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Kenia: Wo man Gewehre gegen Läufertrikots tauscht

(c) Reuters (Thomas Mukoya)
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Die populäre Marathonläuferin Tegla Loroupe will verfeindete Ethnien durch Sport zusammenbringen.

Nairobi. Die Bilder wollten nicht recht zu den Jubelmeldungen passen: In Kenias Hauptstadt Nairobi nahm die neue Einheitsregierung, die einen Schlussstrich unter Monate der Gewalt ziehen soll, unter internationalem Beifall ihre Arbeit auf – und auf den Fernsehschirmen sah man am Montag erneut brennende Barrikaden.

Mindestens zwölf Menschen starben bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Es handelte sich jedoch um eine wiederaufgeflammte Fehde der Sicherheitskräfte mit der berüchtigten Mungiki Sekte, und nicht um eine Gefährdung des Versöhnungs-Prozesses zwischen den verfeindeten politischen Lagern.

Die neue Einheitsregierung mit dem bisherigen Oppositionschef Raila Odinga an der Spitze kam erst nach zähem Gefeilsche zustande: Am 28. Februar war ein Versöhnungsabkommen zwischen Odinga und Präsident Mwai Kibaki geschlossen worden. Bis jetzt stritt man aber um Posten. In der Zwischenzeit wurde eine unabhängige Kommission internationaler Experten eingesetzt, die die umstrittene Wahl vom 27. Dezember untersucht, in deren Folge geschätzte 1200 Menschen getötet und mehr als 300.000 Menschen vertrieben wurden. Worauf das Land aber weiter wartet, ist tatsächliche Versöhnung.


Kämpfe um knappe Ressourcen

Bei der Tegla Loroupe Peace Foundation hat man Erfahrung damit: Denn auch bisher war Kenia kein Hort der Harmonie zwischen seinen 42 ethnischen Gruppen. Besonders im kargen, marginalisierten Nordwesten des Landes: Viehdiebstahl und bewaffnete Auseinandersetzungen um Weideland und Wasser zwischen traditionell kriegerischen ethnischen Gruppen sind dort nicht unüblich, denn die Ressourcen sind knapp.

Aus dieser Gegend stammt Tegla Loroupe (34), die sich eine Karriere als Sportlerin ertrotzte und zu Weltruhm aufstieg. Sie ist Weltrekordlerin über 20, 25 und 30 Kilometer, vierfache „Weltstraßenläuferin“ sowie die erste Afrikanerin, die je den New-York-Marathon gewann. Und in ihrer Heimat ist sie durch ihre Stiftung auch noch Friedensbotschafterin.

„Wir nutzen den Sport als einigenden Faktor zwischen den Volksgruppen“, erklärt Joseph Riwongole, der Koordinator der Stiftung. „Außerdem wollen wir den Menschen zeigen, dass man mit Sport seinen Lebensunterhalt verdienen kann.“

Das Aushängeschild der Stiftung sind die sogenannten Friedensläufe, die seit der Gründung der Stiftung 2003 zehnmal in verschiedenen Konfliktregionen Kenias und Ugandas stattgefunden haben. Die Veranstaltungen haben Volksfestcharakter. Junge Männer und Frauen aus verfeindeten Ethnien treiben drei Tage lang gemeinsam Sport, nebenbei lernen Jung und Alt in Workshops, wie man Konflikte gewaltfrei löst, bauen Vertrauen auf und hinterfragen wechselseitige Stereotype.

„Wenn die Volksgruppen Beziehungen zueinander aufbauen, bringen sie sich nicht so leicht um“, sagt Joseph Riwongole. Ehen seien zwischen bislang verfeindeten Ethnien geschlossen worden, was zuvor ein Tabu gewesen war. Nach den Läufen werden Bullen geschlachtet und gemeinsam verspeist. Nach Angaben der Stiftung haben die gewalttätigen Auseinandersetzungen in der Region beträchtlich abgenommen.


Sportlerkarriere für Kämpfer

Laut Joseph Riwongole tauschten einige Krieger bereits Maschinengewehre gegen Läufertrikots ein. „Ein paar haben in den Friedensläufen Talent gezeigt. Denen bieten wir Plätze in einem Camp, wo sich ein Trainer um sie kümmert und ihnen hilft, professionelle Athleten zu werden.“

In ihrer Heimatregion baut sie daher die Tegla Loroupe Peace Academy auf, ein Bildungszentrum für Waisen und mittellose Kinder, vor allem Mädchen, die hier auch Sport treiben können. Die Einrichtung soll Kinder aus den fünf Volksgruppen der Gegend zusammenbringen. Tegla Loroupes sportliche Erfolge haben sie in ihrer Heimat zum Vorbild gemacht. Und zu einer Frau, der die alten Männer in ihrer Volksgruppe der Pokot zuhören.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2008)