Während die US-Armee kaum noch Rekruten bekommt, werden die Marines gestürmt. In Parris Island macht man aus Zivilisten die „Härtesten der Harten".
Parris Island. Man bekommt allein vom Zuschauen Angst. „Was haben Sie sich gedacht", brüllt Staff-Sergeant Seas so laut, dass sich seine Stimme überschlägt. „Sie haben keine Disziplin!" - „Aye, Sir", brüllt der arme kleine Brillenträger zurück. „Machen Sie das nie wieder! Nie, nie, nie!" - „Aye, Sir". „Gib' mir 20", schreit der Sergeant, und schon liegt der Rekrut am Boden und macht Liegestützen.
Das Vergehen des jungen Mannes: Er hat sich am Hals gekratzt. Es bedarf schier übermenschlicher Überwindung, es bei all den Moskitos hier auf der Insel nicht zu tun. Aber der Staff-Sergeant hat es gesehen, und ein Rekrut darf sich unerlaubt weder am Hals kratzen noch darf er den dicken, fetten Moskito erschlagen, der sich am Arm voll saugt.
Reden wie aus Hollywood-Filmen
Die Moskitos sind zwar nicht Teil der Ausbildung auf Parris Island, dem Bootcamp des „United States Marines Corps" im US-Bundesstaat South Carolina. Aber sie helfen, den jungen Burschen gleich mehrere Dinge beizubringen: Disziplin, Selbstbeherrschung und das Faktum, dass sie hier nichts mehr ohne Befehl tun dürfen. Nicht einmal sich kratzen.
Seit 1915 werden hier „Marines gemacht", wie ein Banner am Haupteingang verkündet. Parris Island ist legendär: Billy Joel hat es besungen, Gustav Harford hat darüber geschrieben („The Short-Timers") und Hollywood hat etliche Filme über die zwölf Wochen Hölle gemacht, durch die die jungen Rekruten gehen müssen. Aus jährlich 20.000 Zivilisten werden hier die „Härtesten der Harten", die „Elite des US-Militärs", die „Wenigen, die Stolzen - die Marines", wie es im Werbejargon in einer Broschüre heißt.
Es ist kein Spaß, Marine zu werden: „Ist das alles? Ihr könnt nichts, gar nichts", schreit ein Drill Instructor (DI), und das ganze Plas-6;0toon brüllt wie aus einer Kehle: „Aye, Sir." Natürlich sind sie nichts, deswegen sind sie hiers. „Wir machen aus ihnen die besten Soldaten, die es gibt. Echte Marines."
Das ist nicht nur Gerede. Mit solchen Sprüchen schafft man ein Elitedenken, das weit über die Grundausbildung hinaus anhält. Wer durch diese Schule gegangen ist, ist sein Leben lang stolz darauf und tut auf Autoaufklebern und T-Shirts kund, dass er Marine ist. Teils hören sich die Motivationsreden an, wie aus einem Hollywood-Film - nicht unbedingt dem teuersten. „Wir kämpfen, damit Amerika in der Nacht ruhig schlafen kann", erklärt ein Sergeant seinen Soldaten. „Wir sind die Beschützer der Freiheit. Der letzte Posten. Und wir versagen nie."
An diesem Morgen versagen die ersten um 6.40 Uhr. Seit fast einer Stunde rennen die Rekruten im Kreis, die Langsameren und die mit den weißen Streifen - das Zeichen für Übergewicht - müssen alle paar Runden Liegestützen machen. Ständig angeschrieen, ständig unter Aufsicht. „Wir achten darauf, sie nicht ganz fertig zu machen. Wir bringen sie an ihre Grenze und etwas darüber - so weit, wie sie nicht glaubten, dass sie es überhaupt schaffen." Das soll das Selbstvertrauen bringen, das einen Marine auch in einer ausweglosen Situation weiterkämpfen lässt.
„Nach zwölf Wochen sind sie in bester Kondition", erklärt Staff-Sergeant Seas, einer der „Drill Instructors (DI), angesichts der Zusammenbrechenden mit heiserer Stimme. Das Schreien gehört hier dazu, von der ersten Minute an, jeden Tag. Damit schüchtert man die jungen Leute an, setzt sie unter Stress und bringt ihnen bei, zu agieren, wenn jemand brüllt. „Im Kampfeinsatz reden wir auch nicht höflich miteinander."
„Manche weinen"
Das Schreien beginnt bei der Ankunft. „Raus aus meinem Bus, raus", brüllt ein DI, als spätabends ein Bus mit neuen Rekruten ankommt. Dann beginnt die „Verwandlung", wie sie es hier nennen. Am Ende, nach 84 Tagen Parris Island, soll ein Soldat auf dem asphaltierten Exerzierplatz stehen, der auf Befehl zur Kampfmaschine wird, die nicht zögert, nicht zaudert, nicht hinterfragt.
Diese Verwandlung will man nicht beeinflussen, deshalb verbietet das Kommando Interviews mit den jungen Soldaten. Man will nicht, dass plötzlich jemand in normalem Ton zu dem Rekruten spricht, der dann vielleicht noch „Ich" sagt. Denn auch das ist streng verboten: „Ich" und „du" gibt es während der Grundausbildung nicht, man darf nur „dieser Rekrut" oder „jener Rekrut" sagen. Das soll das Individuum ausschalten und den Teamgeist fördern.
Der Drill, das ständige Schreien, der ständige Stress, zeigt Folgen, vor allem in der erste Woche. „Sie wissen nicht, was passiert. Ein paar fangen an zu weinen", erzählt Seas von den Reaktionen der Rekruten. Auch auf ihn hat es Wirkung: „Zwei bis drei Mal pro Monat" verliere er die Stimme. Länger als drei Jahre hält das keiner durch, denn im Gegensatz zu den Rekruten haben es die DIs nach zwölf Wochen nicht überstanden, sondern müssen nach ein paar freien Tagen die nächste Kompanie ausbilden: Teils 20 Stunden am Stück, ohne Wochenende.
Die augenscheinlichsten „Verwandlung" erfahren die neuen Rekruten wenige Minuten nach der Ankunft, wenn ihnen zwei Friseure im Akkord Glatzen scheren. Den ursprünglichen Aufnahmetest zu bestehen, ist keine Kunst: Zwei Klimmzüge, 44 Klappmesser binnen zwei Minuten, und 1,5 Meilen in 13:30 Minuten. Wer nicht einmal das schafft, kommt ins „Pork-Chop-Platoon" (Schweinskotelett-Platoon). Sie müssen mehr trainieren, genauso wie die Rekruten mit den weißen Streifen auf dem grünen T-Shirt.
„Keine Teddy-Bären"
Das Schreien, Auslaugen, die Reden, die oft sinnlosen Befehle, die befolgt werden müssen - das funktioniert natürlich nur mit jungen Menschen. Neulich hatten sie einen Fast-30-jährigen und der weigerte sich eines Morgens schlicht, aus dem Bett zu gehen. Angreifen durften ihn die Ausbildner nicht, das hat man nach etlichen Übergriffen in der Vergangenheit und blutig geschlagenen Rekruten verboten.
Dem „Rebellen" waren auch Ehre und Werte egal, die man hier predigt. Denn das soll eine der Eigenschaften sein, die einen Marine auszeichnet. „Wir legen besonderen Wert auf Ehre, auf Disziplin, auf Hingabe", sagt Leutnant Josiah Nicely. „Einen Marine erkennt man sofort, weil er respektvoll und anständig ist."
Die viel gepriesene Härte ist freilich relativ. Bei einer Umfrage des Corps-Magazins „Marines", was die Soldaten im Bootcamp am meisten vermissten, steht an erster Stelle das Verbot, ich oder du zu sagen. An zweiter Stelle: „Keinen Teddy-Bären."
("Die Presse" Printausgabe vom 19. April 2008)
Das „US Marine Corps“ ist eine der fünf Teilstreitkräfte der Vereinigten Staaten. Derzeit haben die Marines knapp 190.000 aktive Mitglieder, die Zahl soll bis 2011 auf mehr als 200.000 aufgestockt werden. Marines bewachen unter anderem weltweit die US-Botschaften. Neue Rekruten müssen sich für vier Jahre aktiven Dienst und für vier Jahre Reserve verpflichten.