Pop

Rock'n'Roll: Retro seit 1968

POP-GESCHICHTE. Soundtrack der Revolution? Musik für den großen Vorwärtsmarsch? Nicht wirklich: 1968 war vielmehr das Jahr, in dem der Pop seine Vergangenheit entdeckte. Und das erste Mal offensiv nostalgisch klang.

Maoisten hätten es spätestens am 30.August 1968 besser wissen können: Da veröffentlichten die Beatles einen Song, in dem John Lennon näselnd den Zeigefinger hob: „Wer Bilder vom Vorsitzenden Mao herumträgt, wird's damit zu gar nichts bringen.“ Der Song hieß „Revolution“, war die B-Seite des netten „Hey Jude“ und, trotz grimmiger Gitarren, alles andere als ein Aufruf zur Revolution, eher ein reformistisches, revisionistisches, wenn nicht konterrevolutionäres Manifest.

Wie überhaupt die – auch heuer in manchen Erinnerungen an 1968 publizierte – Idee, dass die Pop- und Rockmusik den „Soundtrack zur Revolution“ beigesteuert hätte, bestenfalls achtelwahr ist; im Bereich des Halbwahren bewegt sich, wer vom Soundtrack zur „Revolte“ spricht, das ist auch etwas ganz anderes.

Aber da war doch der „Street Fightin' Man“ der Rolling Stones, in dessen Rhythmus in jeder Dokumentation über das Achtundsechzigerjahr die Demonstranten marschieren? Ja, gewiss, aber dieser Song strotzte vor Ironie: „What can a poor boy do, except to sing for a Rock'n'Roll band?“, fragte Mick Jagger kleinlaut im Refrain, und das tat er auch, nämlich singen. Nur singen.

Rolling Stones: Prost, Proletariat!

Auch andere Songs auf dem von „Street Fightin' Man“ eingeleiteten Stones-Album „Beggars Banquet“ sind als Kommentar zu revolutionären Attitüden zu verstehen: die sehr realistische Annäherung an eine Fabriksarbeiterin in „Factory Girl“ („She gets drunk on Friday night“); die satanistische Interpretation diverser Umstürze in „Sympathy For The Devil“ („Killed the tsar and his ministers“ usw.). Und natürlich „Salt of the Earth“, einer der kunstvollsten Stones-Songs. Da beginnt Keith Richards zaghaft einen Toast an die Arbeiterklasse („Let's drink to the hard-working people“), Jagger übernimmt und verkitscht das Lob zunehmend, bevor er jäh erstarrt: Mit eisiger Stimme konstatiert er, wie wenig real ihm die „faceless crowd“ der Unterschicht vorkommt. Folgt wieder ein Toast, durchwachsen von tristem Realismus: „Spare a thought for the stay-at-home voter / His empty eyes gaze at strange beauty shows / A parade of the gray suited grafters / Choice of cancer or polio...“ Danach klingt der abschließende Jubelchor wie nackter Zynismus einer saturierten Party-Gesellschaft. Wie sie die Stones ziemlich glaubhaft verkörperten.

„Beggars Banquet“ wurde damals von vielen als ästhetischer Rückschritt verstanden, als Rückgriff auf den alten Blues. Im gleichen Jahr entdeckten die Byrds auf „Sweetheart of the Rodeo“ ihre Wurzeln im Country; Bob Dylan schöpfte für „John Wesley Harding“ tief aus dem Alten Testament; seine Begleitband, „The Band“, kramte für „Music From Big Pink“ tief im Archiv der amerikanischen Volksmusik. Dazu war 1968 das Jahr, in dem die Rockmusik das erste Mal bewusst retro war, ihre eigene (noch kurze) Geschichte entdeckte. „Als der Winter kam“, schreibt Nik Cohn in seiner „Pop History“ und meint den Winter nach dem „Summer of Love“ 1967, „als der Winter kam, war Flower-Power verwelkt, und es gab Anzeichen eines Rock'n'Roll-Revivals“.

Beatles: Ob-la-di, Ob-la-da

„Lady Madonna“ war gewiss so zu verstehen, auch das „Weiße Album“ der Beatles, in dem man heute eine Vorwegnahme vieler späterer Stilrichtungen hört, klang damals kindlich („Bungalow Bill“, „Ob-la-di-ob-la-da“) und vor allem rückwärtsgewandt. Als „bloße Reprise ihrer vergangenen Werke“, als „eine Art Retrospektive auf acht Jahre Beatles“ sah es die deutsche Zeitschrift „Sounds“ – die freilich einem ästhetischen Fortschrittsgedanken verhaftet war, der heute komisch wirkt. Er kam direkt aus dem Jazz, dessen Entwicklung ja wiederum die Entwicklung der abendländischen E-Musik nachvollzog: immer mehr tonale, harmonische und rhythmische Freiheit, immer weniger feste Strukturen. Endstation Freejazz.

Simon&Garfunkel: Stimmen der Alten

Im Pop gibt es keinen eindeutigen Vektor in Richtung Fortschritt. Aber immer einen sentimentalen Blick zurück: ins Teenage-Paradies. „Do It Again“ von den Beach Boys, ebenfalls 1968, war so zu verstehen, wohl auch „Those Were The Days“ von Mary Hopkins. Das Duo Simon&Garfunkel widmete ein ganzes Album, „Bookends“, den Erinnerungen, nahm für den Track „Voices of Old People“ die Stimmen alter Leute auf, die auf Parkbänken sitzen. Die Mitglieder der britischen Band Jethro Tull verkleideten sich sogar selbst für das Cover ihres ersten Albums, „This Was“: als alte Männer.

Natürlich sang 1968 der wilde Jim Morrison in „Five to One“ davon, dass die Alten älter und die Jungen stärker werden, dass sie die Gewehre, aber wir die Massen haben, doch erstens war das eine kraftmeierische Variation über die schönere Songzeile Tom Lehrers – „They may have won all the battles, but we had all the good songs“ –, und zweitens war die Pointe des Songs höchst resignativ: „No-one here gets out alive.“

Kinks: Gott schütze das Porzellan

Wie und wofür man doch überlebt, davon handelt das vielleicht schönste, dauerhafteste Album des Jahres 1968: „The Kinks Are the Village Green Preservation Society“, ein wert- und strukturkonservatives Bekenntnis zu Erdbeermarmelade und Billard, ländlicher Idylle und alten Freunden. Gut, Zeilen wie „God save little shops, china cups and virginity“ waren in der Ära der sexuellen Revolution nicht gerade up-to-date – aber Kinks-Texter Ray Davies ist bis heute glaubhafter „links“ (im Sinn von sozialem Bewusstsein) als viele, die damals laut schrien. Und „Days“, die Hitsingle der Kinks aus dem Jahr 1968, kann wohl jeder mitsingen, der sich gerne erinnert, sei es an Liebe oder Protest: „Thank you for the days...“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2008)

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