US-Wahl: Schlammschlacht um Gott und Keksebacken

(c) AP (Matt Rourke)
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Obama und Clinton ergehen sich vor der Pennsylvania-Vorwahl am Dienstag in heftigen Grabenkämpfen.

Washington. In der politischen Terminologie der USA nennt man es „October surprise“: ein überraschendes Ereignis, das den Ausgang der Wahl im November beeinflusst oder gar verändert. Im langen Kampf um die demokratische Präsidentschaftsnominierung war es eine „April surprise“, die Hillary Clinton wieder Aufschwung gab und Barack Obama unter Druck brachte.

Wie sehr, zeigte die TV-Debatte in der Nacht auf Donnerstag: Die Aussage des Senators aus Illinois, der im liberalen San Francisco darüber philosophiert hatte, dass sich arbeitslose, „verbitterte“ Kleinstädter an „Waffen oder an die Religion klammern oder an die Abneigung gegenüber Menschen, die nicht so sind wie sie“, bestimmte die Diskussion.

Die Bemerkung, gemacht bei einem privaten Event, ist zwar eine treffende Beschreibung der „Rednecks“, der Arbeiterklasse in den USA. Doch für jemanden, der genau diese Stimmen braucht, um gewählt zu werden, ist eine solche Definition wenig hilfreich.

„Ich verstehe, warum Menschen beleidigt sind“, meinte Obama bei der TV-Debatte des Fernsehsenders ABC. Die Bemerkung sei „in der Form“ ein Fehler gewesen. Seine Gegner würden sie nun herauspicken und immer wieder „darauf herumreiten“. Genau das tut seine innerparteiliche Konkurrentin Clinton. Für sie ist der Satz ein Rettungsanker für die am kommenden Dienstag stattfindende Vorwahl in Pennsylvania. Vor Wochen hatte sie in dem Bundesstaat noch mit einem 20-Prozent-Vorsprung geführt, doch der schrumpfte in den vergangenen sieben Wochen, in denen keine Vorwahl stattfand, auf fünf Prozentpunkte zusammen. (Sie führt derzeit mit 46 zu 41). Verliert sie die Vorwahl am Dienstag, gibt es für sie keinen Grund mehr, im Rennen zu bleiben.

Doch seit Obamas Fehler bleibt ihr Vorsprung konstant, und Clinton brachte bei der TV-Debatte den Sager immer wieder auf. Ihr Vater, der ein hart arbeitender Mann gewesen sei, habe nicht aus Verzweiflung an Gott geglaubt. Solche Bemerkungen würden Wähler lediglich als „überheblich“ und „elitär“ sehen. Befragt, ob sie glaube, dass Obama die Präsidentschaftswahl gewinnen könne, meinte sie: „Ja, ja, ja. Aber ich glaube, dass ich den besseren Job machen kann.“

Obama musste tief in Clintons Vergangenheit wühlen, um eine ähnlich unbedachte Bemerkung seiner Konkurrentin zu finden. Gefunden hat er sie 1992: „Soll ich zuhause bleiben und Kekse backen?“, hatte Clinton damals auf Kritik geantwortet, sie sei eine Karrierefrau. Das habe sie auch nicht abwertend gegenüber Hausfrauen gemeint, es sei ihr aber von ihren Gegnern so ausgelegt worden, sagte Obama.

Von Bosnien-Episode eingeholt

Clinton selbst musste sich von einem per Video zugespielten Wähler wiederum anhören, warum man ihr noch glauben könne nach der Bosnien-Episode, als sie erklärt hatte, sie sei als First Lady unter Scharfschützen-Beschuss in dem Land gelandet. Tatsächlich war es ein sehr friedlicher Besuch inklusive Kindern, die ihr Blumen überreichten. Sie habe sich in ihrer Erinnerung geirrt, es tue ihr leid, antwortete Clinton.

Die beiden Kandidaten kämpfen seit mittlerweile 15 Monaten um die Nominierung. Die Debatte in der Nacht auf Donnerstag war die 21., an der sie teilnahmen. Obama führt nach einer Zählung des Nachrichtensenders CNN mit 1644 gewonnenen Delegiertenstimmen vor Clinton mit 1498. Ein Kandidat benötigt für die Nominierung 2025.

WIE ES WEITERGEHT

Die Vorwahlen im Bundesstaat Pennsylvania finden kommenden Dienstag statt. Von 25. bis 28. August halten die Demokraten ihren Nominierungsparteitag ab, von 1. bis 4. September die Republikaner, wo die Ernennung John McCains nur Formsache ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2008)

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