USA. Benedikt XVI. besucht ab morgen für sechs Tage Washington und New York und spricht unter anderem vor der UNO.
WASHINGTON. Wenn es in den USA ums Geldverdienen geht, dann macht man auch vor dem Papst nicht halt. 400 Dollar will jemand für zwei Eintrittskarten für eine Messe des Heiligen Vaters in Washington haben; 18 Dollar kostet ein T-Shirt, auf dem die Stationen des Papstbesuchs in den Vereinigten Staaten aufgedruckt sind wie die Tourdaten einer Rockband. Um 15 Dollar kann man kundtun, dass der Träger dieses T-Shirts „Property of Benedict XVI.“ ist.
Die USA fiebern dem Papstbesuch entgegen – nicht minder als vermutlich der Papst selbst, der morgen, Dienstag, nach Meinung des „Time“-Magazins ins Land seiner Träume reist. Denn nirgendwo sonst auf der Welt wird Glaube und Religiosität so offen gelebt wie in den USA.
615 Mio. Dollar an Sex-Opfer
Der US-Präsident erklärt freimütig, dass er es als Gottes Auftrag an ihn ansieht, Freiheit und Demokratie in der Welt zu verbreiten; Senatoren stellen öffentlich Darwins Evolutionstheorie in Frage; und in manchen Schulen wird die Involvierung eines „intelligenten Wesens“ in die Menschwerdung unterrichtet. Nur verständlich, dass Benedikt XVI. eine Schwäche für das Land habe, das von der „GlaubensmalaiseEuropas“ nicht angekränkelt sei, schreibt „Time“.
Doch die USA haben dem Vatikan in den vergangenen Jahren auch viele Alpträume beschert. Als 2002 in Boston die ersten Personen an die Öffentlichkeit traten, die von Priestern sexuell missbraucht worden waren, verging kaum ein Jahr ohne neuen Skandal. Fast jede große Diözese war betroffen. Das bedeutete nicht nur viel Negativ-Werbung, sondern brachte die katholische Kirche auch finanziell unter Druck: Allein im vergangenen Jahr musste man 615 Millionen Dollar für Schadenersatzzahlungen aufwenden.
Im Vorfeld des Besuchs erklärten amerikanische Kirchenvertreter, dass sich der Papst in einer seiner Reden vermutlich zu den Sex-Skandalen äußern wird. Persönliche Treffen mit den Opfern sind aber nicht geplant.
Die vielen negativen Schlagzeilen der Vergangenheit schlugen sich auch auf das Oberhaupt der Kirche nieder. Laut einer aktuellen Umfrage haben 52 Prozent der Amerikaner eine positive Meinung von ihm – für einen Politiker sind das Traumzahlen, aber nicht unbedingt für einen Papst. Johannes Paul II. lag bei einem Beliebtheitswert von 76 Prozent.
Auf die Mitgliederzahlen wirkten sich die Skandale auf den ersten Blick nicht aus. Etwa 65 Millionen Amerikaner – weniger als ein Viertel der Bevölkerung – sind Katholiken, die zweitgrößte Religionsgruppe nach den evangelischen Kirchen. Doch die leicht steigenden Wachstumszahlen der vergangenen Jahre hat die katholische Kirche hauptsächlich den vielen Immigranten aus Lateinamerika zu verdanken: 30 Prozent der US-Katholiken sind mittlerweile Südamerikaner, und ihr Anteil wird stetig größer. Nicht-Lateinamerikaner wenden sich mehr und mehr anderen Kirchen zu.
Der sechstägige Besuch soll nicht nur Werbung für die katholische Kirche, sondern auch für den Papst selbst sein. 80 Prozent der Amerikaner sagen laute einer Umfrage des Washingtoner „Pew Forum on Religion and Politics“, dass sie nicht oder nur wenig über Papst Benedikt XVI. gehört haben. Wie wenig zeigt das Faktum, dass ihn nur 45 Prozent für konservativ halten.
Messe im Yankee-Stadion
Elf Auftritte hat der Papst zwischen Dienstag Nachmittag, wenn er in Washington ankommt, und Sonntag, wenn er vom JFK-Flughafen in New York wieder abfliegt. Darunter eine Messe im neuen Baseball-Stadion in der US-Bundeshauptstadt und im Yankee-Stadion in New York mit jeweils etwa 60.000 Teilnehmern; gleich mehrere Treffen mit US-Präsident George W. Bush; ein Auftritt vor der UNO; und ein Treffen mit Buddhisten, Moslems und Hindus. Die „American-Idol-Siegerin Kelly Clarkson wird für ihn singen, ebenso wie ein Kinderchor aus Virginia anlässlich seines 81. Geburtstages am Mittwoch.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2008)