Wenn der Gasmann nicht mehr klingelt

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Bald sollen die Kunden der Wien- Energie Strom- und Gaszähler selbst ablesen. Die Ableser werden sukzessive abgebaut, um Personalkosten zu sparen.

"Guten Morgen, Wien-Energie, Gasablesung", sagt Gerhard Lesniewicz. Mit verschlafenem Blick öffnet ein Mann in Unterhose die Eingangstür und lässt den Gasableser in seine Wohnung. „Den haben wir aufgeweckt“, meint der Mitarbeiter von Wien-Energie später. Und das, obwohl der Besuch schon einige Tage vorher mit einem deutlich sichtbaren Zettel an der Haustür angekündigt war.

Die Adjustierung des verschlafenen Kunden war nicht das einzige Indiz dafür, dass er den Anschlag übersehen haben muss. Kurz nach sieben Uhr kommen viele eben gerade erst in Gang. Lesniewicz, der täglich von Korneuburg nach Wien pendelt, ist zu diesem Zeitpunkt schon zweieinhalb Stunden auf den Beinen. Seine Tour führt ihn heute in einige Altbauhäuser auf der Hernalser Hauptstraße. Vorbei an Altpapiercontainern und abgestellten Fahrrädern bahnt er sich in den Gängen den Weg zu unscheinbaren grauen Türen in der Wand, hinter denen die Strom- und Gaszähler untergebracht sind.

37.000 wollen selbst ablesen

47 Messgeräte sind es in diesem Haus, die er ablesen muss. Viele davon am Gang, doch zu einigen kommt er nur über die Wohnung. Diese oft mühsame Prozedur ist ein Grund dafür, dass Wien-Energie ihre Kunden selbst die Zähler ablesen lassen möchte. Auch rund 37.000 Kunden hätten angegeben, dass sie lieber selbst den Zählerstand kontrollieren möchten – morgendliche Überraschungen blieben ihnen dann erspart.

Umgekehrt müssten sich die Strom- und Gasableser nicht immer wieder ärgern, wenn sie vor einer verschlossenen Türe stehen – was auch immer wieder vorkommt. „Dann muss ich eben ein zweites Mal kommen“, sagt Lesniewicz. Normalerweise arbeitet er sich in jedem Haus von unten nach oben durch – so kann er beim Hinuntergehen noch einmal anklopfen: „Vielleicht hat der Kunde ja vorher noch geschlafen.“

Von 90 Mitarbeitern, die heute noch die rund 1,5 Millionen Strom- und 600.000 Gaszähler in Wien und 80 Umlandgemeinden betreuen, sollen mittelfristig etwa 60 übrig bleiben. Der Rest soll durch Pensionierungen abgebaut werden. Ganz verzichten kann man auf sie aber auch in Zukunft nicht. Denn alle drei Jahre kommt in jedem Fall jemand zum Ablesen der Geräte vorbei.

Außerdem sind die Mitarbeiter nicht nur zum Ablesen da, sondern müssen auch für neue Mieter die Leitung öffnen – oder zahlungsunwilligen Kunden den Hahn zudrehen. Auch solche unerfreulichen Dinge gehören zum Job. Ein Problem damit hat Lesniewicz nicht: „Im Supermarkt muss man ja auch bezahlen.“

Leicht bekleidet? „Lässt kalt“

Ein gewisses Image-Problem haben die Strom- und Gasableser dennoch – allzu oft ist zu hören, dass vermeintliche Gaskassiere Zutritt in Wohnungen bekommen und die Bewohner dann bestohlen haben. Der Rat des Experten: „Wir kommen nie ohne Anmeldung.“ Ist man unsicher, sollte man bei der Wien-Energie nachfragen, bevor man jemandem die Tür öffnet.

Keine Zweifel hat die Dame, die die Tür ihrer Wohnung fast schon freudig öffnet. Trotz der frühen Stunde ist sie bereits angezogen und für den Tag hergerichtet. Sie hat den morgendlichen Besuch sichtlich erwartet. „Habe ich wenigstens weniger Strom?“, fragt sie. „Leider nicht“, meint Lesniewicz nach einem Blick auf sein elektronisches Ablesegerät, auf dem er den Zählerstand erkennen kann. Wie viel mehr die Pensionistin bezahlen muss, darf – und kann – er ihr aber nicht sagen. Schließlich gibt es ja private Anbieter mit unterschiedlichen Tarifen, die das Netz von Wien-Energie nutzen.

Seit 22 Jahren ist der 48-Jährige als Ableser unterwegs. Früher, bis vor zehn Jahren, hat er die Gebühren direkt kassiert. Alle zwei Monate klopfte er an die Tür. Da gab es noch mehr persönlichen Kontakt: „Die Kunden sagen Gerhard zu mir“, meint Lesniewicz. Zumindest die alten. Heute ergibt sich kaum mehr eine längere Konversation. Und auch nichts anderes, selbst wenn plötzlich eine leicht bekleidete Dame die Tür öffnen sollte: „Das lässt mich kalt“, sagt der Gasableser, „ich bin seit 25 Jahren verheiratet. Und außerdem schaue ich nur auf meine Messgeräte, alles andere interessiert mich nicht.“

DO IT YOURSELF: Strom und Gas selbst ablesen

Kunden der Wien-Energie sollen in Zukunft die Zähler von Strom und Gas selbst ablesen. Das Unternehmen verschickt dazu Schlüssel für die Zählerkästen. Hintergrund: Personalkosten sollen eingespart werden.

Mehraufwand: Befindet sich der Zählerkasten am Gang außerhalb der Wohnung, haben die Kunden die Ablesung bisher nicht mitbekommen, nun sollen sie sich selbst darum kümmern.

Komfort: Für Zählerkästen in der Wohnung fällt eine Belastung weg: Man muss keine (morgendlichen) Termine mehr mit dem Ableser ausmachen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2008)

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