Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Hannes Haas: „Fernsehen ist für viele ein Nebenbei-Medium“

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
  • Drucken

Interview. Hannes Haas empfiehlt dem ORF, mit dem „Gewohnheitsmedium“ TV „behutsamer“ umzugehen. Quotenziele hält er für „willkürlich“, Quotenverluste seien auch ein Zeichen der Zeit.

Die Presse: Vor einem Jahr startete der ORF die „größte Programmreform aller Zeiten“. Ihre Analyse?

Hannes Haas: Schwer, das nach einem Jahr tiefschürfend zu beurteilen. Oberflächlich ist es leicht, es gibt Indikatoren – von der Quote bis hin zum Urteil der TV-Kritiker. Die Reform so anzukündigen war ein erschreckender PR-Fehler.

War der ORF zu euphorisch?

Haas: Ja, man hat zu hohe Erwartungen geweckt und gleichzeitig vergessen, dass Fernsehen ein Gewohnheitsmedium ist, eingebettet in Rituale unseres Alltags. Da muss man behutsam verändern.

Gehen die Kritiker mit der ORF-Führung zu hart ins Gericht?

Haas: Der ORF verträgt schon, dass man viel von ihm verlangt. Man muss nur versuchen, in der Beurteilung dessen, was er schafft, gerecht zu sein. Der ORF wird teilweise für Dinge geschlagen, für die er nicht oder nicht alleine verantwortlich ist.

 

Wofür kann der ORF nichts?

Haas: Die Rahmenbedingungen am Mediensektor sind im Wandel – durch das Internet, durch Gratiszeitungen. Und es gibt einen gesellschaftlichen Wandel: Es brechen ja nicht nur dem ORF die Jungen weg. Im Internet gibt es das Gratisangebot und eine Individualisierung der Mediennutzung ohne vorgegebene Nutzungszeit. Auch die technischen Veränderungen wie die Digitalisierung sollte man mit ins Kalkül ziehen. Wenn man das betrachtet, dann halte ich die Struktur, mit der der ORF dem begegnet, für falsch.

Was ist an der ORF-Struktur falsch?

Haas: Sie ist veraltet. Ich teile den Befund von Andreas Khol, der zur ORF-Reform 2001 sagt: Die Entpolitisierung sei nicht gelungen. Man müsste sich über die gesellschaftliche Kontrolle des ORF viel angstloser Gedanken machen. Es gibt international Modelle, die darauf beruhen, dass verschiedene, eben nicht durch politische Zugehörigkeit definierte Gruppierungen in den Kontrollorganen sind.

Früher stand der ORF außer Zweifel.

Haas: Früher hat man in der Stadt auch Autos gesehen, wo die Leute das ORF-Logo aus irgendeiner Publikation herausgeschnitten und hinter die Windschutzscheibe geklebt haben, weil sie dachten, dann gibt's keine Strafe. Das sieht man nirgends mehr – was wohl auch mit einem Reputationsverlust zu tun hat. Der öffentlich-rechtliche Auftrag ist zwar definiert, aber nicht ordentlich kommuniziert. Niemand kann damit etwas anfangen. Der ORF muss es schaffen, in einer Reihe mit der Oper, den Theatern, den Universitäten als etwas anerkannt zu werden, wofür es sich lohnt, einen Beitrag zu leisten.

Täusche ich mich, oder hat die Politik nicht das Wohl des ORF, sondern das eigene Wohl im ORF im Auge?

Haas: Da haben sie Recht. Natürlich will die Politik im größten Medium des Landes unterkommen. Wobei: Die ORF-Information ist mutiger geworden, und sie scheint durchaus ohne äußeren Einfluss.

 

Dem ORF wird auch vorgeworfen, dass er über weite Strecken wie ein kommerzieller Sender agiert.

Haas: Wenn man 100% öffentlich-rechtliches Programm haben will, muss man das zu 100% durch Gebühren abdecken.

Warum tut sich der ORF mit der Quote schwer, vor allem bei Jungen?

Haas: Fernsehen ist heute für viele das, was früher das Radio war: ein Nebenbeimedium. Die Jungen brechen weg. Es ist wahnsinnig schwer, sie an einen Sender heranzuführen – wenn, dann eher online oder mit Handy-TV.

Das TV passt sich dem Geschmack der Jungen an. Alles ist schneller geworden, vieles passiert gleichzeitig.

Haas: Ich habe mir jüngst mit meinem 16-jährigen Sohn 2001: Odyssee im Weltraum angesehen. Er war fassungslos, wie lange die zu Walzermusik durchs Weltall schweben. Pink Floyd haben damals eine Platte gemacht – auf einer Seite 30 Minuten nur Sphärenmusik. Wenn das heute einer macht, glauben die Leute, da ist etwas kaputt.

Das schnelle Tempo zieht sich durch – auch in der Information.

Haas: Beim „Report“ waren die Beiträge 14 oder 17 Minuten lang – jetzt ist es vielleicht ein Drittel. Und in der „ZiB“ gab es früher unglaublich lange Beiträge. Auch das Erklären ist seit Hugo Portisch aus dem TV verschwunden. Das liegt nicht nur am fehlenden Personal – das ist eine Philosophie.

Werden die ORF-Marktanteile, wie manche meinen, auf 30% sinken?

Haas: Ich glaube nicht. Ich finde auch die jetzige Vorgabe von 40% Marktanteil sehr willkürlich. Mich stört der Automatismus: Heißt 38,5% Marktanteil wirklich, dass das Programm um 1,5% schlechter war?

Was sagen Sie zur elektronischen Medienförderung, zum Wunsch nach einer unabhängigen Behörde?

Haas: Die Medienförderung ist eine gute Sache, weil sie einen Markt erst möglich macht. Auch die Weisungsfreiheit für die Medienbehörde finde ich sehr gut. Es gibt Experten, die meinen, dass eine Nichtweisungsfreiheit nicht mit §10 der Menschenrechtskonvention kompatibel ist, weil eine staatliche Nähe erzeugt wird, die im Medienbereich zu unterlassen wäre.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2008)