Schnellauswahl

"Antigone": Eine wilde, unbeugsame Kämpferin

Schauspielhaus Graz. Hausherrin Anna Badora inszeniert Sophokles' „Antigone“ streng und intelligent: Eine nachdenkliche Aufführung, die auch auf Werktreue baut.

Ungeheuer ist viel. Doch nichts ungeheurer als der Mensch.“ Dieses ungeheure Lied trug der Chor der „Antigone“ des Sophokles am Freitag bei der Premiere im Schauspielhaus Graz als Rap vor. Die Gruppe, gekleidet wie eine verarmte Gesellschaft im Winter, ist in einer Grube versammelt, liegt dort oder klettert auf Leitern – Symbole vielleicht für die vom Bürgerkrieg gepeinigte Stadt Theben, ihre Zinnen, ihre Hinrichtungsstätte, ihr Leichenfeld (Bühnenbild: Stefan Brandtmayr, Kostüme: Uta Meenen).

Vielleicht ist es auch eschatologisch als das Schiff Gemeinde gedacht. Der Chor tanzt den Untergang (Musik: Gerd Bessler), in mehr als einem Dutzend Sprachen, asiatischen, slawischen vor allem, werden aber auch die Strahlen der Sonne, der Aufklärung gepriesen. „Schluss jetzt mit Krieg!“, skandiert der Chor. Diese Bilder passen zu der präzisen, auf 80 Minuten reduzierten Inszenierung der Direktorin Anna Badora.


In der Grube liegt leichenstarr der Chor

Ihr und ihrem Team ist eine nachdenkliche Aufführung gelungen, die auch auf Werktreue baut. Das Spiel beginnt mit dem bis auf einen Spalt heruntergelassenen Vorhang. Darunter kugeln Antigone (Carolin Eichhorst) und ihre Schwester Ismene (Sophie Hottinger) hervor, Ausgestoßene bereits jetzt, denn die eine will den im Kampf gegen die Stadt gefallenen Bruder Polyneikes begraben, die andere zögert, weil das ihr Onkel, Thebens neuer Herrscher Kreon (Götz Argus), untersagt hat. Antigone tritt an die Grube in der Mitte, wo sie den Ritus der Totenehre am Bruder vollziehen will, dort liegt leichenstarr der Chor drin.

Das Recht der Götter und der Familie gegen das Recht des Herrschers und des Staates – das ist der tragische Konflikt bei den Griechen, auf ihn reagieren die Schwestern disparat; Hottinger spielt ihre Rolle furchtsam, fast schon übertrieben ins Skurrile gehend, Eichhorst hingegen legt die Titelheldin wild an, androgyn, als ob sie in den Kampf zöge. In den Schlüsselszenen wird Antigone abgewandt vom Publikum rechts ganz hinten auf der Bühne stehen, links dagegen in derselben Pose der elegant gekleidete Kreon, wie ein General, der eben das Kriegsrecht ausgerufen hat. Dieses klare Bild von der Antinomie zweier gleichberechtigter Prinzipien, die laut Hegel das Wesen der Tragödie ausmacht, ist stimmig. Es wiederholt sich an den passenden Stellen.

Selbst in den fast statischen Momenten erweist sich Götz Argus als überragender Darsteller des Abends. Allein sein hochkonzentriertes, melodisches Sprechen trägt das schwierige, formal strenge Stück. Dieser Kreon ist kein dumpfer Diktator, sondern ein Getriebener, der aus seiner Hybris nicht herausfindet und schließlich wie ein Hamster im Rad des Schicksals die Bühne umkreist. Er erscheint nicht als Bösewicht, sondern als Antiheld, den die Götter furchtbar strafen. Sein Sohn Haimon (Dominik Maringer spielt einen verletzten Jungen), der die Verlobte Antigone durch Schuld des Vaters verliert, richtet sich selbst, auch Kreons Gattin Eurydike (Frederike von Stechow) wählt den Tod, verflucht zuvor ihren unbeugsamen Mann.

Antigone, die ins Dunkle, in ihr lebendiges Grab abtaucht, ist im Vergleich zu Kreon weniger differenziert dargestellt – Eichhorst spielt ein zum Schmollen neigendes, modernes Mädchen. Trotzig auch stößt sie hervor: „Nicht zu hassen, zu lieben bin ich da!“ Die Verzweiflung jedenfalls lässt sich die Tochter des Ödipus kaum anmerken, herb geht diese Heilige in den Hades. Das ist schlüssig für diese Inszenierung. Der Münchener Altphilologe Christian Meier, im Programmheft ausführlich zitiert, sieht in dieser großen Frauengestalt eine erste Ausformung bürgerlicher Verantwortung.

Gegen das ausschließlich Tragische der entzweiten Einheit stehen deutlich die Wächterszenen. Thomas Frank macht daraus rampenorientierte Gags wie bei Shakespeare. Einen imponierenden Auftritt hat Otto David als blinder Seher Teiresias. Er umarmt den Herrscher, dem er das tragische Ende vorausgesagt hat, innig und unnachgiebig, wie es nur die größten Paten tun. Der Chor assistiert mit drohender Rede, die Thebaner werfen ihre Mäntel ab. Ein böses Omen. Mit Kreon ist es aus. Kurz blenden die Scheinwerfer das Publikum. Dann wird es dunkel über der Stadt.

ZUM STÜCK: „Antigone“

442 v. Chr. wurde die Tragödie uraufgeführt, so erfolgreich, dass Sophokles deshalb ein Jahr später gem. mit Perikles zum Strategen im Samischen Krieg gewählt wurde. Die nächsten Aufführungen in Graz: 17., 25. April, 6., 14., 16., 28., 29. Mai.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2008)