Ausstellung: Wie der Westen verspielt wurde

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Die Ausstellung „Indianer“ in der Schallaburg ist eine Tour de Force durch eine Vielfalt an Kulturen, die mit der Fülle kämpft.

Für diesen großen Potlatsch ist selbst die Schallaburg bei Melk zu klein. Potlatsch ist ein indianisches Fest an der nördlichen Pazifikküste, bei dem der Gastgeber Reichtum demonstriert, indem er ihn verschenkt. Der Potlatsch, der unter dem Einfluss der Europäer im 19.Jahrhundert außer Kontrolle geriet, wird gleich zu Beginn der Schau „Indianer – Ureinwohner Amerikas“ evident. Welche Fülle an Kultur wurde durch die Kolonisatoren binnen kurzer Zeit vernichtet!

Eine große, bunt gescheckte Landkarte zeigt eingangs hunderte Völker und kleinere Ethnien, die unter dem Sammelbegriff „Indianer“ geführt werden. Allein die großen Sprachfamilien dieses seit mindestens dreizehntausend Jahren besiedelten Kontinents haben eine stärkere Vielfalt als die europäischen. In ein Dutzend Räume werden Jahrhunderte verschiedenster Kulturen gezwängt, von den Eskimos Alaskas bis zu den Pueblo-Indianern Mexikos. Hellwach muss sein, wer den Überblick behalten will.

Damit die Unübersichtlichkeit abnimmt, hat Kurator Christian Feest vom Wiener Völkerkundemuseum, von dem ein Großteil der Exponate stammt, die Räume thematisch streng geordnet: Vom Erstkontakt handelt ein Raum, von der Mission ein anderer, vom russischen Alaska, den Inuit, von Kriegen und Klischees, von Kult, Kunst und Handwerk, schließlich auch von den „neuen Indianern“. Zumindest weiß man dann am Schluss, dass die Vorurteile über die wilde Rothaut falsch sind, dass Amerika vor Kolumbus äußerst differenzierte Kulturen hervorgebracht hat. Allein das ist respektabel für eine Schau, die auch nicht ein populäres Rahmenprogramm scheut. In Zelten (Tipis) kann man sich in das Leben von Nomaden einfühlen und am Lagerfeuer wärmen, davor mit Pfeil und Bogen jagen.

Erste Kontakte in Virginia

In der Burg ist ebenfalls konkrete Einfühlung möglich. Eine originale Holzhütte aus Grönland wurde in den Raum über das Leben der Inuit gestellt, neben Modellen von Schlitten und Kajaks, Harpunen und arktischen Survival-Paketen. Ritualmasken, Federschmuck, bestickte Lederkleidung gibt es sonder Zahl, so wie Spielzeug, Taschen, Mokassins, Friedenspfeifen.

Auch das Porträt von Pocahontas darf in dieser Schau nicht fehlen, jener Tochter des mächtigen Fürsten Powhatan, die sich dafür einsetzte, dass er die ersten britischen Siedler von Jamestown überleben ließ. Sie nahmen die junge Frau gefangen, bekehrten sie zum Christentum, sie heiratete den Witwer John Rolfe. Der nahm sie mit nach England, sie wurde am Hofe empfangen. Noch vor ihrer Rückkehr nach Amerika starb sie. Eine ernste Frau blickt aus dem Porträt des Simon van de Passe, sie ist gekleidet wie eine Dame am Hofe der Stuarts. Aus Pocahontas war Rebecca geworden.

Mit europäischer Ware verkleidet

Diese interkulturellen Verkleidungen sind ein reizvolles Element. Wie eine Karikatur wirkt so manche indigene Darstellung der Europäer, wie eine Projektion die Abbildung der „Wilden“, etwa in einem Aquarell von Huronen aus dem Jahre 1775. Ihre Kostüme sind bis auf die Mokassins ausschließlich aus europäischen Stoffen hergestellt. Ein Bilderkatechismus des Missionars Albert Lacombe von 1880 zeigt, wie er bei den Bekehrungsversuchen der Metis, Cree und Blackfoot in Kanada diesen Ethnien europäisches Gedankengut anschaulich machen wollte, die Bekehrten hingegen imitierten auf ihre Art den Kult: Ein Altarensemble aus Ottawa ist aus mit Stachelschweinborsten verzierter Birkenrinde hergestellt. Die Darstellung der weißen Siedler entbehrt zuweilen nicht einer gewissen Ironie. In dem Gemälde „Wie der Westen verspielt wurde“ (David P. Bradley) sitzt ein kleiner Vogel beim Kartenspiel auf der Schulter eines Indianers und flüstert ihm etwas zu. Dieser Kiebitz kann auch nicht verhindern, dass der Indianer und der Mexikaner das Land an den Weißen verlieren.

Was daraus folgte, kann man aus den eindrucksvollen Fotografien lesen, die den Völkermord an Nordamerikas indigenen Völkern dokumentieren; der Apache Geronimo führte einen ebenso aussichtslosen Kampf wie die verzweifelten Menschen bei Wounded Knee und am Little Big Horn. Geronimo ergab sich nach langem Guerillakrieg 1886.

Verdienstvoll ist, dass die Schau auch in die Gegenwart führt und nicht nur die Probleme, sondern auch die Chancen der Indianer in den Reservaten zeigt. Ihr Kampf geht weiter, er hat heute auch ökologische Motive und zeugt von einem wachsenden Selbstbewusstsein: „Apache Power“, sagt die Schrift auf einem knalligen T-Shirt von 1975. Das ist nicht nur ironisch gemeint.

AUSSTELLUNGEN: Indianer

Auf der Schallaburg ist die Schau über Nordamerikas Indianer bis 19.Oktober zu sehen. Mo.–Fr. 9–17h; Sa., So., Feiertag von 9–18h. www.schallaburg.at. 02754/6317-0.

Die Kunsthalle Krems zeigt „Go West“ bis 7.Sept. Tägl. 10–18h. www.kunsthalle.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2008)

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