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ÖVP prescht mit Ethik-Gesetz vor

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Wer sich vom Religionsunterricht abmeldet oder ohne religiöses Bekenntnis ist, muss den Ethikunterricht besuchen.

WIEN. Religions- oder Ethikunterricht: Eine dritte Variante soll es nach einem Gesetzestext der ÖVP nicht mehr geben. Eine Arbeitsgruppe hat eine diesbezügliche Novelle zum Schulorganisationsgesetz ausgearbeitet, die ÖVP-Bildungssprecher Fritz Neugebauer als Initiativantrag (ohne Ministeriumsvorlage) im Parlament einbringen will. Im Herbst dieses Jahres sollte der Beschluss im Nationalrat erfolgen, im September 2009 könnte der Gegenstand dann Realität des Schulalltags sein, sagt Neugebauer im Gespräch mit der „Presse“.

Das heißt: Wer sich vom Religionsunterricht abmeldet oder ohne religiöses Bekenntnis ist, muss den Ethikunterricht besuchen. Ethik wird als „nachrangiger“ Pflichtgegenstand (nachrangig: verpflichtend, falls nicht Religion gewählt wird) in allen Schulen angeboten.


Schulversuch übernehmen

Mit der Gesetzesinitiative überrascht die Volkspartei den Koalitionspartner, fallen doch Schulangelegenheiten in das Ressort der SPÖ-Ministerin Claudia Schmied. Neugebauer weist darauf hin, dass derzeit im Bereich des Schulwesens der Auftrag der Bundesverfassung nicht vollständig erfüllt wird. Denn die Verfassung erteilt der Schule den klaren Auftrag, eine Orientierung an religiösen und moralischen Werten zu ermöglichen (siehe Info-Kasten). Deswegen soll der bestehende Ethik-Schulversuch in das Regelschulsystem übernommen werden.

In Österreich gibt es derzeit nur 139 Ethik-Schulversuche an den insgesamt 1065 mittleren und höheren Schulen, an den Pflichtschulen wird dieser Gegenstand überhaupt nicht angeboten. Weil es, wie es schulintern heißt, an den Volksschulen und der Sekundarstufe I (5. bis 8. Schulstufe) bisher kaum Abmeldungen vom Religionsunterricht gegeben hat. Die Schulversuche starteten im Schuljahr 1997/98 (im ersten Anlauf in Wien und Tirol) als Reaktion auf die steigende Anzahl von Abmeldungen in den Oberstufenklassen. Wer nämlich Religion nicht besucht und auch kein Ethik-Fach vorfindet, kann während der üblichen Religionsstunden die Schule verlassen, spazieren gehen, ein Café aufsuchen ...

Laut ÖVP-Papier ist kein eigenständiges Lehramtsstudium für Ethik vorgesehen, Pädagogische Hochschulen und Universitäten sollen nur eine Zusatzqualifikation zu bestehenden Fächern anbieten. „Bei eigenem Studium besteht die Gefahr eines unerwünschten Lenkungseffektes“, heißt es im ÖVP-Konzept. Gemeint ist, dass neue hauptberufliche Ethik-Lehrer zu viele Schüler vom Religionsunterricht abwerben könnten.

Ausdrücklich befähigt sollen auch Religionslehrer sein – das ist übrigens auch ein Wunsch von Kardinal Christoph Schönborn, mit dem Neugebauer die Gesetzesnovelle akkordiert hat. Der evangelische Bischof Michael Bünker hat sich schon im Vorjahr für das Pflichtfach-Modell ausgesprochen.


Kritische Stimmen in der SPÖ

Im Ethik-Fach werden (im Stadium des Schulversuchs) Fragen des selbstständigen Handelns, Themen der Diskussionskultur und die öffentliche Auseinandersetzung in der Gesellschaft vermittelt. Derzeit sind zwei Ethik-Schulbücher approbiert. Schüler ohne religiöses Bekenntnis sollten die Wahlfreiheit haben, sie sollen sich auch für den bestehenden Religionsunterricht entscheiden können.

In der SPÖ gibt es auch kritische Stimmen gegen die Pflicht, Religion oder Ethik zu besuchen. In erster Linie sind es die Jugendorganisationen, die gegen das Ethik-Fach mobil machen. So sprach die SPÖ-Schülergruppierung Aktion kritischer Schüler(AKS) zuerst von einem Straf-Ethikunterricht, änderte dann aber die Linie: Der Religionsunterricht sollte überhaupt abgeschafft und nur noch Ethik angeboten werden, so die AKS. Angesichts des geltenden Konkordats mit dem Vatikan, in dem der Pflichtgegenstand Religion verankert ist, wird diese Meinung auch von der SPÖ verworfen.

Die ÖVP-nahe Schülerunion argumentiert die Pflicht für Religion oder Ethik auch mit der steigenden Gewaltbereitschaft an den Schulen. Denn gerade dieser Gegenstand könne zur Gewaltprävention beitragen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2008)