Lehre aus „Bodies“: Wir sehen den Tieren, die wir essen, innen verdammt ähnlich.
Abschlachten lassen wir uns nicht“, sagte der Präsident der Ärztekammer, und jeder halbwegs zartfühlende Mensch, ob Patient oder nicht, wird das verstehen. Obwohl ein Stand, dem man ohne Verleumdung nachsagen kann, dass seine Vertreter bisweilen Blut auf den Händen haben, mit fleischhauerischen Bildern vorsichtig sein sollte. Entsprechend milder fasste eine Zeitung die Sorgen der Mediziner in die Titelzeile „So muss Ihr Arzt jetzt bluten“.
Klingt wie ein seltsam verkehrtes Flashback aus den Neunzigerjahren, als die ersten Rufe zur Beschneidung der, wie's oft hieß, „wuchernden“ Sozialausgaben ertönten. Damals spürte der Konsument marktliberaler Grundsatzreden geradezu Phantomschmerzen, so tief flogen die Metaphern vom Engerschnallen der Gürtel, von tiefen Schnitten ins Fleisch, vom Bluten. (Heute ist eher vom allzu „wohligen“ Wohlfahrtsstaat die Rede, drastischer vom „Faulbett“, auch vom „Wind“ des freien Marktes, der dieses durchlüften möge: rhetorisch verblüffend verwandt dem 68er-Sprüchlein vom „Muff unter den Talaren“.)
Die Fleisch-Rhetorik ist heute selten geworden, wohl auch, weil die Leute merken, dass sich etliche Prediger gar nicht gern ins eigene Fleisch schneiden lassen. Ein Überbleibsel ist der „Speck“ aus der Handy-Werbung, von vorbildlich flexiblen „Mücken“ gepeinigt. „Der Speck muss weg“: Gemeint war nicht geräuchertes Schweinefleisch, sondern menschlicher Speck, den sich tatsächlich immer mehr zwar nicht aus dem Leib schneiden, aber saugen ließen. TV-Serien-tauglich wurde Schönheitschirurgie erst später, „Nip/Tuck“ läuft in den USA seit 2003, wer kein Blut sehen kann, will es nicht sehen; immer mehr können.
Vom gestrafften, ausgestopften und enthaarten lebendigen Fleisch zum enthäuteten, posthum ausgestellten Fleisch: 1999 zeigte der deutsche Mediziner Gunther von Hagens in Wien seine „Körperwelten“, mit Aceton präparierte („plastinierte“) Leichen, eine hielt ihre eigene Haut wie eine Ganzkörpermaske in Händen, eine trug einen Degen wie zum letzten Gefecht, damals sprachen nicht nur Geistliche von Kränkung der Menschenwürde.
Heute fordert ein ehemaliger Sekretär der polnischen Bischofskonferenz das Herz des vor drei Jahren verstorbenen Papstes Johannes Paul II.: Es soll im Krakauer Schloss ausgestellt werden. Und in Wien läuft die den „Körperwelten“ ähnliche, wenn auch weniger barock inszenierte Ausstellung „Bodies“ im Wiener Gasometer, der Eingang ist gleich neben dem Fitnesscenter, keiner dächte an Protest. Mein erster Eindruck aus der Schau: Wir sehen innen den Tieren, die wir essen, verdammt ähnlich. Was ja irgendwie auch eine Kränkung ist.
„They're Made Out Of Meat“ heißt eine Kurzgeschichte von Terry Bisson: Sie schildert Außerirdische, die es überhaupt nicht fassen können, dass Gefühle, Träume, Gedanken, Intelligenz auf Fleisch basieren können. Ähnlich haben die Gnostiker auf die Zumutung reagiert, dass das Wort laut Johannes „Fleisch“ geworden ist.
Fleisch! „Körper“ oder „Materie“ wäre für Geistmenschen ja vielleicht noch akzeptabler, aus sauberem, nur kontrolliert mit Bor oder Phosphor dotiertem Silizium womöglich.
Mit dem hätten es die Ärzte wohl leichter. Und müssten sich selbst nicht vor dem Bluten fürchten.
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2008)