Wir werden uns wohl darauf einstellen müssen, dass die inflationsfreien Jahre für längere Zeit Geschichte sind.
Falls sich die Regierung angesichts der immer schneller zunehmenden Teuerung doch noch zur Auszahlung des legendär gewordenen „Gusi-Hunderters“ entschließen sollte, muss sie sich beeilen. Denn nach den jüngsten Daten wird aus dem Hunderter bis zum Jahresende real ein „96,5er“ geworden sein. So schnell kann es gehen, wenn die Inflation zu traben beginnt.
Panik ist aber noch nicht angebracht: Die Teuerung ist keineswegs, wie dies jetzt suggeriert wird, auf Rekordhoch. Über weite Strecken der siebziger und achtziger Jahre waren die Inflationsraten viel höher. Speziell während der beiden legendären Ölschocks, als die Rohölpreise prozentuell ähnlich hoch schossen wie im vergangenen Jahr.
Aber auf die leichte Schulter nehmen sollte man die Entwicklung auch nicht: Der Rohölpreis wird in den nächsten Monaten, wenn überhaupt, nur leicht zurückkommen. Bei den stark gestiegenen Nahrungsmittelpreisen zeichnet sich keine Entspannung ab, und die umlaufende Geldmenge ist der EZB, wie die jüngsten Daten zeigen, auch ein wenig entglitten. Drei machtvolle Inflationstreiber, die uns für einige Zeit begleiten (und dem Finanzminister nette Zusatzeinnahmen aus der Mehrwert- und der Mineralölsteuer bescheren) werden.
Gegensteuern ist zumindest für die Währungshüter schwierig, weil sie in einer Abschwungphase passiert. Das traditionelle Lehrbuchrezept, nämlich die Zinsen hoch zu schnalzen, geht derzeit nicht. Außer man will die Wirtschaft nach der 30er-Jahre-Methode abwürgen und die gebeutelten Banken endgültig in den Abgrund, vor dem sie derzeit stehen, hinabstoßen.
Und auf nationaler Ebene geht schon gar nichts: Ölpreis, Nahrungsmittel-Weltmarktpreise und Geldmengensteuerung der EZB entziehen sich dem Einflussbereich älplerischer Regionalpolitik. Die Hinterbänkler und Parteisekretäre, die sich jetzt mit Forderungen nach staatlicher Preisregulierung für Treibstoffe wichtig machen, und meinen, damit könnte man den globalen Ölmarkt in den Griff bekommen, sollten sich für das Herbstsemester in ihrer zuständigen Volkshochschule gleich einmal für den Kurs „Volkswirtschaft für Anfänger I“ vormerken lassen.
Das ist alles sehr bitter: Inflation ist ja die kalte Enteignung der Sparer zu Gunsten der Kreditnehmer. Wer Geld auf der hohen Kante hat, verliert, wer Zahlungsverpflichtungen hat, dessen Schulden verkleinern sich real. Um so schneller, je höher die Inflationsrate ist. Was, nebenbei, dazu führt, dass der Staat doppelter Inflationsgewinner ist: Durch höhere Mehrwertsteuereinnahmen und durch eine de facto-Verringerung der realen Staatsschuld.
3,5 Prozent sind, wie gesagt, noch keine Katastrophe. Aber man muss jetzt aufpassen, dass sich nicht die Spirale nach unten zu drehen beginnt. Die jetzigen Rufe nach sofortiger „Inflationsabgeltung“ deuten in diese Richtung. Sie sind aus Sicht der Betroffenen verständlich. Aber eine Lohn-Preis-Mieten-Spirale, die zu den externen Preistreibern vom Weltmarkt noch ein paar interne hinzufügt (und damit dann wirklich ein Teuerungsproblem schafft), brauchen wir jetzt wie einen Kropf.
Wenn die Politik in der Situation helfen will, dann kann sie das am besten durch eine vernünftige (und möglichst vorgezogene) Steuerentlastung, die ja mit den absehbaren inflationsbedingten Mehrerträgen aus der Mineralöl- und Mehrwertsteuer aufgefettet werden könnte. Einschließlich einer (längst überfälligen) Inflationsanpassung der Steuerstufen, damit die jetzt doch spürbar höhere Inflation nicht dazu führt, dass Klein- und Mittelverdiener noch schneller als bisher in „Reichen“-Steuertarife hineinfallen, ohne dass sie real mehr verdienen.
Und man könnte sich (gleich auch auf EU-Ebene) einmal die Merkwürdigkeit anschauen, dass die Preise für Agrar-Rohstoffe geradezu explodieren, die Milliarden-Subventionen für die Produzenten dieser Rohstoffe aber nicht zurückgehen. Auch da liegt „Spielmasse“ verborgen.
Wovon man freilich die Hände lassen sollte, ist das aktionistische Wacheln mit diversen „Hundertern“, die die inflationsgeplagten Bürger nicht wirklich entlasten, die Inflation eher antreiben und den Staat hunderte Millionen kosten.
Ansonsten werden wir uns aber darauf einstellen müssen, dass die quasi inflationsfreie Zeit der vergangenen Jahre (die auch viel mit unnatürlich niedrigen Energie- und Rohstoffpreisen zu tun hatte) vorbei ist. Und zwar für lange Zeit.
Inflation stark gestiegen Seiten 21 und 22
josef.urschitz@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2008)