Einfach nicht integrationswillig

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„Der Mai ist vorbei“ heißt ein Roman von Peter Henisch. Im Rahmen eines kleinen 68er-Specials noch im April: Der Schriftsteller über das Jubiläumsjahr, die Freiheit des Autostoppens und das Unbehagen am Aktionismus.

Der Geist der Utopie wird stark mit den Sechzigerjahren verbunden. Was ist davon geblieben für den Wiener Schriftsteller Peter Henisch, der damals eine Dissertation über Ernst Bloch begann? „Ich habe seine Werke mit großer Faszination gelesen, vor allem Atheismus im Christentum. Diese Verbindung hat mich sehr angesprochen. Da wird das revolutionäre Potenzial des Urchristentums hervorgehoben. Blochs Arbeit über Thomas Müntzer und den Bauernkrieg fand ich ebenfalls spannend. Und über allem natürlich Das Prinzip Hoffnung. Ich habe Bloch geschätzt, weil er, im Unterschied zu vielen anderen Philosophen, mitreißend und bildmächtig schreiben konnte.“

Die wissenschaftliche Arbeit blieb unvollendet, weil der Dissertationsvater plötzlich Bedenken gegen zu viel Marxismus entwickelte. „Unser Ordinarius, Professor Gabriel, ist Ende Mai 1968 nach Paris gefahren, um sich davon zu überzeugen, dass die Studentenunruhen bereits vorbei seien. Er hat Gott und De Gaulle gedankt und aufgeatmet. Als er zurückkam, hat er seine Nachgiebigkeit gegen die linken Umtriebe abgelegt, und das haben Leute wie ich zu spüren bekommen. Ich hab' das Pech gehabt, zwei Mal in die von ihm nicht anerkannte Institutsvertretung gewählt zu werden. ,Das sind nicht meine Studenten', hat er gesagt. Obwohl ich schon zwei Jahre mit der Bloch-Diss beschäftigt war, ist ihm auf einmal eingefallen, dass wir schon zu viele linke Dissertationen haben. ,Schreiben S' lieber was über den Strukturalismus', hat er mir vorgeschlagen. Ich war aber kein klassischer Linker, und den neulinken Fundis war ich immer verdächtig. Was willst du mit Bloch? Lies lieber Herbert Marcuse! Ich war halt ein Außenseiter und das schon immer ganz gern. Und dann hab ich vom S. Fischer Verlag den Vertrag für mein erstes Buch gekriegt.“

Schnellbahnhof Floridsdorf

Er wollte schreiben; Studium und eine Tätigkeit in der Arbeiterzeitung hatten nur aufschiebende Wirkung. „Ich habe das Studium benutzt, um dem Ergriffenwerden durch eine bürgerliche Beschäftigung zu entgehen. Ich wollte vor allem Freiraum fürs Schreiben. Der war an den Unis damals auch viel größer.“ Aber die 68er-Bewegung hat ihn doch bewegt? „Keine Frage. Ihre Spuren finden sich in vielen meiner Texte, etwa in Der Mai ist vorbei (1978), Pepi Prohaska Prophet (1985), Morrisons Versteck (1991) und Schwarzer Peter (2000). Ich bin immer ein bisschen danebengestanden, aber ich glaube, ich habe die Aufbruchstimmung jener Jahre mit Empathie gespiegelt. Gewiss auch mit Ironie. Nehmen Sie zum Beispiel die Figur des Ferry Lampel im Mai-Roman. Ja, sicher, die trägt Züge von Robert Schindel. Der hat sich ja damals ziemlich exponiert. Lampel, heißt es da ungefähr, hatte den Arbeitern auf dem Floridsdorfer Schnellbahnhof Klassenbewusstsein beibringen wollen – die Arbeiter waren gegangen.“

Das Leben als Konsumtrottel

Viele seiner Protagonisten, so Henisch, „entsprechen der Definition, die eine unserer Ministerinnen für unliebsame Zuwanderer gefunden hat. Sie sind ganz einfach nicht integrationswillig. Und das ist ein Aspekt, den ich im Zusammenhang mit dem Jahr '68 kapiert habe. Dass man in der Gesellschaft, wie sie ist, und bei aller Veränderung durch diese Jahre geblieben ist, nämlich materialistisch, das heißt geistlos und bloß profitorientiert, für die Leute, denen meine Sympathie gehört, meist nur an der Peripherie Platz hat. Das ,normale‘ Leben, das die von '68 bewegte Jugend abgelehnt hat, war das des Konsumtrottels. Diese Ablehnung war, ganz jenseits aller alt- und neulinken Ideologie, ein richtiger Impuls. Ein wunderbarer Impuls! So wollen wir nicht werden, haben wir damals gesagt.“

Es gebe heute noch eine Ahnung davon, im Grünbereich und bei der Antiglobalisierungsbewegung, „aber insgesamt fehlt der global verblödeten und verschandelten Welt, in der wir jetzt leben, genau das“. Das Lebensgefühl zeichnete sich für Henisch auch buchstäblich durch Beweglichkeit aus. „Es war die Zeit des Autostopps. Wir sind einfach aufgebrochen, haben uns nicht vom Sicherheitsdenken der Alten festhalten lassen, haben keine Angst gehabt, weder vor irgendwelchen Bösen, die überall lauern, noch vor versäumten Pensionsanspruchsjahren.“

Auch dieses Aussteigertum sei '68 gewesen: „Vielleicht mehr als alles andere. Es ging doch nicht nur um dieses Politgetue. Wenn ich das Buch Unser Kampf von Götz Aly lese, habe ich den Eindruck, der war auf einem anderen Stern. Dieses militante Gehabe hat jedenfalls in Österreich eine viel geringere Rolle gespielt. Ein paar haben sich davon anstecken lassen, aber eigentlich war das eher ein deutsches Phänomen. So viel ist allerdings wahr, dass es manchmal eine bedenkliche Ähnlichkeit im Auftreten von links und rechts gab. Das Unbehagen an der Ähnlichkeit gewisser Formen – Gleichschritt, Parolen brüllen – artikuliert auch mein Alter Ego, Paul Grünzweig, dem strammen Ferry Lampel gegenüber.“ Der Mai-Roman sei vor 30 Jahren erschienen. „Die Feststellung solcher Ähnlichkeiten ist also wirklich keine besonders neue Erkenntnis. Was Österreich und 1968 betrifft, so finde ich es übrigens ärgerlich, dass die Bewegung von vielen mit der Aktion im Hörsaal 1 identifiziert wird. ,In den Hörsaal scheißen, gell, ja, das könnt ihr!' Das war doch eine böse Parodie der neulinken Bewegung. Und wurde dann prompt dazu benutzt, um gegen diese vorzugehen.“

„Böse Parodie der neulinken Bewegung“

'68 habe hierzulande noch fast ein Jahrzehnt nachgewirkt: „Aber nicht im Wiener Aktionismus und nicht in der Mühl-Kommune, die haben ursächlich wenig damit zu tun. Wesentlich war die Aufbruchstimmung, das Gefühl, dass die Welt und das Leben in ihr auch anders aussehen könnten. Das ist ja eigentlich fast eine religiöse Perspektive, womit wir wieder bei Blochs Utopie sind.“

Henisch wehrt sich gegen den Missbrauch dieses Begriffs: „Utopie, das ist für die Unbedarften nichts als Science-Fiction. Es ist auch eine Schande, wie eitel diese großen Worte von manchen Mündern ausgesprochen werden. ,Beim Nulldefizit halte ich mich an das Prinzip Hoffnung', hat zum Beispiel unser famoser Exfinanzminister gesagt. Heute wird die Welt nicht mehr von den Philosophen interpretiert, sondern von Managern.“

Das sei eine Welt, die die 68er sicher nicht wollten. „Wenn die damaligen Kader militant weitergetan hätten, wäre sicher nichts Gutes dabei rausgekommen, wenn aber die schöne, fantasievolle Offenheit sich weiter durchgesetzt hätte, eher von Paris oder Prag inspiriert als von Frankfurt oder Berlin, dann sähe die Welt heute anders aus.“

Noch einmal zu Aly: Wie sehr trifft der Vergleich mit den frühen Nazis? „Bei allen Irrwegen, die Teile der 68er-Bewegung gegangen sein mögen, ist der Grundansatz ganz anders als in den 20er- und 30er-Jahren, als Jugendbewegte in die Nazi-Bewegung hineinschlitterten. Das war von vornherein ein inhumaner Weg, den es '68 nicht gab – ideologisch wäre '68 eher vergleichbar mit den Anfängen der Französischen Revolution.“ Aly neige zum Denunzieren. „Er stellt frühere Freunde und Bekannte als parasitär dar. Er beschreibt sie als Leute, die sich bloß einen Lenz gemacht und später ihre schönen Posten im Establishment gefunden haben. Mit dieser Diagnose deckt man nicht das Wesen des ganzen Aufbruchs ab.“

Richtig sei aber, dass die antiautoritäre Bewegung in unseren engen Breiten selbst zu autoritärem Verhalten geneigt hat. Henisch: „Da wurde in den Wohngemeinschaften nächtelang darüber diskutiert, nach welchen Prinzipien man Geschirr abwäscht oder Sex hat. In den kleinsten und lächerlichsten Details hat man einander Vorschriften gemacht. Unter Berufung auf Überväter wie Marx und Freud. Unter dem Vorwand der Befreiung von bürgerlichen Zwängen hat man erst recht wieder Macht auszuüben versucht.“

Der Bierernst der Kader

Henisch machte persönlich damit seine Erfahrungen. „In der Gruppe Wespennest galt ich endgültig als reaktionär, als ich mich darauf einließ, Beiträge für eine Kolumne in der Presse zu schreiben.“ Er verließ die Gruppe, ehe man ihn rauswarf. „Dass mich meine ehemaligen Freunde dann jahrzehntelang als schlimmes Exempel eines ehemaligen Mitstreiters hingestellt haben, der sich – zum Unterschied von ihnen – mit dem sogenannten Establishment einlässt, ist mir wirklich auf der Seele gelegen. Damit haben sie meine Essenz ignoriert und meine Existenz gefährdet. Lange Zeit hat man mir auch übel genommen, dass ich ironisch über diese Zeit geschrieben habe. Der Bierernst der Kader. Ja, auch das war 1968.“

Diese Zeit hat auch in der Pop- und Rockmusik ihr Echo. Was ist für den musikbegeisterten Schriftsteller von der damaligen Zeit geblieben? „Jimi Hendrix. Und vor allem die „Doors“. Obwohl die ja weniger den Aufbruch musikalisch begleitet als den Untergang vorausgeahnt haben. Hendrix mit so genialen Einfällen wie seiner Dekonstruktion der amerikanischen Hymne. Und die „Doors“ mit ihren großen Nummern musikalisch-epischen Theaters. Übrigens kommt ja bei Jim Morrison ein ganz wichtiger Aspekt der 68er-Bewegung geradezu exzessiv zum Ausdruck. Der Protest gegen die Väter. Sein Vater war ja ein ganz hohes Tier in der Navy.“

Gras rauchen oder ins Gras beißen

In den USA galt der Protest dem Vietnamkrieg. „Den hat man ja dort noch viel unmittelbarer gespürt. Wenn man Pech hatte, hat man, statt in Kalifornien Gras zu rauchen, in Vietnam ins Gras gebissen. Das waren doch etwas andere Perspektiven. Man kann 1968 nicht nur aus dem deutschen oder gar österreichischen Weltwinkel sehen. Das war doch zuerst eine Jugendbewegung in Amerika, dann eine Studentenbewegung in Frankreich und vielen anderen Ländern.“

Ganz wesentlich sei auch der Frühling in der Tschechoslowakei. „Anfang August 1968 war ich mit meiner damaligen Frau und Gustav Ernst in Prag. Wir haben kein Wort tschechisch verstanden, aber vor dem Hus-Denkmal haben wir mit den jungen Tschechinnen und Tschechen 'We shall overcome' gesungen. Christian Ide Hintze hat einmal vom Kälte- und vom Wärmestrom der 68er-Bewegung gesprochen. Dort in Prag war ganz deutlich der Wärmestrom zu spüren.“

CHRONOLOGIE 1968: In Österreich und auch anderswo

Internationales Jahr der Menschenrechte.

In Prag wird Alexander Dubcek Erster Sekretär der KP. „Prager Frühling“, ein Kommunismus mit menschlichem Antlitz, im August von Panzern des Warschauer Pakts niedergewalzt.

In den USA bringt der Vietnamkrieg viele Demonstranten auf die Straße. Tet-Offensive. 16.März: Massaker der US-Armee an 503 Zivilisten in My Lai. Der Bürgerrechtler Martin Luther King (4.April) und der demokratische Präsidentschaftskandidat Robert F. Kennedy (5.Juni) werden ermordet. Richard Nixon wird am 5.November US-Präsident.

In Paris besetzen am 3.Mai Studenten die Sorbonne; Straßenschlachten, Generalstreik, Staatspräsident de Gaulle greift durch (aber nicht gegen den Aktivisten J.P. Sartre: „Voltaire verhaftet man nicht!“).

In Deutschland stecken Andreas Baader und Gudrun Ensslin in Frankfurt ein Kaufhaus in Brand. 11.April: Attentat auf Studentenführer Dutschke. Notstandsgesetze. Uschi Glas entzückt im Film „Zur Sache, Schätzchen“.

In Österreich regiert Bundeskanzler Josef Klaus mit einer ÖVP-Alleinregierung. In Wien inszenieren am 7.Juni Aktionisten im NIG einen Skandal: „Kunst und Revolution“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2008)

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