USA. Weltbank, IWF sorgen sich um steigende Lebensmittelpreise und die von den USA ausgehende Finanzkrise.
Washington. Brennende Autos, ein plündernder Mob, Schießereien, Tote und Verletzte: Die Bilder von den Unruhen in Haiti, wo in den vergangenen Tagen tausende Menschen gegen die steigenden Lebensmittelpreise demonstrierten, könnten zum Alltag werden. Denn der Preisanstieg für Grundnahrungsmittel werde weitergehen und sei eine der großen Herausforderungen der Zukunft, warnten der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank bei ihren Tagungen in Washington.
Beide Finanzinstitutionen sorgen sich um die Auswirkungen der steigenden Preise. Dominique Strauss-Kahn, Chef des IWF, meinte, für die Weltwirtschaft sei das eine „mindestens ebenso wichtige Gefahr“ wie die Finanzkrise. Vor allem in Afrika werde die Entwicklung zu „wirtschaftlichen Turbulenzen“ führen.
Unruhen in zehn Ländern
Die Welternährungsorganisation schrieb in einem am Freitag veröffentlichten Bericht, dass es in mittlerweile 37 Ländern der Welt eine Nahrungsmittelkrise gebe. In zehn Staaten vor allen in Afrika und Asien habe es im vergangenen Monat Unruhen wegen der rasant gestiegenen Preise gegeben.
„Es geht nicht nur um eine ausgefallene Mahlzeit oder Unruhen. Es geht auch um den Verzicht auf Bildung für Kinder und Erwachsene, um eine intellektuelle wie auch körperliche Verkrüppelung“, sagte der Vorsitzende der Weltbank, Robert Zoellick.
In Jemen geben Ärmere nach Angaben der Weltbank allein für Brot ein Viertel ihres Einkommens aus; in Bangladesch müssten Familien die Hälfte ihrer Finanzmittel für einen Zwei-Kilo-Sack Reis aufwenden. Die Preise für Getreide stiegen laut des Berichts weltweit in den vergangenen 36 Monaten um 181 Prozent, die Nahrungsmittelpreise kletterten insgesamt um 83 Prozent.
Das zweite bestimmende Thema der Treffen der Finanzminister ist die aktuelle Finanzkrise, ausgelöst durch den Zusammenbruch des amerikanischen Immobilienmarkts. Der IWF glaubt, dass sich die Verluste auf 945 Milliarden Dollar summieren werden – vorläufig. Es gebe Hinweise auf zusätzliche Belastungen des Bankenkapitals und weitere Abschreibungen, so der IWF.
Für Europa bedeutet das laut IWF-Ökonomen, dass das Bruttoinlandsprodukt im kommenden Jahr nur zwischen 1,2 und 1,4 Prozent wächst. In Deutschland sogar um nur ein Prozent. Das weltweit prognostizierte Wachstum von 3,7 Prozent im Jahr 2008 verdanke man vor allem den asiatischen Wirtschaften.
Doch in den Chor der besorgten Stimmen mischen sich nun auch einzelne positive. Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein meinte, die weltweite Finanzkrise neige sich ihrem Ende zu. „Wir sind dem Ende näher als dem Anfang.“ US-Notenbankchef Ben Bernanke beruhigte, die konjunkturelle Abkühlung in den USA sei nicht mit dem massiven Abschwung im Vorfeld der Weltwirtschafskrise in den 30er-Jahren vergleichbar.
Auch Österreichs Finanzminister Wilhelm Molterer macht sich weniger Sorgen, vor allem um Europa. „Die EU ist groß genug, um sich nicht von einem amerikanischen Problem anstecken zu lassen“, meinte der Vizekanzler am Rande der Tagungen. Seiner Meinung nach gebe es keine Notwendigkeit für staatliche Konjunkturprogramme, vielmehr müsse man an der Haushaltsdisziplin festhalten.
Weltbank für Umweltschutz
Das Einschreiten des Staates bei Bankenkrisen verteidigte Molterer aber. „Es kann Situationen geben, in denen der Staat einspringen muss, weil eine Bankenkrise viel größere Dimensionen annehmen kann als Krisen in anderen Wirtschaftsbereichen.“ In Österreich hätte man bei der Bawag „auch zuschauen können. Aber dann hätte es vielleicht eine schlimmere Entwicklung gegeben. So haben wir eine gesamtwirtschaftliche Krise abgewandt.“
In diesem Bereich mache man aber eine heikle Gratwanderung. „Es kann sicher nicht so sein, dass man die Gewinne vergesellschaftet, die Verluste aber verstaatlicht.“
Als eine interessante Herausforderung sieht der Minister die Diskussion über Umweltschutz und Wirtschaftsentwicklung. Die aufstrebenden Länder wollten wirtschaftlich wachsen und sähen den Klimaschutz als Feindbild. Als eine Lösung sieht Molterer, die Weltbank stärker zur Förderung von Umweltschutzmaßnahmen einzusetzen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2008)