übernommen. Das Angebot von zwei Dollar je Aktie wurde zwar auf zehn Dollar erhöht, davor war das Papier aber um 60 Dollar zu haben.
Die Börsenaufsicht ermittelt nun, warum Bear Stearns keinen Kredit mehr bekam. Untersucht werden mögliche Kursmanipulationen im Vorfeld der Rettungsaktion durch die Fed und JP Morgan.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2008)