Gerichtsmedizin: Neuer Alarm um Rückgang der Obduktionen

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Gab es früher 750 Obduktionen pro Halbjahr, so sind es nun nur mehr 60.

WIEN.Seit Wien die Zahl der behördlich angeordneten Obduktionen aus Kostengründen drastisch gesenkt hat, lasse sich auch keine vernünftige Todesursachen-Statistik mehr erstellen. Dies beklagen Gerichtsmediziner. Die neuen Berechnungen sind alarmierend: Waren früher in einem Halbjahr etwa 750 sanitätspolizeiliche Obduktionen durchgeführt worden, so ist diese Zahl auf ca. 60 gesunken. Pro Monat werden derzeit nur mehr zwischen 5 und 18 derartige Obduktionen registriert.

Dazu kommt, dass mit Jahresbeginn auch die traditionsreiche Wiener Gerichtsmedizin ihre Obduktionstätigkeit eingestellt hat. Derzeit steht das sanierungsbedürftige Institut nur für Lehre und Forschung zur Verfügung. Gerichtliche Obduktionen, also solche, die bei Verdacht auf ein Verbrechen durchgeführt werden, müssen nun in vier ausgesuchten Wiener Gemeindespitälern stattfinden.

„Skandalöse Entwicklung“

Auch bei den sanitätspolizeilichen Leichenöffnungen (etwa bei Verdacht einer Kohlenmonoxid-Vergiftung) ergaben sich zuletzt Anhaltspunkte für Verbrechen. Angesichts des starken Rückgangs dieser von der Stadt durchgeführten Obduktionen, „sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Verbrechen aufgeklärt wird“. Das beklagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Wien, Gerhard Jarosch. Das Problem: „Wir können nicht belegen, wie viel uns entgeht, da keine ausreichende Obduktions-Tätigkeit stattfindet. Tote habe eben keine Lobby.“

Zur Schließung der Gerichtsmedizin sagt Jarosch: „Das ist geradezu skandalös – in einer Stadt mit dieser Tradition.“ Eine Sanierung des alten Instituts in der Sensengasse wird derzeit zumindest diskutiert. Die Stadt Wien steht auf dem Standpunkt, dass der Bund den Neubau der Gerichtsmedizin zu finanzieren hat. Aus dem Büro des Wissenschaftsministers hieß es zuletzt: „Wir haben nur Lehre und Forschung sicherzustellen. Das geschieht.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2008)

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