Der chinesische Nationalzirkus

Olympische Spiele 1936 und 2008. Worin besteht eigentlich der Unterschied?

Wer braucht Olympische Spiele? Die Hellenen zum Beispiel waren ganz scharf drauf. Sie inszenierten dieses auch damals in Ansätzen kommerzielle Fest für den nationalen Zusammenhalt, dafür unterließen die griechischen Stadtstaaten untereinander kurzzeitig sogar die ständigen kleinen Kriege. Man einigte sich auf eine Art Waffenstillstand unter Gleichgesinnten. Barbaren mussten draußen bleiben.

Wer braucht heutzutage die Spiele? Das IOC zum Beispiel, diese seltsame internationale Herrenrunde, die Spesenrittertum mit der Worthülse einer für kurze Zeit friedlich geeinten Welt kaschiert. Und die Volksrepublik China zum Beispiel. Deren Machthaber wollen mit Olympia Geschäfte machen und hatten ursprünglich, so mutmaßte der Westen, wohl auch eine Verbesserung ihres Images im Sinn. Aber seit sich die Fackel mit dem heiligen Feuer auf den langen Marsch nach Peking gemacht hat, will das nicht so recht gelingen. Ist auch egal; im Zweifelsfalle tadelt das IOC protestierende Tibeter, nicht aber die rote Hand, die sie nährt.

Die Mandarine Pekings und das IOC sind also an den Spielen interessiert. Sonst braucht sie wohl niemand, schon gar nicht für den Weltfrieden, denn der Ende des 19.Jahrhunderts wiedererweckte olympische Gedanke ist längst nichts mehr für Amateure, sondern für berechnende Profis.

Dieser einst nette Spleen britischer Gentlemen hat schon viel zu oft seinen Ruf verloren. Den Rest gab den Spielen eigentlich bereits Adolf Hitler, als er sie 1936 zur großen Nazi-Schau degradierte. Die Argumente der Profis von heute, die mit Peking flirten, unterscheiden sich nicht von der Appeasement-Politik von damals. Den Rest gab den Spielen auch das arabische Massaker an israelischen Sportlern in München 1972. Es war schamlos, damals zu verkünden: „The games must go on!“

Und falsch: Weitergetrieben hat man nicht den olympischen Sport, sondern den Leistungswahn, bei dem nur noch interessiert, welcher Nation es am besten gelingt, bei den eigenen Doping-Methoden unentdeckt zu bleiben. Einst galt die DDR als Champion in dieser wichtigsten olympischen Disziplin, aber heute ist wahrscheinlich Gastgeber China der Marktführer. Ein Blick auf deren aufgeblasene Schwimmer genügt. Da schauen selbst amerikanische Sportler relativ schmächtig aus.

Mit der nötigen Dosis Zynismus kann man dennoch dafür eintreten, dass die Spiele weitergehen. Nur sollte man sie anders nennen. Wie wäre es mit „Barbarische Spiele am Platz des Himmlischen Friedens“? Vielleicht fehlen auch noch einige quotenträchtige Disziplinen. Welche Nation zum Beispiel hat das erfolgreichste Erschießungskommando? Wer holt das Gold im Gladiatorenkampf „Kollateralschaden“? Ein paar Menschenopfer wären wachsenden Zuseherzahlen sicherlich förderlich, ergo zu verschmerzen. Im Zirkus Maximus der Nationen.


norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2008)

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