Unser Lateinlehrer war ein Choleriker und nannte uns gerne „ihr Flaschen“.
Ich hasse Wandern. Ich hasse es so sehr, dass ich mir im Alter von 16 Jahren geschworen habe, nichts und niemand werde mich jemals mehr über die Laubbaumgrenze bringen – und den Schwur habe ich gehalten.
Nun war ich nicht immer ein Bergverächter. Als mein Stiefvater mir zum ersten Mal erklärte, wir würden wandern gehen, stellte ich mir das sogar recht nett vor: Ein Rucksack, ein Lagerfeuer, Stöcke schnitzen? Aber dann! Dann hat mir mein Stiefvater erstens Bergschuhe gekauft, in denen meine Haut nach wenigen Metern Blasen warf. Und dann erwies er sich zweitens als Orientierungsgenie!
Orientierungsgenie heißt: Er hielt sich nicht an Markierungen. Sich an Markierungen zu halten war was für Halbschuhtouristen – und in seiner Familie wäre man wohl dafür enterbt worden. Er ging auch nie denselben Weg wieder zurück! Was einerseits kein Problem war: Er wusste immer auf zwanzig Meter genau, wo das Auto stand! Andererseits war es doch ein Problem, weil er nicht wusste, was dazwischen war, zwischen uns und dem so präzise georteten Auto: Eine Schlucht. Geröllhalden. Noch eine Schlucht. Noch eine Geröllhalde?
Wir waren ewig unterwegs!
Jetzt habe ich neulich mit meiner Mutter darüber gesprochen und die hat gemeint: „Erinnerst du dich, wie dich der Lateinlehrer hat übersetzen lassen: Am Sonntag werde ich von meinem Vater gezwungen, wandern zu gehen?“
„Mama“, habe ich gesagt, „da täuschst du dich! Das war der Lateinlehrer von der Karina. So originell wäre meiner nie gewesen. Da hieß es Caesar, Cicero und Ovid! Basta!“ Mein Lateinlehrer war nicht nur fantasielos, er war auch ein Choleriker, der uns gerne „ihr Flaschen“ nannte. Und auch wenn ich nach wie vor der Meinung bin, dass Schüler statt Latein besser eine weitere lebende Fremdsprache lernen sollten (bitte keine Leserbriefe mehr zu diesem Thema), muss ich zugeben, dass ich dieser Sprache vielleicht gewogener wäre, hätte ich den Lehrer meiner Schwester gehabt. Man sieht also, wie leicht schlechte Lehrmeister Kindern etwas nachhaltig vermiesen können – und wer wirklich meint, es sei in Ordnung, dass Lehrer de facto nicht gekündigt werden können, der sollte mit Kindern besser nichts mehr zu tun haben. Der nimmt diesen Job einfach nicht ernst genug.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2008)