Letztens war in dieser Rubrik von Fleisch (und Blut) die Rede; erst nach Erscheinen erreichte mich ein passendes E-Mail.
Über „ein weltweites Symposium von Wissenschaftlern zum Thema kultiviertes Fleisch im norwegischen Aas“, wer über den passenden Ortsnamen schmunzeln will, soll das bitte jetzt kurz tun, ich will darüber hinwegsehen.
:-) (...) Geht's schon wieder? Okay.
Das „In vitro Meat Symposion“ behandelte Fleisch, das nicht im Körper lebender Tiere gewachsen ist, sondern im Labor, in Zellkulturen. Die Erzeugung von In-vitro-Steaks werde „auch mittelfristig noch nicht realisierbar sein“, zunächst rechne man mit „verarbeiteten Fleischwaren wie Würsten, Nuggets oder Burger“.
Wie grauslich!, rufen Sie? Finde ich nicht. Was ist eklig an Zellkulturen? Abstoßend finde ich eher die Vorstellung, dass auf der Stelze, die man isst, vor kurzem ein lebendes Schwein nicht einmal gelaufen, sondern im dunklen, engen Käfig gestanden ist.
Gewiss: Das will, das muss man sich nicht vorstellen. Ich behaupte: Je zivilisierter eine Gesellschaft ist, umso weniger nach Tier, umso denaturierter sieht das Fleisch aus, das sie isst. Blutige Steaks am Knochen serviert man am häufigsten in Weltgegenden, in denen die Männer Gewehre im Wandschrank aufbewahren (und Frauen nicht ins Kaffeehaus dürfen). Gasthausschilder, die lebensnah ein Ferkel zeigen, das auf einem Spieß steckt, sind barbarisch; traurig, dass diese Unsitte auch in Wien Einzug hält.
In Graz stand unlängst das grausige Wort „Milchferkelschnitte“ (das noch dazu an „Kindermilchschnitte“ erinnert) auf einer Speisekarte: Da versteht man wieder, für welchen Fortschritt im Feingefühl das (in der Thora dreimal angeführte) Verbot „Du sollst das Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen“ steht.
Weniger d'accord bin ich mit dem (schönen) Petrus-Wort „Alles Fleisch ist wie Gras“. Den Unterschied riecht man schon: Gras verrottet, Fleisch verwest. Und das Gras hat kein Fleisch gefressen, das Fleisch sehr wohl Gras, manchmal auch anderes Fleisch, das selbst Gras gefressen hat. Dann wird es ethisch kompliziert: Soll man zur Antilope helfen oder zum Löwen? (Keine voreiligen Antworten: Verhungern ist auch nicht lustig.)
Energetisch ist die Sache klar: Am besten nützt die Sonnenenergie, wer selbst Fotosynthese betreibt. Leider können wir das (vorerst) nicht, müssen daher mit Verlusten rechnen, weil die Pflanzen, die wir pflücken oder anbauen, auch etwas Energie für ihr eigenes Leben brauchen. Beim Umweg über Tiere sind die Verluste größer, mit Mais gefütterte Rinder nähren viel weniger Menschen als der Mais selbst: In Zeiten, in denen sich die unsichtbare Hand des freien Marktes als eher ungeschickt bei der Welternährung erweist, ist das nicht ganz uninteressant.
„Ich sage immer: Esst, Kinder, esst Schnitzel, ihr werdet noch früh genug auf Algensuppe gesetzt“, sagt Onkel Hans-Otto in Herbert Rosendorfers Roman „Das Messingherz“: „Wenn Gott mir gnädig ist, habe ich mich vorher schon zu Tod gefressen.“
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2008)