28 Kopfsteinpflaster-Passagen machen den Klassiker Paris – Roubaix zur „Hölle des Nordens“. Ein Rennen voller Strapazen, das Pedaleure dennoch magisch anzieht.
ROUBAIX. Um ein Haar wären sie alle weggerissen oder zubetoniert worden, die „Pavés“, die mit Steinen gepflasterten Wege rund um Roubaix. Nach der Krise der 1970er-Jahre hatte das einstige Kohlerevier im Nordosten Frankreichs alle Zeichen der Rückständigkeit wegwischen wollen. Das „Pays noir“, das „schwarze Land“ wollte sich fortschrittlich geben und die Rumpelpisten verschwinden lassen.
Damit wäre beinahe eine Radsport-Institution gestorben, denn über 28 dieser Abschnitte rollt jenes Eintagesrennen, das als „La Reine des Classiques“, als „Königin der Klassiker“, seit 1896 fixer Bestandteil des Kalenders ist. „Paris – Roubaix ist eigentlich kein kompliziertes Rennen. Es ist relativ einfach, vorne zu sein“, sagt Peter Wrolich. „Und doch ist es das Schwierigste – wegen der Pavés.“
Stein für Stein neu verlegt
Sie geben den Fahrern das Gefühl auf einer endlosen Waschrumpel dahin zu strampeln und statt des Lenkers, einen Presslufthammer zu bedienen. Diese berüchtigten Streckenabschnitte ziehen unglaubliche Menschenmassen an, die den Fahrern kaum Platz lassen, sich hindurch zu zwängen. Mittlerweile stehen sie unter Denkmalschutz und werden gehegt und gepflegt. Der wohl berüchtigtste Pavé-Abschnitt durch den Wald von Arenberg, auf dem nach zwei Dritteln des 259,5 km langen Rennens meist eine Vorentscheidung fällt, wurde 2005 aufwendig restauriert. Stein für Stein wurde neu verlegt, so weit von einander entfernt, dass auch ja ein Reifen des Rennrades dazwischen passt. Tatsächlich die Hölle für die Pedaleure.
Die Mondlandschaft
Den Beinamen „L'Enfer du Nord“, „Hölle des Nordens“, erhielt die Fernfahrt aber erst in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg: Der französische Landstrich glich durch die Verheerungen der Kriegsjahre einer Mondlandschaft.
Das Wort „höllisch“, nimmt Peter „Paco“ Wrolich nicht in den Mund, der 33-jährige Roubaix-Veteran sagt, das Rennen ist „oft sehr, sehr schmerzhaft“. Und er erinnert sich an das Vorjahr als ihm eine Naht im Handschuh die Handfläche vollkommen aufkratzt hatte. Jede Berührung war zur Qual geworden.
Chancen, sich gegen den Schleudergang zu schützen, haben die Fahrer kaum. Die gefederte Gabel setzte sich nicht durch. „Wir fahren mit einem Spezialrahmen“, sagt Wrolich, „der bezeichnenderweise ,Roubaix‘ heißt.“ Zudem werden statt der 23 Millimeter schmalen Reifen, breitere verwendet – einen ganzen Viertelzentimeter messen sie. „Die Reifen sind nicht ganz knallhart aufgepumpt und viele wickeln ihr Lenkerband doppelt.“ Beide Maßnahmen dämpfen die Stöße auf den ruppigen Pavés kaum. „Es ist ein Rennen, bei dem du dir im Ziel sagst: ,Nie wieder!‘“, sagt der Fahrer aus dem Gerolsteiner-Team, der neben Bernhard Eisel (Team High Road) der einzige Österreicher am Start ist. „Und trotzdem fieberst du ihm jedes Jahr von Neuem entgegen.“
Ein teuflischer Plan
Entstanden war die Höllentour in Anlehnung an die Fernfahrt Bordeaux – Paris, die zwischen 1891 und 1988 an einem Tag über rund 600 km geführt hatte. Theo Vienne und Maurice Perez, zwei Textilfabrikanten, hatten 1895 in Roubaix eine Radrennbahn eröffnet und wollten die Pariser Radprominenz auch in ihr Schmuckkästchen lotsen: Mit einer Eintagesfahrt von Paris (seit 1977 wird bei Schloss Compiègne 80 km nördlich der Hauptstadt gestartet), die im neuen Velodrom enden sollte.
Als Promotor gewannen sie die Zeitung „L'Auto“ von Herausgeber Henri Desgrange, aus der später die „L'Equipe“ hervorging. Der exzellente Radfahrer und vielfache französische Meister Desgrange, der 1903 als Vater der Tour de France in die Geschichte einging, war von der Idee begeistert. Ganz geheuer war ihm die Sache allerdings dennoch nicht. Er schickte erst einmal seinen Mitarbeiter Victor Breyer per Fahrrad zur Inspektion auf die Strecke.
Den ersten Teilabschnitt bis Amiens legte er entspannt mit einem Auto zurück, erst danach stieg er auf das Rad. Und er erlebte einen Alptraum. Als er die Pflastersteinpassagen erreichte, war es kalt und der Regen machte die Steine klitschig, mit Mühe erreichte er den Zielort. In einem Telegramm an Desgrange schrieb er über das Rennen von einem „teuflischen Plan“ und riet seinem Chef ab: es sei viel zu gefährlich. Der Rest ist Geschichte
Gefährlich sind die Rennen auch heute noch, Nervenflattern, Stürze und Tränen sind Teil des Höllenritts. Wie die Anziehung, die das teuflische Rennen ausübt. Sie ist ebenso magisch.
HÖLLE DES NORDENS
Die Fernfahrt Paris – Roubaix über 259,5 km gilt als „Königin der Klassiker“. Herzstück sind die 28 Kopfsteinpflaster-Passagen, ein wahrer Härtetest für das Feld, das jedes Jahr für dramatische Szenen und böse Stürze garantiert.
Der Klassiker wird Sonntag (15.30/ARD, 16.30/Eurosport) vor dem Schloss in Compiègne, 80 Kilometer nördlich von Paris gestartet. Der „Hölle des Nordens“ setzen sich auch die Österreicher Bernhard Eisel (Team High Road) und Peter Wrolich (Team Gerolsteiner) aus.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2008)