Notstand bei der Therapie für Pädophile

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Nach Missbrauchsfällen werden schnell Rufe nach härteren Strafen laut. Doch auf Seiten potenzieller Täter wird wenig getan, damit es gar nicht so weit kommt.

WIEN. „Lebenslang für Kinderschänder“. Plakative Formulierungen wie diese werden schnell laut, wenn ein Fall von Kindesmissbrauch bekannt wird. Tatsächlich beschränkt sich die Diskussion vor allem auf bereits straffällig Gewordene und wie Kinder vor ihnen geschützt werden können. Nicht gesprochen wird hingegen darüber, wie Missbrauch verhindert werden könnte.

Dabei gibt es immer wieder Männer mit pädophilen Neigungen, die nach Hilfe suchen, um sich gar nicht erst an Kindern zu vergreifen. „Wir haben einige Patienten, die aus eigener Motivation oder wegen Drucks aus ihrem Umfeld nach einer Therapie suchen“, sagt Fritz Lackinger, Leiter des Forensisch Therapeutischen Zentrums in Wien. Allein, es fehlt an Mitteln, diese Maßnahme zu propagieren und damit eine größere Öffentlichkeit zu erreichen.

Es fehlt an Geld

Zwar finanziert die Krankenkasse auch die Behandlung von Patienten, bei denen die Gefahr besteht, dass sie eine Straftat begehen könnten, doch damit lasse sich der Aufwand für die umfangreiche Betreuung nicht abdecken. Damit fehlen auch die Mittel, das Angebot breiter zu propagieren: „Wir können keine große Werbung machen, weil die Honorare für den Gesamtaufwand nicht ausreichen“, klagt Lackinger.

Auch von öffentlicher Hand komme keine Unterstützung. „Dass das Justizministerium nicht zuständig ist, verstehe ich sogar“, erklärt der Leiter, immerhin könne die Justiz erst aktiv werden, wenn eine Straftat vorliegt. Er sieht die Zuständigkeit beim Innenministerium, weil mit Prävention ja auch für mehr Sicherheit gesorgt werde. Doch bisher erntete er auch von dort nur negative Signale.

Dass sein Modell funktionieren kann, zeigt ein Beispiel aus Deutschland. Das Institut für Sexualmedizin an der Berliner Charité bietet seit 2005 im Rahmen eines Forschungsprojekts eine vorbeugende Therapie für Männer mit pädophiler Neigung an.

Eine Medienkampagne (www.kein-taeter-werden.de) sorgte dafür, dass sich seither rund 700 Männer meldeten, 300 davon wurden mit Fragebögen und Interviews erfasst. Für immerhin 150 wurde ein Therapieplatz gefunden, 30 haben ihre Behandlung abgeschlossen.

Das Forschungsprojekt wird privat finanziert. Den Hauptanteil trägt die VolkswagenStiftung, zusätzlich gibt es Förderungen vom Universitätsklinikum Charité. Aber auch die öffentliche Hand trägt zum Gelingen bei: In den nächsten drei Jahren investiert die deutsche Bundesregierung jährlich 250.000 Euro in das Projekt.

„Es gibt auch bei uns Überlegungen, die Therapie als Forschungsprojekt finanzieren zu lassen“, erklärt Fritz Lackinger die österreichische Situation. Doch könne das nur eine Startfinanzierung sein, „eine Dauerfinanzierung bekommt man auf diesem Weg nicht.“

„Polizisten, keine Psychologen“

Dass man in der Prävention nichts unternimmt, lässt man im Innenministerium nicht gelten. So wurden allein im Vorjahr 140 Beamte für Sexualdeliktsprävention ausgebildet. Zur Ausbildung gehören Typologien von Tätern und Opfern aber auch Kenntnisse über Kinderpornografie im Internet. Die Beamten richten sich nicht an potenzielle Opfer oder Täter sondern versuchen, Eltern, Pädagogen und Kindergärtner im Erkennen von sexuellem Missbrauch zu sensibilisieren.

„Diese Abgrenzung ist uns wichtig“, sagt Herwig Lenz, Leiter der Kriminalprävention und Opferhilfe im Bundeskriminalamt, „denn wir sind Polizisten, keine Psychologen.“ Allerdings gebe es sehr wohl Unterstützung für Vereine im Bereich des Opferschutzes.

Und auch mit einigen Einrichtungen, die Präventionsarbeit für Gewalt in der Familie und Männerberatung leisten, gebe es Kooperationen.

Prävention für potenzielle Opfer

Was bei potenziellen Tätern fehlt, läuft auf der Seite möglicher Opfer bereits recht gut. So bietet etwa der Verein Möwe, der Zentren für misshandelte Kinder betreibt, auch einige Präventionsprogramme an, die Kinder, Eltern und Lehrer sensibilisieren. In Workshops wird unterrichtet, „angenehme Gefühle von unangenehmen zu unterscheiden“, sagt Leiterin Hedwig Wölfl. Dazu gehört die Fähigkeit, Nein sagen zu können – auch zu Bekannten und Verwandten. „Ich mag das nicht“ zu sagen, dürfe kein Tabu sein.

Für Menschen mit pädophilen Neigungen gibt es diese Fülle von Maßnahmen noch nicht. Auch ließe sich Kindesmissbrauch dadurch nicht automatisch verhindern. Doch wäre wohl vielen geholfen: „Ziel der Therapie ist die Fähigkeit zur Selbstkontrolle“, sagt Fritz Lackinger. Denn, so der Experte, „man muss nicht alles, was man denkt, auch in die Tat umsetzen.“

KONTAKTE

Hilfe für Opfer: Der Verein Möwe kümmert sich um sexuell missbrauchte Kinder und bietet auch Präventionsarbeit an. Helpline unter ?0800 80 80 88.

www.die-moewe.atEine Liste mit Links zu weiteren Einrichtungen und Organisationen findet sich auch auf der Website der Initiative „Finger weg“.

www.fingerweg.atHilfe für Täter: Menschen mit pädophilen Neigungen, die Hilfe suchen, bevor etwas passiert, können sich beim Forensisch-Therapeutischen Zentrum der Stadt Wien melden.

www.ftzw.at("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2008)

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