Breite Front gegen Schul-Überwachung

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Schüler sammeln Unterschriften gegen Videoüberwachung in Schulen. Polizisten und Jugendanwälte unterstützen sie im Kampf gegen „Big Brother“ im Klassenzimmer und setzen auf Prävention. Die Nachfrage danach hat sich seit 2005 verdoppelt.

Wien. Die Ankündigung von zehn Wiener Direktoren, ihre Schulen zur Gewährleistung der Sicherheit und zur Aufklärung von Vandalenakten mit Videokameras überwachen zu wollen, stößt auf breite Ablehnung bei Betroffenen und Experten. Neben den Schülern selbst äußern nämlich auch Jugendanwaltschaft und sogar Polizei zum Teil massive Bedenken gegen das Vorhaben – aus unterschiedlichen Gründen.

„Videoüberwachung in Schulen würde das Problem nur verdrängen, nicht lösen“, glaubt Peter Jedelsky, in der Wiener Polizei federführend bei Gewaltprävention an Schulen. So habe man beispielsweise in Fußballstadien die Erfahrung gemacht, dass auf die Tribünen gerichtete Kameras nur den Effekt hatten, dass die Schlägereien anstatt auf den Rängen nun vor den Spielstätten stattfinden. „Außerdem ist es unmöglich, ganze Schulgebäude zu überwachen, was also weiterhin unbemerkte Vandalenakte und gewalttätige Ausschreitungen ermöglicht“, so Jedelsky, der auch von Landespolizeikommandant Karl Mahrer unterstützt wird: „Videoüberwachung sollte das späteste aller eingesetzten Mittel sein.“


„Ständige Angst“

Das ist Wasser auf den Mühlen der Schüler. Im Wiedner Gymnasium, das laut Direktor Günter Schmid künftig überwacht werden soll, sammeln sie bereits Unterschriften. Mehr als die Hälfte der Oberstufen-Schüler hat schon gegen die Pläne unterschrieben: „Ich möchte mich frei bewegen können, ohne ständig gesehen zu werden“, erklärt Maturantin Karol Felsner. „Durch die Videoüberwachung wird eine ständige Angst aufgebaut, etwas falsch zu machen und bestraft zu werden.“ Ihre Kollegin Saskia Leopold ergänzt: „Videoüberwachung an Schulen einzusetzen wäre eine pädagogische Kapitulation.“

Wiens Jugendanwalt Anton Schmid versteht die Bedenken und ist „äußerst skeptisch“, dass die videogestützte Überwachung den gewünschten Sicherheitseffekt haben wird. Er glaubt eher an die Kreativität der Schüler, „die, wenn sie das wollen, bestimmt Mittel und Wege finden werden, die überwachten Zonen zu umgehen.“ Das Installieren von Kameras ist seiner Meinung nach ein völlig falsches Signal an die Schüler. „Die Überwachung suggeriert, dass sie damit rechnen müssen im Zweifelsfall ,dran‘ zu sein, nicht aber, dass wir uns um sie kümmern.“ Und auch die Schulen selbst müssten sich auf die Bedürfnisse ihrer „Kunden“ einrichten. „Es gibt Schulen, die bis 20Uhr Betrieb haben, bei denen der Portier um 16 Uhr nach Hause geht.“ Als Alternative zur Überwachung setzt man in Wien derzeit auf Prävention und Abschreckung.

Seit 1993 sind bis zu 40 Beamte im Einsatz, die bei „Problemen“ (meistens geht es um Gewalt, Sexualdelikte sowie Diebstähle und Sachbeschädigungen) mit Schülern, Lehrern und auch Eltern sprechen, zum Teil auch langfristig für Projekte mit sogenannten „peer groups“ zu Verfügung stehen. Ein Angebot, das bei Schulleitern immer beliebter wird. Kamen die Beamten 2005 noch 81 Mal an Wiener Schulen, war das 2007 bereits 180 Mal der Fall.

Auf diese Methode wollen auch die Schüler des Wiedner Gymnasiums setzen: Dort arbeiten sie gerade ein Konzept aus, um das Schulklima zu verbessern und Vandalenakte zu verhindern. Wenn Reden nicht mehr hilft, setzt man aber auch auf Abschreckung. „Weil wir Probleme mit Banden-Schlägereien hatten, baten wir den für uns zuständigen Inspektionskommandanten, vor und nach Schulbeginn jeweils zwei Uniformierte vor die Schule zu stellen“, erzählt ein der „Presse“ bekannter Lehrer einer Ottakringer Mittelschule. Ergebnis: Es ist ruhiger geworden. „Inzwischen haben wir die Polizei ,nur‘ noch drei bis vier Mal pro Jahr im Haus.“


Eltern für mehr Überwachung

Ein anderes Bild zeichnet eine telefonische Umfrage des Meinungsforschungsinstituts OGM für die ORF-Sendung „Report“. Demnach halten 64 Prozent der Erwachsenen über 18 Jahre Videoüberwachung an Schulen für eine „sinnvolle Maßnahme“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2008)