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Polen: Korruption erschüttert Euro-Gegner

29 polnische Vereine sollen Spiele verschoben haben. Der Verbandschef gerät immer mehr unter Druck.

WARSCHAU. Michal Listkiewicz hat ein Problem. Er wisse nichts von Korruption in seinem Verband, erklärte der Vorsitzende des polnischen Fußballverbandes PZPN in den vergangenen Monaten wie eine Gebetsmühle – und hat damit offensichtlich die Unwahrheit gesagt. Fast jeden Tag kommen neue Beweise ans Tageslicht und lassen das Ausmaß eines unglaublichen Skandales erahnen, Listkiewicz aber spielt weiter den Unwissenden.

Zuletzt sah sich sogar das Justitzministerium gezwungen einzugreifen. Was Justitzminister Zbigniew Cwiakalski jüngst präsentierte, ließ allen Beteiligten den Atem stocken. Mindestens 29 Vereine sollen in den Korruptionsskandal verwickelt sein. Diese Zahl könne noch steigen, warnte der Minister. Inzwischen wird vermutet, dass mehrere Hundert Spieler, Trainer und Funktionäre zu Gange waren, gegen große Summen Geldes Begegnungen zu verschieben. Politiker sprechen von einer „organisierte Verbrechergruppe“.


Euro 2012 gefährdet

Die Politiker fürchten inzwischen nicht nur um den Ruf ihres Landes, sondern auch um die Europameisterschaft 2012, die in Polen und der Ukraine stattfinden soll. Wohl zurecht. Schon Anfang des Jahres hat Uefa-Boss Michel Platini die beiden Länder schwer gerügt, dass die Vorbereitungen auf die EM eine Katastrophe sei. Es werde zwar viel geredet und auch geplant, aber nur wenig getan. Es fehle an fast allem, um die Meisterschaft einen Erfolg werden zu lassen: Straßen, Stadien und Hotels.

Genau ein Jahr nach der Vergabe der EM versinkt der polnische Fußball nun im Korruptionssumpf. Dabei waren alle Beteiligten vorgewarnt. In den vergangenen Jahren wurden immer wieder dunkle Machenschaften aufgedeckt. Erst im vergangenen Jahr wurden nach einer groß angelegten Ermittlungsaktion rund einhundert Personen angeklagt – darunter auch zwei hochrangige Mitglieder des polnischen Fußballverbandes PZPN. Schon damals hat sich Michal Listkiewicz nicht gerade als herausragender Korruptionsbekämpfer profiliert.

Seither ist der Ruf nach einer Reform des Verbandes nicht mehr verhallt. Nur mit einer neuen Spitze könne sich der polnische Fußball aus dem kriminellen Sumpf befreien, heißt es. Doch vor allem ein Mann stemmt sich dagegen: Michal Listkiewicz. An diesem Wochenende schien angesichts des neuerlichen Skandals für den PZPN-Chef auf einer außerordentlichen Sitzung des Verbandes die Stunde der Wahrheit gekommen. Dort kündigte der Fußball-Boss auch trotzig seinen Rücktritt an – allerdings erst im September. Zu diesem Rückzug auf Raten passt, dass Listkiewicz gestern doch einräumte, von dem Skandal geahnt zu haben. Zwei Mal sei versucht worden, ihn zu bestechen, erklärte er im Interview mit einem Privatradio. Auf die Frage, weshalb er die Leute nicht angezeigt habe, hatte er eine einfache Antwort. Listkiewicz: „Es gab keine Zeugen.”

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2008)